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23/2014 - Von Grund auf verändert
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Ungelesen , 11:27
Von Grund auf verändert

Vor vier Jahren erlebte Lisa auf den Philippinen ihre „Bekehrung“. Ein Streifzug durch die Lebens- und Glaubenswelt einer jungen Pfingstlerin.


Von Michael Weiß

Im Jahr 2010 verbrachte Lisa K. fünf Wochen auf den Philippinen. Als sie zurückkam, war sie ein anderer Mensch als vorher. Sie sei auf der Suche gewesen nach einem Sinn in ihrem Leben, sagt die heute 25-Jährige. Was Pfingstkirchen sind, wusste Lisa damals nicht. Das Christentum war für sie etwas Verstaubtes.
Dann kam das Auslandssemster in Spanien. Einige der Menschen, die sie dort kennenlernte, waren Pfingstler und Lisa begann aus reiner Neugier, sie zu Gottesdiensten zu begleiten. Als eine der neuen Freundinnen wenig später wegen einer Ausbildung an einer Bibelschule auf den Philippinen lebte und fragte, ob sie sie besuchen wollte, zögerte Lisa nicht lange. Nicht wegen der Bibelschule, sondern einfach, weil sie die Welt sehen wollte.
Dann ging alles sehr schnell. Direkt vom Flughafen fuhr Lisa mit ihrer Freundin zu einem internationalen Pfingstkirchen-Treffen. Sie war überwältigt, wusste nicht, was sie von den 15.000 Menschen halten sollte, die alle die Lieder kannten, die sie noch nie gehört hatte. Und doch: Sie wollte mehr wissen, begann die Bibel zu lesen.
Als Lisa nach Österreich zurückkam, machte sie sich sofort auf die Suche nach einer Gemeinde. Denn noch auf den Philippinen hatte sie Jesus kennengelernt, wie die Pfingstler meist sagen, und neben der Wasser- auch die Geistestaufe empfangen. Wenn Lisa heute von den Philippinen spricht, spricht sie von ihrer „Bekehrung“. „Ich habe mir gedacht: ‚Wenn es Gott wirklich gibt, dann muss diese Aneinanderreihung von Bekanntschaften ein Zeichen sein.‘“ „Ganz oder gar nicht“, hätte damals jemand zu ihr gesagt, und das habe sie sich zu Herzen genommen.

