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24/2014 - Die wilden Fußball-Fans
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Ungelesen , 10:44
Die wilden Fußball-Fans

Südamerika ist bekannt für die fanatischen und oft gewaltbereiten „Barras bravas“ – in Kolumbien gelten sie als besonders brutal.


Von Ralf Leonhard

Santa Fe gegen Millonarios, das ist der Klassiker im kolumbianischen Fußball. Wenn die beiden Hauptstadtmannschaften in Bogotá aufeinandertreffen, dann bebt das Stadion. Die Tribünen sind blau auf der einen und rot-weiß auf der anderen Seite gefärbt; die Chöre verstummen über 90 Minuten für keinen Moment. Hinter den Toren schwenken die Ultras ihre Fahnen.
Im September 2013 kam es an einer Busstation im Zentrum von Bogotá zu einem wilden Streit zwischen Anhängern des Hauptstadt-Teams Santa Fe und Fans von Atlético Nacional aus Medellín. Der 20-jährige Carlos Andrés Medellín, Fan von Nacional, erlitt tödliche Stichwunden. Kurz davor war Pedro Contreras, Vater eines Anhängers von Santa Fe, von einem Fan des Clubs Millonarios unter ähnlichen Umständen getötet worden. Die Rivalitäten zwischen fanatisierten Fußballfans werden weniger in den Stadien als auf der Straße ausgetragen. „Barras Bravas“ heißen diese oft gewaltbereiten Fans in Südamerika – die in Kolumbien gelten als besonders brutal. „Bravo“ hat nichts mit dem deutschen „brav“ zu tun. Ganz im Gegenteil: In diesem Zusammenhang kann es am besten mit „wild“ oder „wütend“ übersetzt werden.

Neue Fan-Kulturen

Auch in den brasilianischen Stadien von Belo Horizonte, Brasilia und Cuiabá werden Abordnungen der „Barras Bravas“ präsent sein, wenn Kolumbien bei der WM auf Griechenland, Japan und die Elfenbeinküste trifft. Aber das wirkliche Fan-tum entfaltet sich im Klubfußball. Das Phänomen der „Barras Bravas“ kommt aus Argentinien, wo die Sportreporter diesen Begriff für besonders gewalttätige Fangemeinden prägten. Germán Gómez hat sich für seine Soziologie-Dissertation lange aus nächster Nähe mit den Fußball-Rowdys beschäftigt. Nach seinen Forschungen identifizieren sich über 90 Prozent der Mitglieder der „Comandos Azules“ (Santa Fe) und „Guardia Albi Roja“ (Millonarios) mit dem Schmuddel-Etikett der „Barras Bravas“. Gewalt sei ja in Kolumbien nicht nur negativ besetzt. Und neben der spontanen gebe es die gezielt eingesetzte Gewalt. „Gewalt wird nicht nur nach außen geübt. Sie ist auch ein Mittel für den Aufstieg innerhalb der Organisation. Da werden durchaus einmal auch kriminelle Schläger angeheuert, um Interessen durchzusetzen“, so Gómez. Die Anführer der Fanclubs sollen sich zum Teil wie Mafiabosse benehmen. Richie González, 28 Jahre alt, war nie Mitglied einer „Barra Brava“. Aber er lebt für den Fußball, speziell seine Mannschaft Santa Fe, und hat jedes Wochenende im Stadion mit den Barras zu tun. Einmal wurde er in seinem Wohnbezirk von Anhängern der Millonarios zusammengeschlagen, weil er das T-Shirt seiner Mannschaft trug. Seither ist er vorsichtiger. Das blaue Trikot verbirgt er unter einem Pullover, den er erst im Stadion ablegt. González lebt vom Verkauf von Fanartikeln und kann sich damit sein Abonnement finanzieren. Wie jeder echte Fußballfan, hat er für die ganze Saison seinen Sitzplatz reserviert und versäumt kein Match, zumindest nicht im Heimstadion.
Wenn Millonarios spielt, werden 17 Prozent der Polizeikräfte von Bogotá mobilisiert, um die 40.000 Stadionbesucher in Schach zu halten, respektive zu beschützen. So sei es gelungen, die Gewalt im und vor dem Stadion drastisch zu reduzieren, sagt Germán Gómez, der sich noch gut erinnern kann, wie gewalttätige Fangruppen in den 1980er-Jahren regelmäßig Ausschreitungen vom Zaun brachen. Er sieht das Aufkommen der Gewalt rund um den Fußball in Zusammenhang mit der Verbreitung des Privatfernsehens: „Erstmals konnten die Kolumbianer eine andere Fußballästhetik sehen.“ Und damit auch andere Fankulturen. Vorher sei der Besuch im Stadion ein sonntäglicher Familienausflug gewesen: Fans mit unterschiedlichen T-Shirts saßen friedlich nebeneinader, feierten die Goals ihrer Mannschaft und besprachen anschließend das Match miteinander.

