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02/2011 - Die koptische Tragödie
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Ungelesen , 15:25
Die koptische Tragödie

Die blutige Neujahrsnacht im ägyptischen Alexandria stellte einen neuen traurigen Höhepunkt der fast endlosen Martyriumsgeschichte der koptischen Christen dar. Doch in die Klagen und den Schmerz über die Anschlagsopfer mischen sich auch Töne der Hoffnung auf ein neues Zusammenfinden von Muslimen und Christen.

Von Heinz Gstrein

Nach der blutigen Neujahrsnacht in der Petrus-Kirche in Alexandria und den darauf für die Kopten Ägyptens doch relativ ruhigen Weihnachten am 6./7. Jänner hat sich ihr Patriarch Schenuda III. zur Behandlung in eine amerikanische Klinik begeben. Das ist einerseits ein Zeichen der Entspannung, dürfte aber vor allem mit dem Gesundheitszustand des 88-Jährigen zusammenhängen. Für die rund zwölf Millionen koptischen Christen am Nil und in einer weltweiten Dia*spora ist es überlebenswichtig, dass ihnen der bewährte geistliche Führer durch eine der schwierigsten Zeiten ihrer an Verfolgungen so reichen Geschichte weiter erhalten bleibt.
Auch Kardinal Schönborn hat am Sonntag bei der Trauerfeier für die Opfer des alexandrinischen Attentats in der koptischen Bischofs*kirche von Wien darauf hingewiesen, dass es sich beim jüngsten Anschlag nur um das vorläufig letzte Kapitel eines langen Leidensweges handelt. Kopten waren sogar in den Alpenländern die ersten namentlich bekannten Märtyrer, die Ende des dritten Jahrhunderts für den Christus-Glauben ihr Leben gegeben haben sollen: Angehörige der sogenannten „Thebaischen Legion“ aus Oberägypten. Auch in ihrer Heimat erwiesen sich die christlichen Nachkommen der Bewohner des Pharaonen-Reiches (griechisch: Aigyptos, arabisch: qibt – davon: Kopten) besonders in der Verfolgung unter Kaiser Dio*kletian als so tapfere Blutzeugen, dass sie ihre Zeit*rechnung („Ära der Märtyrer“) bis heute mit dessen Thronbesteigung im Jahr 284 beginnen.
In ihre nächste Bedrängnis kamen die ägyptischen Christen, als sie sich nicht der Christologie des Konzils von Chalzedon (451) anschlossen und so in Konflikt mit der römischen Reichskirche und damit der byzantinischen Staatsmacht gerieten. Nach fast zwei Jahrhunderten der Ausgrenzung wurden um 640 die arabisch-muslimischen Invasoren von den Kopten zunächst sogar als Befreier begrüßt. Doch verlor die ägyptische Kirche im Lauf der Jahrhunderte immer mehr Gläubige an den Islam, Christenverfolgungen häuften sich, sodass die Kopten zur immer kleineren Minderheit und kulturell fast völlig arabisiert wurden. Das Koptische konnte sich nur als Kirchensprache behaupten und wurde selbst da vom Arabischen zurückgedrängt. Bedeutende hochmittelalterliche Homileten wie ein Bulos al-Buschi predigten und schrieben bereits auf Arabisch.