„Kirche neu erleben“

Es ist Sonntag, 19 Uhr. Im 12. Wiener Gemeindebezirk findet sich ein Grüppchen von 30 bis 40 Menschen in einer unscheinbaren Location zusammen. Das Haus mit der Nummer 3 in der Michael-Bernhard-Gasse sieht von außen nicht nach besonders viel aus, die Fassade ist grau, dicke rote Rohre umringen die Fenster. „ICF. Kirche neu erleben“, steht auf den Transparenten vor dem Haus.
ICF, das bedeutet International Christian Fellowship. Hier ist eine Pfingstgemeinde zuhause, allerdings erst seit kurzer Zeit. Das ICF Movement entstand 1990 in der Schweiz, bis heute ist die Züricher Gemeinde mit Gottesdiensten, die laut eigenen Angaben bis zu 3000 Menschen anziehen, die größte. Wobei: Gottesdienst wird hier eigentlich nicht gefeiert, die Verantwortlichen bevorzugen den Ausdruck „Celebrations“. Man wolle eine moderne Kirche am Puls der Zeit sein, heißt es. Mittlerweile gibt es über 40 ICF-Gemeinden. Die in Wien ist eine der jüngsten, erst vor einem halben Jahr wurde sie gegründet.
Hinter den schweren Metalltüren in der Michael-Bernhard-Gasse eröffnet sich ein großer Raum, in gedämpftes Licht gehüllt. Die Holzdecke, die damals, als die ehemalige Lagerhalle gebaut wurde, vermutlich einfach am praktischsten war, verleiht dem Raum heute eine spezielle Atmosphäre. Auf der Bühne steht ein Pappschild im Stil eines Wappens, darauf prangt der Schriftzug „Radicals“. Dahinter sind auf einer Leinwand Musikvideos zu sehen, ein Countdown läuft herunter.
Lisa kommt, kurz bevor es losgeht. Jeder begrüßt hier jeden persönlich, Handschläge, Umarmungen, Bussi-Bussi. Man kennt sich. Und wenn nicht, auch egal: man wird trotzdem freundlich aufgenommen. Genau das imponiere ihr an dieser Gemeinde, sagt Lisa.
Erst seit wenigen Wochen kommt sie hier her. Die vier Jahre seit ihrer Bekehrung hatte sie in einer anderen Pfingstgemeinde verbracht. Die Entscheidung, zu wechseln, machte sie sich nicht leicht. „Ich wollte nicht einfach so gehen, nur weil mir gewisse Dinge nicht passen“, sagt Lisa. Zu den gewissen Dingen gehört etwa die Art, wie in ihrer alten Gemeinde Leitung und Entscheidungen getroffen wurden. Zu den gewissen Dingen gehört aber auch, dass sie einen Gruppendruck verspürt hat, den sie nicht mochte. Zum Beispiel in Bezug auf das Wirken des Heiligen Geists in Form der Zungenrede (vergleiche Seite 5), aber auch bei profaneren Dingen: Einmal sei während eines Gottesdienstes für eine Missionsreise eines Pastors gesammelt worden. Als nach der ersten Runde der notwendige Betrag nicht erreicht war, wurde insistiert und noch einmal gesammelt. „Ich gebe ein Zehntel meines Einkommens, und das tue ich gern“, meint Lisa, „aber ich weiß, dass andere es nicht so einfach haben, und dann finde ich so etwas aufdringlich und unangebracht.“
Als der Countdown 0:00 erreicht, tritt eine achtköpfige Band auf: Zwei Gitarren, zwei Bässe, zwei Sängerinnen, Schlagzeug, Keyboard. „Nothing is impossible“ heißt das erste Lied. Wenig später betritt Rene Schubert die Bühne. Er ist hier der Pastor, auch wenn er – Gelfrisur, Lederjacke und Jeans – nicht so aussieht. Er erklärt, was es mit dem „Radicals“-Wappen auf sich hat – es ist der letzte Termin einer Predigtreihe über Vorbilder im Glauben, die durch Radikalität Gutes bewirkt hätten. Heutiges Thema: Die Heilsarmee.
Als Rene Schubert fertig ist, flimmert ein kurzer Videoclip über die Leinwand, eine Einladung zur „God’s Creation Tour“. An drei Abenden werde diese einen Überblick über die Schöpfung geben. „‚Adam & Co.‘ – eine theatralische Zeitreise. Die schnellste Geschichtslektion der Welt: 4000 Jahre in 90 Minuten erzählt“, lautet das Thema an einem der drei Abende. Er sei überzeugt davon, dass Adam und Eva tatsächlich gelebt hätten, sagt Rene Schubert, und dass sie von Gott geschaffen worden seien.
Auch Lisa nimmt heute – wie viele, aber nicht alle Pfingstler – die Schöpfungsgeschichte als Wahrheit an, selbst wenn das nicht überall gut ankommt. Zum Beispiel in ihrer Familie: Ihre Mutter habe Angst um sie, erzählt Lisa. „Sie hat mich gefragt, wo ich da hineingeraten bin. Und sie hat wohl gefürchtet, dass ich mich von ihnen entferne“. Jetzt betet sie darum, dass ihre Eltern mit der Zeit lernen, mit ihrem Glauben umzugehen. Immerhin wüssten sie inzwischen, dass sie es ernst meine.
Ebenfalls verändert hat sich Lisas Einstellung zum Thema Beziehungen. Vor ihrer Bekehrung habe sie viele Männer kennengelernt und sich auch immer wieder auf Intimitäten eingelassen. „Jetzt bemühe ich mich, wenn mich jemand anspricht, so bald wie möglich klarzustellen, dass ich nicht an flüchtigen Beziehungen interessiert bin.“ Sie wolle den Partner fürs Leben finden, Sex vor der Ehe sei kein Thema mehr. Mit einem Nicht-Christen stellt sie sich das schwierig vor. Einmal in der Woche ein Abend „Bible Studies“, die sie mit ihrer Mitbewohnerin organisiert, ein weiterer Abend ist für die „SmallGroups“, Kleingruppen für Alltags- und Glaubensfragen, reserviert. Vor jeder wichtigen Entscheidung betet sie ausgiebig. Damit müsse ein Partner erst zurechtkommen.

Alte Freunde, neue Sichtweise

Nach der sonntäglichen „Celebration“ ist Lisa noch mit den Leuten aus der Gemeinde unterwegs. Ihr altes Umfeld, ihre nicht-christlichen Freunde seien ihr dennoch erhalten geblieben – trotz Skepsis. Nur ihre Sichtweise auf die alten Freunde hat sich verändert: Die Bibel sei da eindeutig: Wer Jesus nicht nachfolge, der komme in die Hölle.
Früher habe sie das Wort „radikal“ negativ interpretiert, sagt Lisa in Bezug auf den übergeordneten Titel der Predigt über die Heilsarmee. Wie vieles andere sieht sie auch das nun anders, nämlich durchwegs positiv. Probleme, die sie vor ihrer Entscheidung plagten – Zukunftsängste, berufliche Unsicherheit, Beziehungen – würden heute verblassen. „Mein Fokus ist einfach ein ganz anderer.“

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  03:14:08 07.21.2005