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25/2014 - Von wahren und verhüllten Waren
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Ungelesen , 09:47
Von wahren und verhüllten Waren

Die Wirtschaft verspricht Glück, indem sie Waren und Dienstleistungen als Wunscherfüller verkauft. Der Trick gelingt ihr oft – nur bei Glaube, Liebe und Eros gar nicht.

Von Oliver Tanzer

Die Nacktheit ist eine ökonomische Größe, spätestens seit der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg uns mitgeteilt hat: „Das Zeitalter der Privatheit ist vorbei“ – und die NSA diesen Wahrspruch in die Tat umsetzte. Aber man muss sich nicht mit solchen Proklamationen zufrieden geben. Geht es zum Beispiel nach dem italienischen Philosophen Mario Perniola, steckt in den kulturellen Urgründen von Nacktheit und Verhüllung weit mehr als bloß irdische Trends und Milliarden. Es geht um die Urgründe der Weltauffassung und – wenn wir es weiterspinnen – der Ökonomie.
Der Philosoph Perniola hat unter Zuhilfenahme von Theologen und Ethnologen bei den ältesten Kulten und Religionen Nachschau gehalten: Wie hielten es die alten Ägypter und Babylonier oder die Hebräer des Alten Testaments oder etwa die Griechen mit der Kleidung? Die Religionen des Nahen Ostens, und hier vor allem die Hebräer, so Perniola, hängen dem Prinzip der Verhüllung an. Sie sehen das Nackte, Entblößte als demütigend und beschämend, gleichzusetzen mit Sklaverei und Prostitution, Wahnsinn, Verfluchung und Frevel. Auf höherer Ebene hüllt sich Gott im Alten Testament stets in transzendentes oder sphärisches Gewand, in eine Wolke, in Feuer oder in gleißendes Licht, von dem das Buch der Psalmen schreibt: „Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich, du bist schön und prächtig geschmückt, Licht ist dein Kleid, das du anhast.“ Das Prinzip heiliger Verborgenheit prägt den hebräischen Ritus – vom Kabod bis hin zur verborgenen Existenz Gottes in der Stiftshütte.
Ganz anders die Griechen: Sie feiern in ihren panhellenischen Spielen die heilige Nacktheit. Sie ist nicht mehr beschämend, sondern gewinnt, so Perniola, „paradigmatische Bedeutung“. Tatsächlich geht es der griechischen Philosophie um die Schau der nackten Tatsachen und der nackten Wahrheit und das Durchdringen zur Klarheit. Die Schatten im Höhlengleichnis Platons müssen durch philosophische Konzentration zur Seite geschoben werden, um sich der Wahrheit der Idee zu nähern.

Prüderie und Konsum

Man kann nun versuchen, diesen Gedanken der beiden gegenläufigen Systeme von Verhüllung und Nacktheit, die sich später unter der christlichen Weltreligion vereinen, weiterzudrehen. Und zwar in die Ökonomie hinein. Max Weber hat in einer noch heute vielzitierten Analyse den Ursprung des Kapitalismus im Protestantismus, und hier vor allem in den stark auf das Alte Testament fixierten reformatorischen Strömungen und Sekten zurückgeführt. Diesen Sekten eignet vielfach eine Tradition der ernsthaften Prüderie an, die ihre Wurzeln in Perniolas alttestamentarischem Verhüllungsprinzip finden könnte. Und tatsächlich durchwaltet im Kapitalismus protestantischer Prägung nach Weber die göttliche Wahrheit auch das wirtschaftliche Streben. Nur das Ergebnis liegt in prächtiger Entblößung zutage. Demnach belohnt der verhüllte Gott in einer ebenso verborgenen Entscheidungsfindung jene mit Reichtum, die er liebt. Und kleidet die Verhüllung nicht auch hervorragend die „unsichtbare Hand“ Adam Smiths, die alle menschliche Tat bei möglichst hoher Freiheit in Reichtum wandelt? Und ist der Kapitalismus der Konsumgesellschaft nicht eine permanente Verkleidung echter Bedürfnisse im Gewand von vorgeblich wunscherfüllender Waren?
Doch dieses System, das Waren verkauft, indem es sie als Glücksspender tarnt, stößt dort an seine Grenzen, wo es versucht, mit den Bedürfnissen zu handeln, die sich nicht verkleiden lassen: etwa Glaube, Zuneigung, Eros. Das griechische Wahrheitsprinzip kommt gleichsam zum Durchbruch, wo mit wahren Waren gehandelt wird. Das System entblättert sich selbst und wird zur jämmerlichen Gestalt.
Man sieht dann Glaube und Überzeugung niedergetrampelt auf dem Jahrmarkt der Sinnsucher, die Suche nach Zuneigung zum Parshipkatalog geronnen und Eros im Pornonetz zappeln. Vielleicht ist es ja das, was Heidegger mit „Unverborgenheit“ gemeint hat: Wahre Waren sind nicht nur unwandel-, sondern auch unhandelbar.

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