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22/2014 -Jüdisch-Sein: mehr als eine Identität
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Ungelesen , 10:35
Jüdisch-Sein: mehr als eine Identität

Jüdisches Selbstverständnis steht oft im spannungsreichen Verhältnis zu anderen Zugehörigkeiten. Über den Umgang mit vielschichtigen Wurzeln.

Von Marta S. Halpert

„Auch wenn ich nicht stolz darauf bin, bin ich ein Jude, dann bin ich lieber gleich stolz“, lautete das Credo des Schriftstellers, Übersetzers und Drehbuchautors Friedrich Torberg. Dieser tiefsinnige und vielschichtige Ausspruch hat nichts an Gültigkeit eingebüßt, auch wenn er vor Jahrzehnten getätigt
wurde. Nur das Wörtchen „stolz“ könnte in diesem Zusammenhang als „überheblich“ interpretiert und daher falsch verstanden werden. Torberg plädierte eindeutig für ein klares und selbstbewusstes Bekenntnis zum Jüdisch-Sein. Er verachtete Kollegen ebenso wie Politiker, wenn er ihnen bei krampfhaften Ablösungsversuchen oder beim würdelosen Anbiedern zusehen musste. Er wusste, dass das Judentum kein Sportclub war, aus dem man nach eigenem Belieben austreten konnte. Und wenn man es auch auf dem Papier tat, an der Außenwahrnehmung änderte das nichts.
Für Torberg war, anders als für viele jüdische Autoren seiner Generation, das Judentum nicht bloß ein Zufall der Geburt. Es prägte ihn und sein Werk. Zwar war er nicht religiös, stand, wie er sagte, „zum lieben Gott bestenfalls in einem Verhältnis wohlwollender Neutralität.“ Aber das tat der Treue zu seinen Wurzeln keinen Abbruch: „Ich gehöre weder zu jenen Juden, die erst den Hitler gebraucht haben, um dahinter zu kommen, dass sie es sind, noch zu jenen, die es sich von Hitler, nicht vorschreiben‘ ließen.“

Religiöses vs. nationales Selbstverständnis

Wenn man das Torberg’sche Selbstbewusstsein beherzigt, fällt es sicher leichter, die jüdische Identität positiv zu besetzen und zu leben. Aber woher diese Festigkeit nehmen? Eine hilfreiche Säule ist die Religion: Wenn man als jüdische Gymnasiastin in Wien der neugierigen Freundin erklären kann, warum man diesen Feiertag begeht und daher schulfrei hat, um in die Synagoge zu gehen, bringt das zuerst Verständnis und dann Akzeptanz. So entsteht eine gewisse Sicherheit gegenüber der Außenwelt: Man stellt sich diesem Thema proaktiv und problemlos, auch auf dem späteren Lebensweg.
Schwierig kann es für eine jüdische Jugendliche werden, wenn noch eine (vermeintlich gültige) nationale Identität dazukommt, die nicht österreichisch ist. Klischeehafte Vorurteile bekommen sofort Aufwind: Warum ist die Schülerin frech? Vor allem als Jüdin, oder nur als temperamentvolle Ungarin? Was soll man sich aus diesen Identitäten aussuchen?
Es hilft jedenfalls, die mehrfachen Identitäten nicht gegeneinander ausspielen zu lassen: Denn sie sind zumeist gleichwertig und auch einsatzbereit je nach innerem Bedarf oder äußerer Nachfrage. „Jede und jeder kann eine katholische und eine österreichische, eine sozialdemokratische und eine regionale, eine europäische und eine gender-spezifische Identität miteinander verbinden“, befindet der Politologe Anton Pelinka. „Ja, nicht nur kann: In der gesellschaftlichen Realität ist niemand, kann niemand Träger oder Trägerin einer einzigen Identität sein. Jede und jeder verbindet in sich einen Mix aus Identitäten, aus denen bald mehr die eine, dann wieder mehr die andere im Vordergrund steht.“
In einer stabilen europäischen Demokratie könnte sich die jüdische Identität ohne die geringsten intellektuellen Schwierigkeiten in diesen Mix einfügen. Zusätzlich zu einer – nehmen wir an – nationalen Identität als Belgier, einer politischen als Grüner, einer beruflichen als Zahnarzt, einer sportlichen als FC Bayern-Fan und einer kulturellen als Verdi-Begeisterter könnte man auch eine besondere jüdische Identität haben? Auch Pelinka stellt Fragen in diese Richtung: „Warum sollte eine in Paris lebende Jüdin Probleme mit ihrer Mehrfach-Identität haben – Probleme, die prinzipiell anderer Natur wären als die einer in Frankreich lebenden Muslimin mit marokkanischem Familienhintergrund; oder die Probleme der katholischen Nonne, die in Frankreich lebt, für die aber der Papst in Rom einen wesentlichen Teil ihrer Identität definiert?“ Warum aber die jüdische Identität vor allem der Außenwelt als anders, besonders und komplex erscheint, erklärt uns die Geschichte.
Im Laufe der vergangenen 2000 Jahre stand die christliche Umwelt den Juden auf dem Kontinent feindselig gegenüber. Diese Judenfeindschaft war sowohl religiös als auch national geprägt. Verstand sich das Judentum als Religionsgemeinschaft, sah es sich mit den Hegemonieansprüchen christlicher Kirchen konfrontiert – in Polen etwa mit einer katholischen, in Rumänien mit einer orthodoxen Hegemonie. Und wo das Judentum sich national definierte, konnte es – bestenfalls – auf die Tolerierung als nationale Minderheit hoffen.

