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25/2014 - Waxen und gedeihen
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Ungelesen , 09:50
Waxen und gedeihen

Üppiges Haupthaar gilt als attraktiv, sprießendes Körperhaar hingegen als hässlich: Seit Jahrtausenden investiert die Menschheit viel Zeit und Geld darin, es zu entfernen. Über haarige Verhüllung und die folgenschwere Entblößung der Scham.

Von Anna Maria Steiner

Ruhig ist es im Ausstellungsraum – nur vereinzelt tönt ein verstörtes „Oh“. Wenn Barbara Schmid ihre in mühevoller Arbeit gehäkelten Objekte zur Schau stellt, verstummen selbst hartgesottene Liebhaber zeitgenössischer Kunst. Mit der Anfertigung eines Höschens aus Haupthaar und eines dazugehörigen Häubchens aus Schamhaar weckt die Grazer Künstlerin Emotionen zwischen Ekel und Verstörung.
„Warum ist das eine Haar gut, das andere aber schlecht?“, fragt sich die gebürtige Vorarlbergerin seit ihrer Kindheit – und hat in einem ersten Schritt ihren 25 Jahre zuvor abgeschnittenen hüftlangen Zopf zu einem gehäkelten Slip verarbeitet. Bei der Erstellung des Häubchens war sie jedoch auf die Hilfe anderer angewiesen: 300 Frauen haben dafür Schamhaar gespendet.

„Teddies unter den Achseln“

Wie sehr Haare jenseits des Kopfes polarisieren, hat sich nicht nur bei Schmids Arbeiten mit dem Titel „schön hässlich“ gezeigt. Als im Frühjahr 2012 bei der Vorausscheidung zum Eurovision-Songcontest in Malmö die behaarten Achselhöhlen eines weiblichen Publikumsgastes über die Bildschirme flimmerten, wurde der im Internet verbreitete Screenshot binnen weniger Stunden über 1700 Mal kommentiert. Die deutsche Pop-Ikone Nena konnte noch ungeniert „Teddies unter den Achseln“ tragen, wie Ex-„Modern Talking“ Dieter Bohlen lästerte.
Zaghaft zeigt sich jedoch auch eine Renaissance des Körperhaars: Im Jänner dieses Jahres wollte die US-Modemarke American Apparel mit üppig schambehaarten Schaufensterpuppen auf die „natürliche Schönheit“ von Frauen hinweisen. Und Superstar Madonna sprang auf den Trendzug auf, indem sie auf Instagram ein Foto von sich selbst mit Achselhaaren postete.
Von einer Breitenwirkung dieses Revival kann freilich noch keine Rede sein: Gerade jüngere Frauen tendieren dazu, auch ihre Scham von haariger Verhüllung zu befreien. Unter ihnen: Christine Margreiter und Sybille Stolberg. 2005 haben die beiden Deutschen in Berlin-Mitte die erste von heute europaweit 21 Filialen von „Wax in the City“ eröffnet. Unter dem Motto „Haare sind ein Schmuck, aber an der richtigen Stelle“ wurde das auch in Österreich mit drei Filialen vertretene Unternehmen bald zum Marktführer im Bereich des „Brazilian Waxing“, der vollständigen Entfernung aller Haare im Intimbereich. Dass völliger Kahlschlag dabei nicht die einzige Maxime ist, beweist die Produktpalette: Je nach Wahl des „Frisur-Typs“ wachsen die 200 „Depiladoras“ weibliches wie auch männliches Schamhaar auf Wunsch bis auf einen schmalen Balken („Landing-Strip“), ein Dreieck („Triangle“) oder entfernen bei Männern wie Frauen auch radikal alles („Hollywood-Cut“). Während sich Frauen vorwiegend Beine, Achseln und den Intimbereich enthaaren lassen, geht es Männern vor allem um kahle Schultern und haarlose
Bäuche.

