ro ro

Themen-Optionen Ansicht

23/2014 - Gaben von oben
  #1  
Ungelesen , 11:30
Gaben von oben

Der Umgang mit den Gaben des Heiligen Geistes, zu denen auch die Zungenrede gehört, unterscheidet Pfingstkirchen von anderen.


Von Michael Weiß


„Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“, heißt es in der Apostelgeschichte. „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“
Es ist diese Bibelstelle, auf die die Begründung der Pfingstbewegung gemeinhin zurückgeführt wird – und schon in dieser Stelle wird die große Bedeutung, die die Zungenrede in dieser Strömung des Christentums einnimmt, evident. Die Zungenrede ist gemäß der Überlieferung eine der Gaben des Heiligen Geistes oder „Charismata“, die mehrmals im Neuen Testament aufgelistet werden. Unklar ist in der Interpretation dieser Textstellen allerdings, ob tatsächlich ein Sprechen in anderen Sprachen („Xenoglossie“) oder ein Sprechen in nicht näher identifizierbaren Lautfolgen („Glossolalie“) gemeint ist. Fest steht aber, dass das Sprechen in Zungen kein rein christliches Phänomen ist. Auch in anderen religiösen Traditionen und vor allem im Schamanismus kommt es vor – meist in Verbindung mit Trancepraktiken.

Gräben überwunden

Der Umgang mit den Gaben des Heiligen Geistes – neben der Zungenrede gehören auch Weissagung und Heilung dazu, genauso wie die Vermittlung von Erkenntnis oder die Unterscheidung der Geister – unterscheidet die Pfingstkirchen gemäß gängiger Definition von anderen christlichen Kirchen. In der Geschichte der Freikirchen haben diese Auffassungsunterschiede für Konflikte gesorgt. Auch im Vorfeld der Anerkennung der „Freikirchen in Österreich“ mussten hier Gräben zwischen Pfingstlern und Evangelikalen überwunden werden.
In der wissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens berichten Studienteilnehmer immer wieder davon, dass sie während des Zungenredens die Kontrolle über ihren Sprachapparat verlören und dass „ES aus ihnen spreche“. Gleichzeitig wird aber betont, dass man jederzeit bestimmen könne, wann der Vorgang beginnen oder aufhören soll. Dazu passt auch eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2006, bei der die Hirnströme während des Zungenredens gemessen wurden: Die Forscher konnten während der Zungenrede eine verringerte Aktivität des Frontallappens feststellen. Das – so die Studie – lasse auf verringerte Selbstkontrolle schließen.
Lisas persönlicher Erstkontakt mit dem Phänomen war dagegen höchst unspektakulär. „Mir hat damals auf den Philippinen meine Freundin erklärt, dass jeder Christ diese Gabe zumindest erbitten kann“, sagt sie. „Sie hat dann für mich gebetet, und irgendwann hab ich dann auch einfach angefangen, in Zungen zu reden.“ Heute betet Lisa selbst auf diese Weise, allerdings „nicht besonders oft, nicht jeden Tag“. Wenn sie darüber spricht, hört es sich an wie das Normalste auf der Welt. Sie sei dabei weder in Trance, noch verliere sie die Kontrolle über sich. „Ich fühle mich dabei ganz normal. Das ist für mich einfach eine Art des Gebets für Situationen, in denen mir die Worte fehlen.“

Der Druck der Zungenrede

Doch auch innerhalb der Pfingstkirchen gibt es von Gemeinde zu Gemeinde große Unterschiede in Bezug auf den Umgang mit den Geistesgaben. Lisas Geschichte ist dafür sympotmatisch: Im International Christian Fellowship zum Beispiel, in dem sie sich seit kurzem heimisch fühlt, spielen die Geistesgaben im Gemeindeleben eine eher untergeordnete Rolle. Man glaubt zwar an Wunder, Heilung und Zungenrede, praktiziert werde dies aber eher im Privaten und nicht während des Gottesdienstes. In ihrer ehemaligen Gemeinde sei das anders gewesen.
Dort galt die Zungenrede nämlich als etwas, das jedem, der die Geistestaufe empfangen hat, geschenkt wird. „Ich habe mit der Zeit bemerkt, dass das auch einen gewissen Druck auf Einzelne auslösen kann, weil es eben Leute gibt, die diese Gabe nicht haben“, erzählt Lisa. Die automatische Folge ist ein Teilen der Gemeinde in zwei Gruppen – die einen haben die Gabe und damit einen „Beweis“ dafür, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu sein, bei den anderen entstehen Fragezeichen. Das war Lisa unangenehm. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott den Menschen ein so mächtiges sichtbares Zeichen, einen Beweis für die Geisttaufe gibt.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  12:28:58 07.18.2005