Gefühl der „Nirgendszugehörigkeit“

Die Erwartung eines Teils des Judentums, sich in einer säkularen und aufgeklärten Gesellschaft bewegen zu können, wurde lang vor Hitler enttäuscht – etwa von den antijüdischen Quotenregelungen in Polen und in Ungarn. „Aber auch im neuen, kleinen Österreich nach 1918, stieß man auf einen Antisemitismus, der national definierte Juden ebenso ablehnte wie religiöse – und erst recht die, die mit Berufung auf Aufklärung und Grundrechte nicht als Juden, sondern etwa als Ungarn, Österreicher, Polen oder Rumänen anerkannt zu werden versuchten“, erklärt Anton Pelinka und fügt hinzu: „Was immer die Juden taten, wie immer sie sich definierten, sie konnten der Judenfeindschaft nicht entkommen.“
Mit der Feststellung „Zuerst dekoriert, dann deportiert“ fasst auch Marcus G. Patka, Kurator der aktuellen Ausstellung „Weltuntergang. Jüdisches Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg“ im Jüdischen Museum Wien, das Dilemma zusammen: Die Treue zum Vielvölkerstaat der Monarchie, der aufopfernde Dienst in der k.u.k. Armee, die üppig dekorierte Brust – nichts hat diese Juden vor der Deportation und Vernichtung bewahrt. Vielfach auch die Taufe nicht.
Glaubt man dem ungarischstämmigen Publizisten Peter Stiegnitz, der schon als Kleinkind evangelisch getauft wurde, ist „die Sache mit der Identität nicht so einfach: Es bleibt die unentrinnbare Zuordnung: einmal Jude, immer Jude; diese vertrackte Nirgendszugehörigkeit, das Gefühl zwischen allen Stühlen leben zu müssen.“ Die psychologische Last der Konvertiten war und ist offenbar immer noch groß: „Sie verloren ihre Identität und gewannen in Wirklichkeit keine neue dazu“, lautet sein lakonisches Resümee.

Kulturelle Verbundenheit


Unter dem Titel „Jüdische Identität in Europa – zwischen Anpassung und Selbstfindung“ diskutierten jüngst im Thalia Theater in Hamburg vier Persönlichkeiten, die wenig Gemeinsames hatten, außer dass sie sich selbst in irgendeiner Weise als Juden bezeichneten. Denn: „Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist,“ so Shlomo Bistritzky, Hamburger Landesrabbiner, der die traditionelle Definition vortrug. Er hat es leicht: Als Angehöriger der orthodoxen Chabad-Bewegung ist sein Tag von religiösen Vorschriften gegliedert. Anders klang da schon TV-Moderator und CDU-Mitglied Michel Friedman:„Ich glaube nicht an Gott, fühle mich aber von einer jüdischen kulturellen Identität geprägt.“
Die österreichische Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich, die als Kind erlebte, wie ihre Eltern in der Sowjetunion in den 1970er-Jahren ihre jüdische Herkunft verleugneten, hielt sich mehr am dominierenden Künstlerhaushalt fest, als an Religion oder gar Ethnizität. Die Wiener Philosophin Isolde Charim hingegen konstatierte, dass es das eine, vorherrschende Milieu in den westlichen Ländern nicht mehr gebe: „In einer zersplitterten, vielschichtigen Gesellschaft wird die Erfahrung, anders zu sein, die das jüdische Selbstverständnis lange Zeit kulturell geprägt hat, bereits von fast jedem Europäer gemacht.“
Die Thematik der jüdischen Identität ist so vielschichtig und ausufernd, wie es der Literaturwissenschaftler George Steiner formuliert hat: „Das Verhältnis eines Juden zu seiner Identität kann bisweilen so undurchsichtig, so belastend und so voller historischer, sozialer und psychologischer Vieldeutigkeiten sein, dass sich dadurch das Wesen des Judentums selbst definiert.“
Mich lehrt die Erfahrung, dass die Religion als starker Unterbau wunderbare Dienste leistet – denn wer will sich schon ausschließlich über die Schoa und den Antisemitismus als Jude definieren oder gar von anderen definieren lassen. Jene, die mit dem Althergebrachten gebrochen haben und ohne Glauben und kulturelle Verbundenheit mit dem Judentum leben, haben es am schwersten: Ihnen bleibt nämlich fast nur die Fremdzuschreibung, siehe das Beispiel Bruno Kreisky. Wie sagte sein Widersacher, Friedrich Torberg, so treffend: „Ich fühle mich als europäischer Schriftsteller, der Sprache nach als deutscher, nach Tradition und literarischer Zugehörigkeit als österreichischer und aufgrund der sittlichen Fundamente, denen ich mich verpflichtet fühle, als jüdischer.“


Die Autorin ist Österreich-Korrespondentin des FOCUS-Magazins in München

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