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24/2014 - „Sündteures Stadion für den Amazonas“
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Ungelesen , 10:57
„Sündteures Stadion für den Amazonas“

Der brasilianische Sozialforscher Aloisio Cabalzar über Fußball und Religion, ein Land im Ausnahmezustand sowie die Angst vor Ausschreitungen.

Das Gespräch führte Martin Tauss


Den Auftakt zur WM wird Aloisio Cabalzar aus Wien mitverfolgen, und generell betrachtet er das große Spektakel in seiner Heimat mit kritischer Distanz. Der Sozialanthropologe engagiert er sich für entlegene Regionen im brasilianischen Regenwald und arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten mit indigenen Gemeinschaften zusammen. Die FURCHE traf Cabalzar, der auf Einladung von HORIZONT3000 und dem Klimabündnis an einer internationalen Konferenz zur Bedeutung von Bildungsinstitutionen für die lokale Entwicklung in Wien teilnahm
(siehe Kasten), zum Gespräch.

DIE FURCHE: In Brasilien wird die Euphorie über die Fußball-WM von Negativschlagzeilen und Protestbewegungen begleitet. Andererseits sehen selbst Personen, die vor Ort in der Sozialarbeit tätig sind, Vorteile und Entwicklungschancen für das Land. Überwiegen bei der „Copa“ eher die positiven oder die negativen Auswirkungen?
Aloisio Cabalzar: Ich sehe bei Weitem mehr negative Seiten, denn die Leute im Land haben in Wirklichkeit andere Prioritäten als so ein großes Spektakel. In Brasilien sind viele dringende Bedürfnisse der Bevölkerung noch nicht ausreichend abgedeckt – das reicht von der Bildung über das Gesundheitswesen bis hin zum öffentlichen Transportsystem. Es wird ja extrem viel Geld in diese Weltmeisterschaft hineingeschüttet (Anm.: Kolportiert werden bis zu zehn Milliarden Euro samt Infrastruktur), und davon profitiert die Bevölkerung kaum. In den letzten zwei Jahren wurden sieben neue Fußballstadien gebaut. Sogar in Manaus im Amazonas-Gebiet wurde extra für die WM ein sündteures Stadion errichtet. Bei all diesen Großprojekten wurden nur große Firmen begünstigt. Zudem wurden viele Projekte im Zusammenhang mit der WM zwar geplant, aber nicht umgesetzt. Andere Projekte wiederum sind einfach nicht fertig geworden, und es ist nicht zu erwarten, dass diese nach der „Copa“ fertiggestellt werden.
DIE FURCHE: Sind im Zuge der WM eine Zunahme der Kriminalität und des Sextourismus in Brasilien zu befürchten?
Cabalzar: Die Kriminalität wird eher zurückgehen, da es ein lückenloses Sicherungs- und Bewachungssystem rund um die Fußballstadien gibt. Auch Bettler und Obdachlose werden vorübergehend vertrieben. Das ist wie bei der Teilnahme an internationalen Konferenzen, bei denen man von der Welt draußen gut abgeschirmt wird. Im Hinblick auf die Prostitution wird eine Zunahme der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen befürchtet. Deshalb hat die brasilianische Regierung eine Aufklärungskampagne gegen Kinderprostitution und Menschenhandel ins Leben gerufen.
DIE FURCHE: Sehen Sie auch positive Konsequenzen der WM für das Land?
Cabalzar: Gewiss, das „Image“ des Landes wird weltweit verbreitet. Punktuell wird der Tourismus profitieren, und es gibt vorübergehend einen positiven wirtschaftlichen Effekt. Die aufgrund der WM neu geschaffenen Arbeitsplätze sind aber meist zeitlich beschränkt. Manche Maßnahmen werden sicherlich einen nachhaltigen Nutzen bringen, zum Beispiel die Verbesserung einiger Flughäfen und Transportmittel. Insgesamt ist die Kosten-Nutzen-Rechnung aber negativ.
DIE FURCHE: Welches Echo hat die WM in ihrem Einsatzbereich in den Dörfern des Rio Negro-Gebiets?
Cabalzar: Diese entlegenen Gebiete bleiben von den Touristenströmen weitgehend unberührt, zumal der Anreiseweg teuer ist und es einer eigenen Genehmigung bedarf, um in indigene Gebiete einzureisen. Fußball als Volkskultur wird freilich auch dort gepflegt, und die Bevölkerung zeigt große Begeisterung für die Spiele. In allen Dörfern gibt es einen Energiegenerator und eine Parabolantenne, so dass immer auch ein Fernsehgerät zu finden ist. Die Übertragung der Fußball-WM wird dann zum kollektiven Erlebnis.
DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie die soziale Situation der indigenen Bevölkerung?
Cabalzar: Es fehlt eigentlich an allem. Die Region ist total marginalisiert, isoliert von den ökonomischen Zentren. Es gibt keine Straßen; Transport und Verkehr erfolgen über den Flussweg. Um zu Sozialleistungen zu kommen, müssen die Menschen noch allzu weite Reisen auf sich nehmen. Ein großes Problem der indigenen Bevölkerung ist auch die Tatsache, dass ihre Vertretung von den öffentlichen Stellen nicht wirklich anerkannt wird. Die Regierungsprogramme, die in die Region kommen, sind generell für das ganze Riesenland konzipiert, das heißt nicht an die regionalen und kulturellen Eigenheiten angepasst. Obwohl die brasilianische Verfassung von 1988 den indigenen Völkern weitgehende Rechte eingeräumt hat, ihre eigene Kultur und Tradition zu leben, wird dies in der Praxis meist nicht berücksichtigt.
DIE FURCHE: Fußballstadien sind die „Kathedralen der Moderne“, heißt es mitunter. Sehen Sie in Brasilien eine Verbindung von Fußball und Religion?
Cabalzar: Insbesondere Spieler aus ärmeren Schichten sind oft ostentativ religiös. Dazu zählen das Sich-Bekreuzigen im Stadion, aber auch das Entblößen von T-Shirts mit religiösen Sprüchen. Eine Reihe von Spielern sind Pfingstkirchen zugehörig, die in Brasilien ein zunehmendes religiöses Phänomen darstellen. Fußball-Stars wie zum Beispiel der Mittelfeldstratege Kaka, der der Freikirche „Wiedergeburt in Christus“ angehört, sind hierfür sicherlich eine gute „Publicity“. Diese Kirchen verstehen es, ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln; daher ist wohl der Zulauf zu erklären. Ein Teil dieser Pfingstkirchen hat einen seltsamen Ruf, und es wird von nicht sehr vertrauenswürdigen „Geschäftsmodellen“ berichtet.
DIE FURCHE: Wie schätzen Sie die Chancen der brasilianischen Mannschaft ein?
Cabalzar: Brasilien hat gute Chancen zu gewinnen. Die größte Bedrohung ist sicherlich Uruguay (lacht). Das ist seit dem Jahr 1950 so, als Brasilien als Gastgeberland im Finale gegen Uruguay vor knapp 200.000 Zusehern in Rio de Janeiro 1:2 verloren hat. Das war für das ganze Land sehr traumatisch.
DIE FURCHE: Muss man angesichts der Stimmung im Land hoffen, dass Brasilien nicht allzu früh ausscheidet, damit es nicht zu Ausschreitungen und größeren Unruhen in den Straßen kommt?
Cabalzar: Als dezidierter Gegner der Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff bin ich der Meinung, dass es sogar Unruhen geben soll. Denn das würde vielleicht etwas an der derzeitigen Politik ändern.
DIE FURCHE: Pelé, Romário, Ronaldo – Brasilien hat viele Fußball-Magier hervorgebracht. Wer ist Ihr „All-time-Favourite“?
Cabalzar: Zico in den 1980er-Jahren war für mich der Allerbeste!



