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24/2014 - Weite Pässe in die Tiefe der Räume
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Ungelesen , 10:37
Weite Pässe in die Tiefe der Räume

Früher äußerten sich nur wenige Intellektuelle zum Fußball. Eine Spurensuche zeigt jedoch ihre sprachgewaltige Begeisterung. Über den tiefen Zusammenhang zwischen Buch und Ball.

Von Rainer Moritz

„Ich kann nicht Fußball spielen, und ich interessiere mich auch nicht für den Fußball“ – wenn sich ein renommierter Schriftsteller wie Daniel Kehlmann im Jahr 2014, kurz vor einer Weltmeisterschaft, so vehement als am runden Leder gänzlich Desinteressierter zu erkennen gibt, ist das ein nahezu mutiges Bekenntnis. Denn längst hat die Begeisterung für den Fußball nicht nur alle Gesellschaftskreise erfasst, sondern auch das Feuilleton erobert. Aus einem „ephemeren Kulturphänomen“ (Siegfried Kracauer) ist ein wesentliches Scharnier der Gesellschaft, mancherorts gar ein Religionsersatz, geworden, ohne das das Funktionieren des Alltags kaum denkbar wäre.
Das war nicht immer so. Zwar gab es stets Künstler und Geisteswissenschaftler, die sich offen zu ihrem Sportinteresse bekannten. Bertolt Brechts Betrachtungen übers Boxen sind bekannt; der Schriftsteller Friedrich Torberg war ein mehr als passabler Wasserballer; Siegfried Lenz übte sich im Speerwerfen, Per Olov Enquist gar im Stabhochsprung, Jean Giraudoux lief respektable Zeiten über 400 Meter, und nicht wenige Autoren waren aktive Fußballer, interessanterweise häufig auf der Torhüterposition wie Albert Camus, Vlamidir Nabokov oder Henri de Montherlant, wo man – wie uns Peter Handke einzureden versuchte – beim Elfmeter von starken Angstgefühlen heimgesucht wird.

Kulturpessimistische Haltung

Dennoch galt es lange als unschicklich und gefährlich für die Anerkennung als Intellektueller, wenn man sich gleichzeitig von Philosophie oder Literatur und von den Halbzeitergebnissen der Meisterschaftsspiele gefangen nehmen ließ. 1994 schrieb Real-Madrid-Fan Javier Marías: „Vor nur zwanzig Jahren gab es keinen Intellektuellen, der es gewagt hätte, sich öffentlich zum Fußball zu bekennen.“ Ganz stimmt das nicht, denn genau 1974 etwa brachten Ludwig Harig und Dieter Kühn bei Hanser den berühmt gewordenen Sammelband „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ heraus, dessen magisches Titelbild auf einen Aufsatz des Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer zurückgeht. Dieser hatte darin das Londoner Wembley-Stadion beschrieben und dessen Suggestion in überraschende Vokabeln gekleidet: „Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ‚thrill‘. ‚Thrill‘, das ist das Ereignis, das nicht erwartete Manöver, das ist die Verwandlung von Geometrie in Energie, die vor Glück wahnsinnig machende Explosion im Strafraum, ‚thrill‘, das ist die Vollstreckung schlechthin, der Anfang und das Ende.“
Bohrers Eloge ist ein frühes, ungewöhnliches Zeugnis einer Rede über Fußball, die ihr Vokabular anderen Bereichen – der Ästhetik beispielsweise – entlehnt und eine Beschreibung des Spiels vorführt, die mit den martialischen oder blumigen Wendungen der Reporter nichts zu tun hat. Das war im WM-Jahr 1974, und damals – Javier Marías hat Recht – waren derartige sprachlich-gedanklichen Abstraktionen des Rasengeschehens selten.
Sofern Literaten oder Philosophen ihre Sympathie für den Sport kundtaten, geschah das oft in mahnender Absicht. Bereits 1928, in den goldenen zwanziger Sportjahren, gab der Journalist Willy Meisl, Bruder des Wunderteam-Trainers Hugo Meisl, eine „Der Sport am Scheidewege“ überschriebene Essaysammlung heraus. Der kritische Blickwinkel auf eine sich anbahnende Professionalisierung der „schönsten Nebensache der Welt“ zeigt sich schon in der Titelgebung. Wie sich fortan der Sport kommerziell und medial auch entwickelte, sofort meldeten sich besorgte Stimmen zu Wort. Trotz der zunehmenden Lust der Intellektuellen, sich auf den Sport als eigenständige Welt einzulassen, galt oft genug, was der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Buch „Lob des Sports“ betont: „Was Milliarden andere und ein paar Milliardäre sich anschauen und wofür sie sich begeistern, das kann in den Augen der offiziellen Kulturhüter nicht wertvoll genug sein, um als ästhetisches Erleben zu gelten.“ Es dauerte recht lange, diese wohlfeile, kulturpessimistische Haltung zu überwinden.