Sechstausend Jahre Bikinizone

Dass Haarentfernung ein Wachstumsmarkt ist, spiegelt sich laut „Wax in the City“-Pressesprecherin Judith Peller auch in der Anzahl der Franchise-Anfragen wider. Dabei reichen die Methoden der Schamhaar-Entfernung weit vor die westliche Entblößungs-Kultur zurück. Gewachst, gezupft und rasiert wird bereits im vierten vorchristlichen Jahrtausend. Mittels Muscheln, Haifischzähnen, geschliffener Steine, durch Harzen, mittels Pflanzenextrakten, Eselsfett, Pech oder Fledermausblut entledigt man sich bereits in den frühen mesopotamischen und ägyptischen Hochkulturen unliebsamer Härchen. Im Islam beschreiben religiöse Berichte, so genannte „Hadithe“, den richtigen Umgang mit Körperbehaarung. Eine entscheidende Rolle kommt dabei der um 613 in Medina geborenen ‘Aisha zu. In den ihr zugeschriebenen 1200 Vorschriften, die auf Aussagen des Propheten Mohammeds zurückgehen sollen, finden sich auch Anweisungen über das Zupfen und Rasieren von Achsel- und Schambehaarung. Unklar bleibt dabei aber, wer diese Tätigkeit verrichten darf – was dazu führt, dass unterschiedliche Rechtsschulen immer wieder Anspruch auf die rechtmäßige Auslegung erheben und fordern, die Haarentfernung im Bereich zwischen Nabel und Knien ausschließlich durch die betreffende Frau selbst oder ihren Ehemann vornehmen zu lassen. Gewachst wurde und wird im Islam traditionellerweise mittels „Halawa“, einer Paste aus Zucker, Wasser und Zitronensaft, und zu Zwecken der Körperhygiene.
Was gläubige Musliminnen und Muslime mit der Firmenstrategie expandierender Waxing-Studios verbindet, scheint das Bedürfnis nach umfassender Körperpflege zu sein. „Man tut es nicht wegen eines Intimschnittes, der gerade in ist, sondern weil man sich in seinem Körper wohlfühlen möchte“, erklärt PR-Frau Peller. „Haarentfernung ist kein Trend, sondern für sehr viele Menschen Bestandteil der Körperpflege.“

Vom Warmwachs zum Skalpell?

Doch bedeutet das umgekehrt auch, dass, wer weder rasiert, noch zupft oder wachst, den eigenen Körper vernachlässigt? Für Felice Gallé vom Frauengesundheitszentrum Graz ist Haarentfernung ganz und gar kein gesundheitliches Muss. Den bestehenden Haarentfernungsboom verortet sie vielmehr im Bereich des Marktes, der vor allem junge Frauen vor eine unliebsame Frage stellt: „Bin ich so, wie ich bin, in Ordnung?“ „Insofern ist dieses Schönheitsideal gesundheitsschädigend“, bemerkt Gallé und bestätigt damit, was ihre Kollegin, die Sozialpädagogin und Frauenforscherin Kerstin Pirker, aus dem Beratungs-Alltag einbringt: Schon vor Jahren zeigte sich, dass es für Mädchen und junge Frauen nicht beim Wunsch nach einer kahlrasierten Schamgegend bleibt. Nicht Busen-OPs würden die Wunschliste ästhetisch-chirurgischer Veränderungen anführen, sondern Schamlippenkorrekturen. Ein beinahe schon logischer nächster Schritt, zumal Größe und Form des weiblichen Genitals oft erst durch den Schamhaar-Kahlschlag zutage treten.
„Hier geht es nicht mehr um Machbarkeit, sondern um Macht“, konstatiert Felice Gallé und empfiehlt Susie Orbachs Buch „Bodies: Schlachtfelder der Schönheit“ aus dem Jahre 2010. Die britische Psychotherapeutin war erfolgreich am Umdenken des Pflegeprodukte-Herstellers „Dove“ beteiligt und erwirkte, dass seit 2004 auch Frauen jenseits der 90-60-90-Maße „Dove“-Werbespots zieren dürfen. Seit Jahren warnt Orbach, auf deren Couch schon die bulimische Lady Di lag, vor den Folgen einer täglich aus 2000 bis 5000 Bildern bestehenden, auf Konsumentinnen und Konsumenten herniederprasselnden „Flut optimierter Bilder“. „Wir schreiben Gesundheitswarnungen auf jedes Päckchen Zigaretten, aber wir warnen nicht vor diesen bearbeiteten Bildern.“ Gegen diese Monokultur der Körperdarstellungen helfe nur eine Gegenbewegung: „Eltern müssen versuchen, ihren Kindern gegenüber den Körper nicht als das Feld darzustellen, über das Probleme gelöst werden können. Und sie müssen versuchen, nicht zu sehr von ihren eigenen Körpern besessen zu sein.“
Eine Forderung, die auch die Grazer Künstlerin Barbara Schmid ernst nimmt – besteht ihr zweiteiliges Kunstwerk doch gerade deshalb, weil sie selbst die Unterscheidung zwischen gutem und bösem Haar nicht nachvollziehen kann. Auch, wenn das Höschen aus Haupthaar und das Häubchen aus Schamhaar gerade erst durch Haarentfernung entstehen konnten, so ist ihr die Kahlschlag-Idee der dahinterstehenden Schönheitsindustrie zutiefst fremd: „Man lehnt durch Haarentfernung im Grunde einen Teil von sich selbst ab. Und das finde ich schade.“

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