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25/2014 - Der Zauber des Verhüllten
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Ungelesen , 09:53
Der Zauber des Verhüllten

Die Enthüllungen unserer Tage sind weitgehend Entblößungen. Doch wo nichts mehr verborgen ist, kann auch nichts mehr ans Licht kommen. Gedanken über die Wahrheit – zum Fronleichnamstag.

Von Gustav Schörghofer SJ

Eine nackte Frau sitzt auf einem Felsblock. Ein mächtiges Tuch birgt die Gestalt und gibt sie preis. Wie von unsichtbarer Hand gehalten schwebt es hinter ihr. „Die Wahrheit, von der Zeit enthüllt“, zu sehen in der römischen Galleria Borghese (kleines Bild unten), wurde von Gian Lorenzo Bernini 1645, in einem schwierigen Moment seines Lebens, begonnen. Nach dem Tod von Papst Urban VIII. war Bernini großen Anfeindungen ausgeliefert. Damals begann er mit der Arbeit an dieser sehr persönlichen Schöpfung. Im Kunstwerk sollte sich ereignen, was er sich im eigenen Leben auch erhoffte. Was ereignet sich hier?
Die Wahrheit ist zurückgelehnt, etwas nach rechts gedreht und geneigt, der Kopf nach links gedreht, in den Nacken gelegt, der linke Arm stark gebeugt, die Hand geöffnet, Handfläche zum Betrachter hin offen, der rechte Arm vom Körper weggestreckt, in der Rechten eine Sonne. Das Tuch ist zwischen Schulter und linkem Fuß gespannt, umströmt locker das rechte Bein, fließt unter dem linken Fuß locker über eine Kugel ab, auf die der Fuß gestellt ist, fließt links über den Felsen und weht nach links aus. Oben, wo das Tuch von der nicht dargestellten Zeit gehalten wird, hat es einen festen Punkt, von dort strömt es in parallelen Wellen, drei großen Bögen, die gemeinsam eine Mulde hinter dem rechten Arm bilden, nach unten. Leib und Tuch sind eng miteinander verbunden, nur Kopf und rechter Arm sind ganz von dieser Hülle befreit. Das Tuch bindet rechts, umfängt links, aber auch so gibt es stets die Gestalt der Wahrheit frei, die linke Hand kommt strahlend hervor.

Der enthüllte Charakter

Die Figur, das Ganze von Körper, Tuch, Fels und Kugel, schafft Raum, die Enge zwischen den Beinen öffnet sich oben wie eine Lichtung, der Körper öffnet sich, was geschieht, ist insgesamt wie das Hochziehen eines Vorhangs, eines Schleiers. Sehr schön ist diese Öffnung im Gesicht gegeben, der leicht geöffnete Mund, die offenen Augen, die Wendung nach oben, ja insgesamt das Blühende dieses Gesichts; oder in der Linken, die darstellt, was die Sonne in der Rechten ebenfalls meint, ein Aufstrahlen.
Die Öffnung geschieht aus einem festen Halt heraus, den die Figur von ihrer rechten Seite her hat. Doch ist es kein Tun des Körpers, sondern eher etwas, das an ihm geschieht, das ihn in Erscheinung treten lässt. Nicht die Wahrheit hebt den Vorhang, er wird gehoben und sie stellt sich dem Betrachter dar, besser: Sie stellt nicht sich selber dar, sondern stellt ihrerseits ein Sich-Öffnen, ein Aufstrahlen, ein Raum-Schaffen, Raum-Geben dar.
Bei Bernini hat das Enthüllen den Charakter des Sieges von Weite, Größe und Würde. Hier wird nichts entblößt, sondern das sieghafte In-Erscheinung-Treten einer Gestalt, eines Leibes gefeiert. Schönheit und Freude werden hier offenbar.
Die Enthüllungen unserer Tage sind hingegen weitgehend Entblößungen. Auch sie haben den Charakter eines Sieges, doch ist es der Sieg der Niedertracht. Nicht ein Leib tritt in Erscheinung, sondern Fetzen, Ausschnitte werden vorgeführt. Alles wird bloßgestellt in grellem Licht. Oder es wird im Dunkel unausgesprochener Übereinkünfte versteckt, sollte nie ans Licht kommen.

