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22/2014 - Zum Schauspieler spätberufen
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Ungelesen , 10:26
Zum Schauspieler spätberufen

Haymon Maria Buttinger hat in seinem Leben viel ausprobiert, Umwege und Rückschläge erlebt. So geht es heute immer mehr Menschen.


Von Martina Powell und Magdalena Jöchler

Ein bisschen schief hätten sie ihn angeschaut. Und gelacht. Haymon Maria Buttinger erinnert sich noch gut an die Reaktionen seiner Freunde, als er es mit 33 Jahren nochmals wissen wollte. „Überlege dir das mit der Schauspielerei gut, hat es geheißen. In deinem jetzigen Job bist du vielleicht gefragt, auf der Bühne aber nur einer von vielen.“ Heute sitzt der 61-Jährige im Wiener Café Ritter und erzählt von seiner langen und manchmal schmerzhaften Reise. Denn fast hätten seine Freunde Recht behalten. Erst letztes Jahr engagierte ihn der Regisseur Michael Schottenberg für die Hauptrolle in der hochgelobten Woyzeck-Inszenierung am Volkstheater. Es war sein Durchbruch nach fast dreißig Jahren. Bereut habe er allerdings nie, alles „hingeschmissen“ zu haben: „Da will ich doch lieber alt sein und wissen, dass nichts aus mir geworden ist, anstatt es gar nicht probiert zu haben.“

Mut zur Neuorientierung

Das Risiko einzugehen zu scheitern, sich neu zu orientieren – dazu entscheiden sich immer mehr Menschen. In der Wissenschaft werden weder die berufliche noch andere Teilidentitäten des Einzelnen als unveränderlich oder gar statisch verstanden. Was die Forschung längst anerkennt, wird im Alltag immer offensichtlicher: Während Fixanstellungen seltener werden, seien Jobhopping, lebenslanges Lernen und berufliche Neuorientierung geradezu die Regel. Das wirke sich auf das Selbstverständnis aus, sagt Christian Korunka von der Fakultät für Psychologie an der Uni Wien. Während man sich heute mehr über das eigene Rollenverständnis identifiziert, hatte man früher eine stärkere Bindung an das Unternehmen, für das man arbeitete. Das kann René Sturm vom AMS-Forschungsnetzwerk bestätigen: „Die berufliche Biografie, an der sich auch die jeweilige Identität festmachen lässt, wird fluider. Viele Menschen empfinden dies als Stress oder gar Bedrohung.“ Andere hingegen treibt diese Unsicherheit geradezu an – wie Haymon Maria Buttinger.
Schon als Kind habe er gewusst, was er wollte: „Am Wald sind wir zusammengestanden, ein paar Buam, sechs, sieben Jahre alt. Da habe ich zu allen gesagt: Ich werde Schauspieler, da verdient man 100 Schilling am Tag!“ Gefördert wurde sein Wunsch allerdings nicht – nicht im Elternhaus, nicht an der Wiener Jesuitenschule Kalksburg.
Mit 17 Jahren hatte Buttinger genug von Wien und zog nach Kärnten auf einen Bauernhof im Rosental. Der Beginn seiner „Hippie-Zeit“, wie er selbst sagt. Er habe hauptsächlich gemalt, die Schauspielerei allerdings immer im Hinterkopf behalten. Doch erst zurück in Wien, als Buttinger seine WG mit Straßenmalerei über Wasser hielt und frühmorgens Mozart oder Franz Schubert auf den Asphalt an der Bellaria zeichnete, holte ihn sein Traum wieder ein. Da war er gerade mal 20 Jahre alt. „Einmal kamen Freunde aus Kärnten vorbei und sagten: Hast
du gehört, das Burgtheater sucht Komparsen für ein Shakespeare-Stück.“ Buttinger ließ alles stehen und liegen und stand wenig später auf der Bühne des Burgtheaters. Bei der Premiere habe ihn der Druck im Rücken fast umgehauen. „Wenn du tausend Blicke am Rücken spürst, ist das kein Wunder. Da macht es puffff!“ Er habe gar nicht aufstehen können, so nervös sei er gewesen. „Als Outsider und Hippie bin ich da oben gestanden. Unter mir die ganze Society aus Wien, die – entschuldigt – mal die Goschn halten musste. Das hat mich unglaublich begeistert.“
Oben auf der Bühne der Hippie, unten im Publikum die Society. Sich von etwas zu distanzieren und sich wiederum anderen Dingen zugehörig zu fühlen, ist Teil der Identitätssuche. Dieser Prozess wiederholt sich in allen möglichen Lebenslagen, so auch im Beruf. Für viele sei etwa die Ausbildung der erste wichtige Schritt in der beruflichen Biografie, sagt Christian Korunka von der Uni Wien. Was man aber nicht vergessen dürfe: „Die Erfahrungen, die man während der Ausbildung und danach sammelt, sind genauso ausschlaggebend dafür, wie es weiter geht.“ Dabei müsse man unterscheiden zwischen erzwungenem Jobwechsel, aus wirtschaftlichen Gründen etwa, und selbstgewähltem Jobhopping.
Auf Buttinger scheint beides zuzutreffen: Nach seiner ersten Bühnenerfahrung mit gut 20 Jahren machte er ernst, schloss 1978 die Schauspielschule am Konservatorium ab und holte sich prompt „die erste Watschn“. Ein Lehrer vom Konservatorium hatte ihn weiterempfohlen, er solle doch in St. Pölten bei einer Inszenierung von „Mutter Courage“ von Bert Brecht mitspielen. „Zunächst dachte ich: Wow, ein Brecht! Aber dann wurde das Stück als Bauernschwank inszeniert.“ In St. Pölten wollte man ihn weiter verpflichten, Buttinger lehnte ab. Es folgten „zähe Jahre“: Zwar bekam er große Aufträge. Doch nicht als Schauspieler, sondern als Innenrequisiteur. Als solcher war er gefragt, arbeitete mit Regisseuren wie Axel Corti oder Fritz Lehner zusammen. Die Schauspielerei wollte ihn jedoch nicht loslassen. „Deshalb habe ich immer geschaut, dass ich bei den Produktionen in kleinen Rollen mitspielen kann.“