Fußball und Identität

Wie eng der Fußball mit politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Europa und Amerika verbunden ist, lässt sich in Klaus Zeyringers soeben erschienener Kulturgeschichte „Fußball“ nachlesen. Der Fußball ist weit mehr als ein Spiegelbild; er prägt Kulturen, verschleppt oder beschleunigt Prozesse eines Landes, verleiht Identität. Halb komisch, halb ernst hat Péter Esterházy einmal darauf hingewiesen, wie anders vielleicht die Entwicklung seines Heimatlandes Ungarn ausgesehen hätte, wenn im WM-Endspiel 1954 Schiedsrichter Ling Puskas’ Ausgleichstreffer zum 3:3 in der 86. Minute nicht wegen Abseits aberkannt hätte, wenn Ungarn der erwartete Weltmeister geworden wäre, es nicht zum Aufstand von 1956 gekommen wäre und Deutschland nicht mit dem Wir-sind-wieder-wer-Gefühl sein Wirtschaftswunder vorangetrieben hätte …

Symbolische Überhöhung

Wo Intellektuelle über populäre Sportarten räsonierten, regierte lange Zeit der Wille, sich beim Reden über Fußball sofort über diesen zu erheben, ihn symbolisch zu überhöhen. Zu den wenigen frühen Gegnern dieser Tendenz zählte übrigens der bekennende Boxliebhaber Bertolt Brecht, der sich vehement gegen alle Instrumentalisierung des Sports wandte und diesen nicht als einen kompromisslosen Knock-out gelten lassen wollte.
Die Neigung zur Überhöhung hält – trotz aller „feuilletonistischen“ Öffnungen – bis heute an. Analytische, Taktik und Technik reflektierende Bücher, wie sie beispielsweise Christoph Biermann schreibt, zählen zu den Ausnahmen, bilden nicht die Regel. Stattdessen lädt der Fußball, der so viele Bereiche des Lebens berührt, Schreibende unterschiedlichster Herkunft dazu ein, ihn auf andere Denk- und Sozialsysteme zu beziehen. Das legitime, ja notwendige akademische Bemühen um Abstraktion führt dabei oft zu wunderbaren Kapriolen, die man mindestens so gerne anführt wie die Weisheiten, die Fußballspieler nach Spielschluss absondern. Jean-Paul Sartre hat es dabei – ebenso wie sein intellektueller Konterpart Albert Camus – zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.
Camus’ Bekenntnis – „Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball“ – zählt mittlerweile zu den am häufigsten abgedruckten Kalendersprüchen und könnte vielleicht sogar Daniel Kehlmann beeindrucken.
Sartre hingegen, der selten gegen den Ball trat, wird mit einer Betrachtung aus der „Kritik der dialektischen Vernunft“ zitiert, die zeigt, wie sich einfache Sachverhalte mit philosophischem Blick komplex darstellen lassen: „Im Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Im Kinderbuchklassiker „Der kleine Nick“ haben René Goscinny und Jean-Jacques Sempé das Sartre’sche Bonmot dankbarerweise ausgekontert: „Aber wir haben keine gegnerische Mannschaft mehr gehabt und zum Spielen ist das blöd.“

Ästhetische Qualitäten

Wo der Fußball zum hochrangigen Kulturerlebnis aufgewertet wird, bleibt es nicht fern, dass seine ästhetischen Qualitäten bewundert werden. Während es in Österreich längst üblich war, Spieler wie Matthias Sindelar als „Mozart des Fußballs“ zu bezeichnen, tat man sich im Kämpfer- und Grätscherland Deutschland schwer, den Rasen als Ort der Kunst zu sehen – bis der Literaturkritiker Helmut Böttiger im Gefolge Bohrers 1993 in „Kein Mann, kein Schuss, kein Tor“ das Spiel seines Idols Günter Netzer so pries: „Schöner konnte Fußball nicht mehr gespielt werden. Die weiten Pässe Günter Netzers atmeten den Geist der Utopie, plötzlich befand man sich im Offenen, und die langen Haare des Regisseurs mit Schuhgröße 47 – diese langen Haare, die im Mittelfeld wehten und beim Antritt die ganze Brisk- und Schuppen- und Façonschnittästhetik der fünfziger Jahre vergessen ließen – diese langen Haare wollten mehr.“
Ein bisschen Hölderlin, ein bisschen Ernst Bloch – schon sieht man ein Match mit ganz anderen Augen, schon verschmelzen politische und ästhetische Implikationen, ohne die einfachen Wahrheiten des Spielfeldes außer Acht zu lassen. So weit ist es mit dem Fußball gekommen, und keiner hat den tiefen Zusammenhang zwischen Buch und Ball so schön und unfreiwillig komisch resümiert wie der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit: „Und – ich weiß nicht, ob das schon mal jemand angemerkt hat – das Blatt Papier hat genau das Format des Spielfeldes. Man füllt es mit Schriftzügen. Bis die Wörter stimmen und der Satz drin ist. Nicht jedes gefüllte Blatt ist ein gewonnenes Spiel, aber einige kommen zusammen. Wenn es genug sind, wird es ein Buch – im Format eines Fußballfelds. Platz und Blatt vor dem Spiel sind leer. Und schön.“
Man sieht, es wird höchste Zeit, den Fußball vom Parnass des Feuilletons herunterzuholen. Es wird Zeit, den konkreten Ball rollen zu lassen und die Weltmeisterschaft in Brasilien anzupfeifen.


Der Autor ist Leiter des Hamburger Literaturhauses und Schriftsteller

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