Initiativen zur Gewaltprävention

Juan Flórez, der einzige Vertreter der Kleinpartei ASI im Stadtrat von Bogotá, will die Gewalt um den Fußball nicht gelöst vom bewaffneten Konflikt sehen, der das Land seit 50 Jahren prägt. Vertriebene aus allen Landesteilen kommen in die Städte, bewaffnete Gruppen rekrutieren Jugendliche in den Armenvierteln. „Mehrere Generationen sind schon damit aufgewachsen, dass in ihrem Umfeld Menschen verschwinden oder ermordet werden. In Kolumbien liegt die Mordrate bei 30 pro 100.000 Einwohner“, sagt Flórez. Vor 20 Jahren war die Rate in Städten wie Medellin, Cali und Bogotá noch weit höher. Die Opfer, so Flórez, seien meist 16 bis 28 Jahre alt. Das ist auch das Alter der meisten Mitglieder der „Barras Bravas“.
In den 1970ern und 80ern wurden die Fußballklubs von Drogenbossen unterwandert. „Über Strohmänner ließen sie ihr Geld waschen“, berichtet Flórez: „Und sie ließen Schiedsrichter, aber auch Spieler ermorden.“ Der Verein América aus Cali konnte dank der Geldinjektionen teure Spitzenspieler kaufen und spielte sich viermal ins Finale der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Gegenstück zur Champions League. Cali wurde dadurch attraktiv und konnte sich über Fans aus anderen Städten freuen. „Wir sahen in América eine gute Mannschaft, die unsere Zuneigung verdiente“, sagt Germán Gómez. Zudem erwies sich der Teufel im Wappen des Klubs als Attraktion. „In dieser katholischen Welt konnten sich viele Jugendliche damit identifizieren und aus ihrem konservativen Umfeld ausbrechen.“
Mit dem Niedergang der Drogenkartelle von Medellín und Cali wurden auch die Geldinjektionen für die Klubs in diesen Städten geringer. Aber Drogendealer hatten sich auch in den Fanklubs eingenis-
tet und nutzten deren Netzwerke für ihre Zwecke. Sie rekrutieren Jugendliche für kriminelle Aktivitäten. 55 Prozent der „Barras Bravas“ würden Drogen nehmen, hauptsächlich Marijuana, weiß Guillermo Jaramillo, Sekretär der Stadtregierung von Bogotá.
Alexander Celi, Mitglied der Guardias Azules von Santa Fe, wegen seines dichten Bartes El Barba genannt, wehrt sich gegen die Stigmatisierung: „Das Wesen des Fußballs sind die Anhänger, die solidarischen Fanklubs.“ Er streitet nicht ab, dass die Club-Zugehörigen sich oft in Revierkämpfe verstricken und auch Gewalt anwenden: „Aber die Jugendlichen haben wenige Freiräume, wo sie sich ausleben können.“ Richie González weist auch auf die sozialen Aktivitäten der Fanklubs hin: „Sie sammeln Geld für Sozialprojekte, helfen Behinderten und organisieren den Empfang ihrer Mannschaft im Stadion.“
Der Fußball sei die neue Religion, die Stadien seien die Kathedralen der Moderne, heißt es oft. Eduardo Galeano, der uruguayische Schriftsteller und bekennende Fussballfan, drückt es so aus: „Fußball ist die einzige Religion ohne Ungläubige.“ Rafael Jaramillo, Journalist und Soziologe, kann dem einiges abgewinnen: „Der Fan ist von Leidenschaft beherrscht und die Zugehörigkeit zu einem Club kann so etwas wie die einzige Wahrheit sein. Das geht so weit, dass er aggressiv reagiert, wenn er jemanden mit einem gegnerischen T-Shirt sieht.“ Wenn man attackiert werde, müsse man sich wehren, gibt El Barba zu: „Dann gibt es eben manchmal Tote.“
Der Stadtverwaltung sei es gelungen, durch Programme wie „Tore in Frieden“ oder „Sauber spielen“ die Gewalt in den Stadien einzudämmen. „2008 gab es den letzten Toten im Stadion“, freut sich Germán Gómez. Aber auf den Straßen versagen solche Aktionen. Deshalb sieht der Stadtrat Juan Flórez die einzige Lösung darin, generell das Gewaltniveau im Land zu senken. Ein Friedensabkommen mit der Guerilla, das seit 2012 verhandelt wird, könne da ein erster Schritt sein. „Aber dann müssen wir der Jugendarbeitslosigkeit Herr werden und am Idealbild des Mannes arbeiten. Ein richtiger Mann ist heute eben immer noch ein aggressiver Macho.“

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  21:47:27 07.16.2005