Magere Jahre und später Ruhm

Warum er sich am Gipfel seines Erfolgs als Innenrequisiteur, entschlossen hat aufzuhören, kann er nicht genau sagen. „Irgendwie hatte ich mit 33 das Gefühl, jetzt muss ich mich entscheiden.“ Buttinger zog den Schlussstrich, schlug eine Filmproduktion in New York aus und wurde von seinen Freunden schief angeschaut. „Was bildet er sich ein, nur weil er ein guter Requisiteur war, soll er ein super Schauspieler werden?“
Auf diese Entscheidung folgten wieder „magere Jahre“, von seinem Ziel ließ sich Buttinger aber nicht abbringen. Mit allen möglichen Jobs hielt er sich über Wasser, machte Musik, schrieb Gedichte und bekam hin und wieder eine Rolle – etwa als SS-Mann im Film „Schindlers Liste“ oder als Nebendarsteller in „Liliom“ am Burgtheater. Dort wurde er auch für sechs Jahre ins Ensemble aufgenommen, spielte in 17 Stücken 24 Rollen. Als sein Vertrag nicht verlängert wurde, reiste er viel, spielte in Bochum, Berlin, Straßburg und Stuttgart. Doch der große Durchbruch blieb aus.
Nach all den Jahren, den vielen Umwegen und Sackgassen, da seien ihm dann doch die Tränen gekommen, als ihn die Kritiker als „Woyzeck“ lobten und die Zuschauer im Volkstheater wie bei einem Rockkonzert schrien. Noch einmal, im Juni, wird er als Woyzeck auf der Bühne stehen. Parallel dazu ließ er sich für ein Karl Kraus-Stück und „Die Vögel“ von Aristophanes verpflichten. Was danach kommt, darüber macht sich Buttinger keine Sorgen: „Ich mache eben vieles gleichzeitig. Ich bin der Haymon, der sich seit 61 Jahren auf diesem Planeten bewegt – und dem mal das Schicksal einen Schupfer gegeben hat.“

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