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22/2014 - Geboren im falschen Körper
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Ungelesen , 10:29
Geboren im falschen Körper

Angelika Frasl war früher ein Mann. Fast 50 Jahre lang erlebte sie ihren Körper wie ein Gefängnis. Heute ist sie endlich im Reinen mit sich.

Von Sylvia Einöder


„Du bist kein richtiger Bub! Du bist ein verpatztes Mädchen! Aber warte nur, bis du zum Bundesheer kommst! Die werden schon einen Mann aus dir machen!“ Die Worte der Großmutter klingen Angelika Frasl noch heute im Ohr. Die 57-Jährige sitzt in ihrem Stammlokal im 15. Bezirk bei einem Wiener Schnitzel, während sie ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt. Vor einigen Jahren sah die Frau mit den roten, kinnlangen Haaren und dem Blumenrock noch ganz anders aus.
Schon im Kindergarten bemerkt sie, damals noch ein Bub, dass etwas nicht stimmt. Dieser etwas andere Bub eckt mit seinen Eigenheiten immer wieder an. Als die Schwester Lackschuhe bekommt und er auch welche haben will, reagieren die Eltern mit den Worten: „Hör auf damit!“ Auch mit den Barbiepuppen spielen darf Frasl nur zu Hause – was sollen denn die Nachbarn denken?
„Als in der Pubertät das Geschlecht ein Thema wurde, hab ich den Herrgott nicht nur einmal einen buckligen Hund geschimpft, dass er mich nicht als Mädchen hat auf die Welt kommen lassen“, erinnert sich Frasl. In den Sechzigerjahren ist Transidentität, früher als Transsexualität bezeichnet, noch kein Thema in Österreich. Irgendwann glaubt Frasl, verrückt zu sein – und entschließt sich, zu schweigen. Einmal erwischt die Mutter den Jugendlichen, als er ihren Kleiderkasten durchwühlt. Sich anzupassen und möglichst unauffällig zu verhalten wird für ihn zur obersten Maxime.