Entspannung unter Nasser

Als 1971 Schenuda III. sein Amt als koptischer „Papst und Patriarch von Alexandria und ganz Afrika“ antrat, ging für Ägyptens Christen gerade eine ihrer besseren Zeiten zu Ende. Sie hatten bis 1914, als das Nilland noch Teil des Osmanischen Reiches war, von den christenfreundlichen Reformen des „Tanzimat“ in Stambul mit profitiert. Während der anschließenden britischen Herrschaft fanden sich die ägyptischen Muslime und Christen in der patriotisch-antikolonialistischen Bewegung des Wafd gleichberechtigt zusammen. Allerdings erwuchs ihnen schon zwischen den Weltkriegen ein neuer Feind in Gestalt der Muslimbruderschaft.
Unter Gamal Abdel Nasser konnten die Kopten noch einmal aufatmen. Der „rote Pharao“ beendete energisch den Terror der Muslimbrüder und bediente sich der christlichen Ideologen Salama Musa und Louis Awad zur Fundierung seines „Arabischen Sozialimus“. An der Al-Azhar-Universität gab die fortschrittliche islamische Strömung von Großscheich Mahmud Schaltut den Ton an, und 1968 durfte in Kairo eine mächtige koptische Patriarchenkathedrale eingeweiht werden, größer und höher als jede der umliegenden Moscheen!
Als jedoch drei Jahre später dort der heutige Patriarch Schenuda III. inthronisiert wurde, standen die Zeichen für die Kopten bereits wieder auf Sturm. Seit Nassers Tod im September 1970 war am Nil Anwar as-Sadat an der Macht, der ursprünglich den Muslimbrüdern nahestand. Als Initiator der ägyptischen Wende von Sowjethörigkeit zu Westorientierung und besonders als Vater des Friedens mit Israel ist Sadat im Wes*ten bis heute in bester Erinnerung. Viel zu wenig wurde bekannt, dass er es war, der am 11. September 1971 die Scharia zur hauptsächlichen Rechtsquelle erklärte und damit die ägyptische Re-Islamisierung eingeleitet hat. Im Dezember 1972 ging dann in Chanka nördlich von Kairo das erste christliche Gotteshaus in Flammen auf. Seither ist islamis*tische Gewalt gegen die Kopten nicht mehr zur Ruhe gekommen. Auch Sadat selbst fiel den bösen Geistern, die er geweckt hatte, 1981 zum Opfer. Doch werden seine Diskriminierungspolitik und die Duldung islamis*tischer Übergriffe zu Lasten der koptischen Christen von Nachfolger Hosni Mubarak nun schon 30 Jahre lang fortgesetzt.

Mubarak-Regime am Ende?

In Ägypten ging daher zum koptischen Weihnachtsfest Anfang Jänner erst recht die Angst um. Dass es da keine Katastrophen gab, war in erster Linie dem diesmal endlich wirksamen Polizeischutz zu verdanken. Ohne diesen hätte es im mittelägyptischen Minya, wo an einer Kirche Sprengsätze gerade noch rechtzeitig entdeckt und entschärft werden konnten, eine noch größere Tragödie als zuvor in Alexandria gegeben!
Mubarak schützt jetzt die Kopten aber nicht nur aus neu entdeckter Sympathie. Auch das politische Überleben des 83-Jährigen steht mit auf dem Spiel. Allzulang hat er die wachsende Islamisten-Unrast auf den Sündenbock christliche Minderheit abgelenkt, sein Regime jedoch im westlichen Ausland als Bollwerk gegen den aggressiven Polit-Islam vermarktet. Als notwendiges Übel wurde die Mubarak-Diktatur von USA, NATO und EU daher trotz ihrer demokratischen Mängel und Menschenrechtsverletzungen geduldet, das aber immer mehr zähneknirschend. Doch nach dem jüngsten massiven Wahlbetrug von Mubaraks „nationaldemokratischer“ Fast-Einheitspartei am 28. November und erst recht dem Christenmord in Alexandria zum Neuen Jahr gibt es auch international keine Schonfrist für Ägyptens „ewigen“ Präsidenten mehr.
Als erfreuliche Alternative zu Mubaraks Versuch, den Teufel islamistischer Unrast mit dem Beelzebub polit-islamischer, christenfeindlicher Staatsdoktrin zu bekämpfen, wächst in Ägypten an der Basis eine neue Eintracht von gläubigen Muslimen und koptischen Christen wie zu den guten, alten Zeiten des Wafd heran: Zum Weihnachtsfest wurden viele koptische Kirchen gar nicht so sehr von der Polizei, sondern durch Menschenketten aus der muslimischen Nachbarschaft geschützt. Kann dieser gute Geist weiter erstarken, so ist das Opfer der Toten und Schwerverletzten von Alexandria nicht umsonst gewesen …

Der Autor studierte in Wien Koptologie und war 1969–85 Korrespondent in Ägypten. Er ist Mitherausgeber von „Copts in Egypt: A minority under siege“, Zürich-Göttingen 2006

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