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27/2014 - Türen nicht zugeschlagen (Otto Friedrich)
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Alt 02.07.2014, 09:57
Türen nicht zugeschlagen

Das Arbeitsdokument für die Bischofssynode zum Thema Familie ist gewiss kein
„Reformpapier“. Aber es zeigt, dass auch in Rom die Uhren bereits anders gehen.


Von Otto Friedrich


Rom hat gesprochen – und die Causa darf weiter diskutiert werden. Auf diesen Nenner kann man das „Instrumentum laboris“, das Arbeitsdokument für die Bischofssynode, die sich im Herbst dem Thema Familie widmet, bringen. Das ist eindeutig ein Fortschritt gegenüber bisherigen Usancen an der katholischen Kirchenspitze, wo es gerade im Bereich Ehe-, Familien- und Sexualmoral jahrelang ums Perpetuieren des lehramtlichen Status quo ging. Auch wenn die Begleittöne bei der Vorstellung des Dokuments altbekannt klangen – keinesfalls werde die Lehre geändert … –, so zeigt sich, dass doch einiges an klarsichtiger Analyse Eingang gefunden hat. Dass in vielen Teilen der katholischen Welt die bislang vermittelte Glaubenslehre entweder nicht rezipiert oder als für die eigene Praxis nicht lebbar verstanden wird, verharmlost das Papier nicht mehr.
Neben den üblichen affirmativen Ansätzen – die Kirche müsse ihre Lehre vor allem „verständlicher“ machen – fällt auf, dass nicht mehr bloß in Kategorien von Sünde und Schuld, sondern in einer nüchternen Aufzählung die Problemfelder angesprochen werden: das Scheitern von Beziehungen ebenso wie das Verlangen von wiederverheirateten Geschiedenen nach Sakramenten, wobei deutlich ist, in welchen Weltgegenden das als großes Problem verstanden wird, während etwa im Süden Armut oder Gewalt als die Bedrohung des Familienlebens gelten.

Zwischen den Zeilen schimmert neuer Geist

Das Arbeitspapier für die Bischofssynode bietet nicht direkt Lösungen an, aber es versteift sich auch nicht ausschließlich auf bekannte Instrumentarien – etwa die Propagierung von Eheannullierungen, wie das in der Vergangenheit oft getan wurde. Und zwischen den Zeilen schimmert neuer Geist. Wenn etwa der I. Teil gleich das „Evangelium der Familie“ im Titel nennt und damit jene Rede aufnimmt, die Kardinal Walter Kasper bei seinem von Papst Franziskus gelobten und von Konservativen vehement abgelehnten Referat vor den Kardinälen im Februar dieses Jahres entwickelt hat, dann bleibt die Richtung evident. Kasper hat bei seinen Ausführungen auch davor gewarnt, dass die Bischofssynode, wenn sie ohne erkennbare Ergebnisse bleibt, großen Schaden anrichten wird.

Naturrecht wird „nicht mehr als universal empfunden“

Die alte kirchliche Sprache ist längst in Diskussion geraten. Das kann etwa den Ausführungen über das Naturrecht entnommen werden. Denn im Dokument wird zwar sehr wohl versucht, an diesem Begründungssystem, nach dem die eheliche Gemeinschaft zwischen Mann und Frau auf eine überchristliche, allgemein menschliche Ordnung zurückzuführen ist, festzuhalten. Aber gleichzeitig wird eine realistische Infragestellung dieser Position mitgeliefert, wenn etwa die Einlassungen von Bischofskonferenzen aus Afrika, Ozeanien und Ostasien referiert werden, nach denen dort die Polygamie oder die Zurückweisung von Frauen, die keine Kinder gebären können, „als ‚natürlich‘ empfunden“ würden: Es „scheint das Naturrecht von der gegenwärtigen Kultur nicht mehr als universal empfunden zu werden.“
Das wesentliche Erbe des II. Vatikanums lautet: Die katholische Kirche ist gehalten, die Zeichen der Zeit zu erkennen und wahrzunehmen. Bei aller Vorsicht und bei allem Gegenwind kann konstatiert werden: Auf dem Weg zur kommenden Bischofssynode zeigt sich – erstmals seit vielen Jahren: Auch an ihrer Spitze weiß die Kirche, dass sie nicht darum herumkommt, sich ernsthaft mit den Zeichen der Zeit auseinanderzusetzen. Das ist längst noch nicht die Lösung – schon gar nicht im Bereich von Beziehung, Familie, Sexualität, wo Lehre und Praxis auseinanderklaffen wie kaum bei einem anderen Thema. Aber die Türen wurden nicht zugeschlagen. Man kann nur hoffen, dass die Bischöfe im Herbst imstande sind, diese Chance zu nutzen.
Sie wird so schnell nicht wiederkommen.

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