Ein bürgerliches Leben

Frasl beginnt als Beamter bei der Stadt Wien zu arbeiten. Mit 24 Jahren lernt er seine spätere Frau kennen. „Die Initiative ist von ihr ausgegangen, sonst wäre nichts passiert. Es war plötzlich alles neu, ich habe mich verliebt und meine wahren Bedürfnisse kurz nicht so gespürt.“ Weil er schon als Kind eingetrichtert bekommt, dass „Männer nichts mit Männern haben“ dürfen, ist auch die sexuelle Orientierung kein Thema. Die Sehnsucht nach einem „normalen Leben“ ist größer, Kinder waren immer ein Herzenswunsch.
Erst Mitte der Achtzigerjahre stolpert er in der Zeitschrift Wiener über einen Artikel mit dem Titel „Das Mädchen Ernst“. Frasl fällt es wie Schuppen von den Augen: „Da ist doch genau beschrieben, wie es mir geht.“ Den Begriff „Transsexualität“ liest er hier erstmals. Für die im Artikel geschilderte Betroffene endete das Bekenntnis tragisch: Sie darf ihre Kinder nicht mehr sehen und gerät ins berufliche Out. Frasl bekommt Angst, ein ähnliches Schicksal zu erleiden.
15 weitere Jahre verdrängt er seine Neigung. Einmal sagt seine damals 16-jährige Tochter: „Ich wäre viel lieber ein Bub!“ Da schrillen bei Frasl die Alarmglocken. Er beginnt, im Internet zu recherchieren. Nun bricht endgültig die Wand, die Frasl um seine sexuelle Identität aufgebaut hat, zusammen. Er spürt, dass es so nicht weitergeht: „Entweder ich finde einen Weg, mich zumindest über Transvestitismus äußerlich zu verändern, oder ich werfe mich vor die U-Bahn.“
Nach 20 Jahren Ehe gesteht er seiner Frau sein Geheimnis. Sie fällt aus allen Wolken, aber bittet ihren Mann um ein Jahr Bedenkzeit. Nach einem dreiviertel Jahr sagt Frasl ihr, dass es kein Zurück gibt. Mit der Nachricht, eine geschlechtsangleichende Operation zu planen, bricht die Beziehung auseinander. Heute haben die ehemaligen Partner eine neue, freundschaftliche Basis.
Mit den Kindern vereinbart Frasl: „Egal was sein wird, ich bin Papa und das bleibe ich.“ Inzwischen nennen sie den Papa „Angie“. Die jüngste Tochter geht mit der neuen Lage am offensten um. „Papa, das ist mir egal. Versprich nur, dass du dich nicht umbringst!“, sagt die damals 13-Jährige. Die älteste Tochter hingegen hat Angst, was die Freunde denken könnten. Viel Verständnis erfährt Frasl von der mittleren Tochter: Sie ist auch eher androgyn veranlagt und kann gut nachvollziehen, wie es dem Vater geht.
2003 beginnt Frasl schließlich, Testosteron-Blocker und weibliche Hormone zu nehmen, macht ein Stimmtraining und lässt sich den Bart weglasern. Rückblickend beschreibt sie diese Umwandlung wie eine Befreiung. „Ich fühlte mich ruhiger, offener, ausgeglichener.“ In dieser Zeit geht Frasl erstmals zu einem Treffen von Gleichgesinnten. Das erste Mal als Frau aufzutreten hat einen eigenen Zauber. „Als ich nachts heimkam, wollte ich mich gar nicht umziehen und abschminken. Also bin ich noch einmal um den Häuserblock gerannt und habe mich fotografiert.“ Bald kommt eine Perücke dazu.
Doch Frasl hat auch eine politische Funktion: Sie ist Bezirksrätin im 15. Wiener Bezirk. Nun muss sich die SPÖ mit dem Coming-Out der Funktionärin und dem Thema Transidentität auseinandersetzen. Heute ist Frasl Antidiskrimierungs- und Gleichbehandlungsbeauftragte für gleichgeschlechtliche und Transgender-Lebensweisen und sitzt im SPÖ-Bundesfrauen-Vorstand.

Der letzte große Schritt

Mit 48 Jahren lässt sich Frasl in der Krankenanstalt Rudolfstiftung zur Frau umoperieren. „Junge Leute heute haben das Glück, das viel früher im Leben tun zu können“, betont sie. „Ich möchte nicht wissen, wieviele Menschen sich in den vergangenen Jahrhunderten deshalb umgebracht haben.“
Nicht alle reagieren auf das Coming-out positiv. „Mein Vater hat der Mutter Vorwürfe gemacht: Was hast du bei der Schwangerschaft und Erziehung falsch gemacht?“ Auch die betagte Mutter ist geschockt. Irgendwann sagt ihr Frasl: „Bitte entscheide dich: Du kannst eine Tochter akzeptieren oder ein Kind verlieren. Ich werde aber mein Leben leben.“ Schließlich lenkt die Mutter ein. Die Arbeitskollegen nehmen die Nachricht gelassen auf. „Deren größte Sorge lautete: Und was ist, wenn uns weiterhin ‚Herr Ingenieur‘ herausrutscht?“, lacht Frasl.
„Ich bin heute die, die ich immer schon gewesen bin, aber nie sein durfte”, sagt sie, während sie die letzen Bissen ihres Wiener Schnitzels schneidet. Frasl meint, erst mit der neuen Geschlechterrolle erwachsen geworden zu sein. Derzeit ist sie solo. „Natürlich wünsche ich mir eine Beziehung – ob Mann oder Frau ist mir egal. Aber erzwingen will ich nichts. Und ausnutzen lasse ich mich nicht. Dafür bin ich zu sehr Feministin.“

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  23:13:05 07.20.2005