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23/2014 - Die wundersame Vermehrung
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Ungelesen , 11:34
Die wundersame Vermehrung

Amerika, Asien, Afrika: Wo das Christentum wächst, wächst auch die Pfingstbewegung. Und zwar sowohl in den Pfingstkirchen als auch innerhalb der etablierten katholischen, protestantischen und orthodoxen Traditionen.


Von Michael Weiß


Es gibt kaum Publikationen über Pfingstkirchen, die ohne einen Verweis darauf auskommen, dass es sich dabei um die am schnellsten wachsende Religion oder zumindest die am schnellsten wachsende Strömung des Christentum handelt. Von Zahlen untermauert wird diese Feststellung schon seltener – halbwegs verlässliche globale Studien sind schließlich sehr aufwändig. Und sie leiden, wenn sie dann doch angegangen werden, oft unter Unschärfen und Generalisierungen vermeintlicher Trends. In Bezug auf die Pfingstbewegung kommt hinzu, dass diese aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte schwer statistisch fassbar ist: Sie hatte nie eine Gründerfigur oder einen zentralen Organisationsapparat, sondern ist bis heute weitgehend freikirchlich und an Basisgemeinden orientiert, also per se schwer oder fast gar nicht von anderen Bewegungen, etwa den Evangelikalen, zu trennen.
Das US-amerikanische Pew Forum on Religion and Public Life hat sich trotz aller Vorbehalte genau solche Studien zur Aufgabe gemacht. Wer also Aussagen über religiöse Entwicklungen auf globaler Ebene tätigen will, kommt an diesem Institut kaum vorbei. Zum Thema Pfingstkirchen gibt es zwei Studien des Pew Forum, die zusammen tatsächlich eine Art vorsichtigen Überblick über globale Trends ermöglichen: Die erste stammt aus dem Jahr 2006, trägt den Titel „Spirit and Power“ und analysiert die Pfingstbewegung in zehn Ländern in unterschiedlichen Regionen der Welt. Die zweite stammt aus dem Jahr 2011 und beschränkt sich nicht auf Pfingstler, sondern will ihrem Titel entsprechend einen Überblick über die Entwicklung der „Global Christianity“ im vergangenen Jahrhundert geben.

Pfingstler ohne Pfingstkirchen

In beiden Studien weist das Pew Forum zunächst auf die Unterscheidung zwischen Pfingstlern und Charismatikern hin (siehe Kasten). Die „Global Christianity“-Studie versucht anschließend – wenn auch unter Verweis auf die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens – die Größe beider Gruppen auf globaler Ebene zu beziffern. Demnach gab es 2010 auf der Welt rund 279 Millionen Pfingstler und 305 Millionen Charismatiker. Auch wenn eine wichtige Recherchequelle die kircheninternen Mitgliederzahlen sind, und diese naturgemäß sehr optimistisch gesehen werden, offenbaren diese Zahlen dennoch eine wichtige Information: Die Pfingstbewegung darf nicht nur auf die Pfingstkirchen selbst bezogen werden, denn die Charismatiker sind zahlenmäßig zumindest gleichauf, wenn nicht sogar in der Überzahl. Gerade in typischen katholischen Hochburgen sind die Charismatikeranteile mitunter sehr hoch: So gibt es etwa in Brasilien 34 Prozent Charismatiker und auf den Philippinen sogar 40 Prozent.
Pfingstler und Charismatiker zusammen stellen jedenfalls inzwischen mehr als ein Viertel des Christentums und mehr als acht Prozent der weltweiten Gesamtbevölkerung. Angesichts der Tatsache, dass die Pfingstbewegung vor 100 Jahren noch in den Kinderschuhen steckte, kommt der eingangs erwähnte Gemeinplatz der am schnellsten wachsenden christlichen Strömung nicht von ungefähr.
Und auch ein anderer Stehsatz wird von den Pew-Studien bestätigt: Das Christentum verlagert sich von Nord nach Süd, von Europa nach (Süd-)Amerika und Afrika. Während 1910 noch 66,3 Prozent der weltweiten Christen in Europa lebten, sind es 2010 nur noch 25,9 Prozent. Amerika erhöhte seinen Anteil im gleichen Zeitraum von 27,1 Prozent auf 36,8 Prozent und ist damit die „christlichste“ der fünf Regionen. Die drei Länder mit den weltweit meisten Christen liegen alle in dieser Region (USA, Brasilien, Mexiko). Noch größer ist allerdings der Anstieg der christlichen Bevölkerung in Sub-Sahara-Afrika, wo 1910 nur 1,4 Prozent der weltweiten Christen lebten und 100 Jahre später 23,6 Prozent. Der Anteil der Asien/Pazifik-Region an der weltweiten Christenheit stieg ebenfalls, von 4,5 auf 13,1 Prozent, während Nahost/Nordafrika in etwa auf dem gleichen, sehr niedrigen Niveau blieb.

Mehr Christen, mehr Pfingstler

Diese Entwicklung des globalen Christentums steht im direkten Zusammenhang mit der Entwicklung der Pfingstbewegung. Denn – so könnte man grob vereinfacht sagen – dort, wo viele Christen sind, sind auch viele Pfingstler. In Sub-Sahara-Afrika leben heute 43,7 Prozent der Pfingstler und 17,4 Prozent der Charismatiker der Welt. In Amerika, dem zweitgrößten christlichen Wachstumsmarkt, leben 36,7 Prozent der Pfingstler und sogar 48,5 Prozent der Charismatiker, in Asien/Pazifik sind es 15,5 bzw. 29,5 Prozent in Europa 4 bzw. 4,3 und in Nahost/Nordafrika die verbleibenden 0,1 bzw. 0,3. Vergleicht man also die Verteilung der Pfingstler und Charismatiker auf die fünf Weltregionen mit der der Christen allgemein, so zeigt sich, dass die Pfingstbewegung in Amerika, aber vor allem in Sub-Sahara-Afrika und Asien/Pazifik überproportional vertreten ist, während in Europa das Gegenteil der Fall ist.
Das schlägt sich auch im Bevölkerungsanteil der Pfingstler und Charismatiker in der jeweiligen Region nieder. Auch hier liegen Amerika mit 26,7 und Sub-Sahara-Afrika mit 21,3 Prozent weit vorne. Sowohl Europa als auch Asien/Pazifik kommen auf 3,3 Prozent. In Bezug auf Asien sind die Zahlen aber missverständlich, weil große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern bestehen. Allein die Tatsache, dass das Christentum in den beiden größten Ländern der Welt, China und Indien, ein Minderheitenprogramm ist, schraubt den Anteil der Pfingstler nach unten. In anderen Ländern – etwa auf den Philippinen, in Indonesien oder Südkorea – gibt es durchaus nennenswerte pfingstlerische Bevölkerungsanteile. Immerhin ist die weltweit größte „Megachurch“ eine Pfingstkirche in Südkorea.

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  05:24:38 07.14.2005