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02/2011 - Schwierige Gratwanderung: Solidarität, aber ohne Hass
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Ungelesen , 15:31
Schwierige Gratwanderung: Solidarität, aber ohne Hass

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen beklagte die koptische Gemeinde Wiens gemeinsam mit prominenten Vertretern anderer Konfessionen die Opfer des Attentats von Alexandria.

Von Michael Weiß

Uniformierte Beamte mit Sturmgewehren sind auf Österreichs Straßen ein seltener Anblick. Am vergangenen Sonntag standen gleich mehrere rund um die koptische Kirche im 22. Wiener Gemeindebezirk Wache. Seit im Internet die sogenannte „Todesliste“ aufgetaucht ist, auf der sich auch die Namen von 15 österreichischen Kopten befinden, ist Christenverfolgung auch hierzulande Realität geworden. Die Kirchenbesucher müssen sich an die Bewachung gewöhnen – auch an jene, die unsichtbar ist.
„Wir werden über unser Personalkontingent hier und über unsere Sicherheitsmaßnahmen sicher keine Auskunft geben“, sagt ein Beamter in Zivil am Eingang, der für die Taschenkontrolle bei den Besuchern zuständig ist. Nur eines ist klar: Für den Trauergottesdienst am vergangenen Sonntag wurden die Sicherheitsvorkehrungen noch zusätzlich erhöht.

Gedenken an die „Märtyrer von Alexandria“

„Heute sind sehr viele Polizisten hier“, sagt Wadie Dawoud, „die meisten in Zivil.“ Dawoud organisiert die hauseigene Security der koptischen Gemeinde. Freiwillige sind mit „Security“-Schildern ausgestattet und dafür zuständig, am Eingang jene Besucher durchzuwinken, die sie als Mitglieder der Gemeinde erkennen. Wer ihnen fremd ist, wird von der Polizei kontrolliert. Über tausend Menschen sind laut Schätzung der Gemeinde an diesem Sonntag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen versammelt, um der „Märtyrer von Alexandria“ zu gedenken. Von Angst ist trotzdem keine Spur. „Ich habe keine Angst“, sagt Wadie Dawoud, dessen Name einer der 15 auf der sogenannten „Todesliste“ ist. Und er ist nicht der Einzige. Die Menschen plaudern auf dem Platz vor der Kirche, trinken Tee und essen Kebab. Auf der Wiese hinter der Kirche spielen Kinder Fußball. Wüsste man nicht, dass innerhalb der Kirchenmauern Terroropfern gedacht wird, würde man dieser Gemeinde kaum anmerken, dass sie eines der schlimmsten Kapitel ihrer Geschichte durchlebt.
Innerhalb der Kirchenmauern bietet sich ein anderes Bild: Abwechselnd flimmern die vorgelesenen Gebete und Bilder der Opfer von Alexandria vorne über eine Leinwand. Tief in sich versunken, mit geschlossenen Augen und erhobenen Armen, verrichten Gläubige ihre Gebete.
Vorne hat sich alles versammelt, was in der christlichen Ökumene in Öster*reich Rang und Namen hat. Neben dem koptischen Bischof Anba Gabriel sind die Oberhäupter mehrerer anderer christlicher Konfessionen zur Gedenkfeier gekommen, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Metropolit Michael Staikos von der griechisch-orthodoxen Kirche, Bischof Michael Bünker von der evangelischen Kirche A. B. sowie – als Ehrengast besonders hervorgehoben – Kardinal Christoph Schönborn. Sie alle betonen in ihren Reden die Vorbildwirkung der Kopten, die ein leuchtendes Beispiel für die Kraft des Glaubens darstellten. Gleichzeitig fordern sie Konsequenzen.
Am deutlichsten tut das Johann Marte. Der Präsident der Stiftung Pro Oriente betont in seiner Rede, dass Entsetzen und Trauer nicht ausreichen würden, sondern dass es aktive Schritte brauche, sowohl von Religionsgemeinschaften als auch von der Zivilgesellschaft. Es sei kein Zufall, dass Christen in 30 muslimischen Ländern Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt seien, so Marte. Daran trage aber auch Europa eine Mitschuld, es zeige zu wenig Konsequenz in seiner Haltung gegenüber den muslimischen Ländern des Nahen Ostens: „Toleranz gegenüber der Verletzung von Menschenrechten ist keine Toleranz.“

Keine Toleranz gegen über der Intoleranz

Für seine deutlichen Worte sei ihm von zahlreichen Gottesdienstbesuchern gedankt worden, erzählt Marte später gegen*über der FURCHE. Wenn hier auch oberflächlich kein Hass gegen den Islam geschürt wird, zeigt sich in einzelnen Gesprächen der Besucher immer wieder, dass man über das, was den Glaubensbrüdern im Nahen Osten widerfährt, doch nicht so einfach hinwegsehen kann. Dennoch: Im Vordergrund stehen bei dieser Veranstaltung Trauer und Solidarität mit den Trauernden.
„Das war keine Kundgebung gegen den Islam, sondern eine für die Kopten“, schildert auch Rudolf Prokschi, Pro-Oriente-Vizepräsident, seinen Eindruck der Gedenkfeier. Vor allem der ökumenische Geist der christlichen Kirchen in Österreich sei hier deutlich geworden. Keine hundert Meter vom nächsten schwer bewaffneten Polizisten entfernt fügt er hinzu: „Aber ohne Hass, das ist ganz wichtig.“

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