Kasten:
Know-HOw 3000 - Autonomie durch Wissen

Was können Universitäten in den Ländern des Südens für die nachhaltige Entwicklung peripherer Regionen leisten? Diese Frage stand im Mittelpunkt der internationalen Konferenz „KNOW-HOW 3000“, die vom 10.–12. Juni an der Diplomatischen Akademie in Wien stattfand. Vorgestellt wurde etwa eine Initiative zur Förderung des indigenen Wissens und interkulturellen Dialogs im brasilianischen Rio Negro-Gebiet. Denn die versuchte Integration indigener Gemeinschaften durch standardisierte Ausbildung und offizielle Sprachregelungen war in der Vergangenheit wenig erfolgreich. Die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Regionen soll nunmehr respektiert werden. „Durch Schulen und institutionalisierte Trainingsprogramme für Studium und Forschung soll der produktive Austausch westlicher Wissenschaft und traditionellen indigenen Wissens ermöglicht werden“, berichtet Elisabeth Moder von HORIZONT3000. Schwerpunkte sind u. a. Umweltmanagement oder indigene Ökonomie.
Die Konferenz wurde im Rahmen des Wissensmanagementprogramms von HORIZONT3000, der größten österreichischen NGO in der Entwicklungszusammenarbeit, veranstaltet. (mt)

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