Nichts verborgen, alles banalisiert

Die Vorstellung nicht endender Nacht ist für mich genauso erschreckend wie die Vorstellung eines endlosen Tages. Am liebsten sind mir die Zeiten des Übergangs, der Dämmerung am Morgen und am Abend, wenn die Dinge aus der Verborgenheit ans Licht kommen oder sich ins Dunkel zurückziehen. Die Vorstellung, etwas sei einfach gegeben, allzeit verfügbar und anwesend, nimmt der Welt den Zauber. Sie wäre wie ein gut ausgeleuchtetes Warenhaus, alles fein säuberlich sortiert auf Regalen, alles Begehrte jederzeit griffbereit. Die Banalisierung der Welt wäre grenzenlos, denn alles wäre gleichgültig. Zahnpasta, Gott, Klopapier, Liebe – alles wäre nebeneinander platziert, vorhanden und dem, der gerade danach begehrt, zuhanden. Vom Wunsch zur Erfüllung des Wunsches wäre kein Weg mehr zu gehen, es genügte, die Hand auszustrecken und zuzugreifen.
Dort, wo nichts mehr verhüllt, alles enthüllt ist, wo nichts mehr verborgen, alles offenbar ist, wo alles zur Verfügung steht, ist alles gleichgültig. Wo alles gleichgültig ist, herrscht Langeweile. Gesichter, die alles zur Schau tragen, sind langweilig. Räume, die ganz und gar ausgeleuchtet, Museen, deren ausgestellte Gegenstände ganz und gar beleuchtet sind, versinken in Langeweile. Dort, wo der Dunkelheit und dem Schatten kein Platz eingeräumt wird, in Straßen, Geschäften, Schaufenstern, zieht die Langeweile ein. Die in Europa herrschende Kultur der Aufklärung verdeckt mit ihrer Forderung nach Enthüllung, Transparenz und Offenlegung, dass die Wahrheit immer auch im Dunkel des Verborgenen bleiben muss. Woher sollte sie sonst ans Licht kommen?
Doch geht es bei dem Drang zur Entblößung in der gegenwärtigen Kultur nicht mehr um Wahrheit. Denn mit der Enthüllung von Wahrheit sollte sich etwas zeigen, eine Gestalt in Erscheinung treten, Offenheit und Befreiung gefeiert werden. Die Enthüllung durch Entblößung verdeckt jedoch etwas, da sie die Aufmerksamkeit auf Nebensächliches lenkt und den Konsumenten der Manipulation ausliefert. Seine Sehnsucht ist nicht mehr auf das Aufleuchten der Wahrheit gerichtet, sondern auf die Befriedigung eines augenblicklichen Interesses. Das Aufleuchten der Wahrheit wird in immer neuer Vergegenwärtigung des Gleichen gefeiert. Die Befriedigung des augenblicklichen Begehrens bedarf immer neuer und anderer Angebote und verbraucht die Welt.
Christen feiern die größten Geheimnisse ihres Glaubens in der Nacht. Jene Nacht, in welcher die Geburt Christi gefeiert wird, heißt sogar die „Heilige Nacht“. Die Nacht der Nächte ist jene der Auferstehung Jesu Christi. Im Dunkel der Nacht leuchtet der Stern der Erlösung. Er bedarf des Dunkels, da Gott aus dem Verborgenen ins Offenbare tritt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Dieses Aufstrahlen Gottes im Dunkel der Welt wird immer neu vergegenwärtigt und ereignet sich immer neu. Hier wird etwas enthüllt, das zugleich im Verborgenen bleibt. Das gleiche geschieht in den Gleichnissen Jesu. Die Geheimnisse des Gottesreiches werden in Gleichnissen erzählt, die etwas zeigen und verhüllen zugleich. Darin gleichen sie den Werken der Kunst, von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, die alle zeigen und verhüllen zugleich. In den Werken der Kunst ereignet sich Welt als etwas Unverfügbares, das dem Betrachtenden aus der Verborgenheit entgegentritt, sich zu erkennen gibt. Auf Seiten der Betrachtenden braucht das Zeit. Auch hier gilt: erst die Zeit enthüllt die Wahrheit. Doch wer nicht warten kann, dem helfen schnelle Erklärungen auch nicht.

Sich öffnen – nicht entblößen

Die gegenwärtige Kultur der Entblößung verhindert die Wahrnehmung des Leibes. Sie verdeckt, verbirgt die Wirklichkeit des Leiblichen. Im Christlichen gibt es sie auf mehreren Ebenen. Die Kirche wird als Leib Christi verstanden. In der Eucharistiefeier der katholischen Kirche wird der Leib Christi als gegenwärtig erfahrbar, in der Gemeinde und in Brot und Wein. Die Gemeinde empfängt in der Gestalt des Brotes, was sie selber ist, Leib Christi (Augustinus). Wenn zu Fronleichnam der Leib Christi in Gestalt des Brotes aus der Kirche hinausgetragen wird, kommt etwas zum Vorschein, was sich auch sonst durch Christinnen und Christen ereignet. Christus wirkt durch sie in der Welt an einer Verwandlung der Welt in seinen Leib hinein. Es soll durch diesen Prozess die Gegenwart Gottes in allen Dingen offenbar werden, dass Gott letztlich alles in allem sei.
Es ist ein Sich-Öffnen, ein Aufleuchten, Raum-Schaffen und Raum-Geben. Alles andere als Entblößung.


Der Autor ist Jesuit, Kunsthistoriker und Pfarrer in Lainz-Speising

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