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30/2014 - Den Frieden ertragen (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 11:41
Den Frieden ertragen

Blutvergießen in der Ukraine, Gaza-Invasion Israels – in beiden Konflikten scheint die Lage ausweglos. Das ist sie nicht. Man müsste sich nur mehr zutrauen als bloß Krieg.


Von Oliver Tanzer

Früher wurden Kriege in Schlachten geschlagen. Heute werden sie mit dem Leid ziviler Opfer geführt. Der Sieger wird nicht im Kampf sondern in der Bewertung seiner Taten ermittelt. Die letzten Tage zeigen das in einer selten gefühlten Dichte. Im Ukrainekonflikt ist die Empörung gegenüber Russland und den mit ihm verbündeten Separatisten noch nie so groß gewesen wie nach dem Abschuss der Malaysian Airlines MH 17 mit 298 Menschen an Bord. Neue Sanktionen gegen Russland scheinen nur noch eine Frage der Zeit. Selbst die sonst so beredten Verteidiger der russischen Ukrainepolitik schweigen, da sich die Separatisten im Absturzgebiet wie eine Truppe gefühlskalter Psychopathen benimmt.
Im Nahostkonflikt lösen Israels Einmarsch in Gaza und der Tod palästinensischer Kinder Empörung aus und die ultimative Forderung, Israels Angriffe müssten sofort aufhören. Bei Demonstrationen für Gaza werden eindeutig antisemitische Parolen skandiert – auch in Österreich.

Empörung ist kein Weg

Weder im einen noch im anderen Fall ist Empörung ein guter Berater, wenn es darum geht, die Auseinandersetzungen rasch zu beenden. Das gilt zunächst für die Ukraine und die Rolle Wladimir Putins in diesem Konflikt. Der russische Präsident hat in diesem Krieg sicher eine tragende Rolle. Er hat die Separatisten verbal, logistisch und offensichtlich auch waffentechnisch massiv unterstützt, offenbar auch mit jenem Flugabwehrsystem, das für den Absturz von MH 17 verantwortlich war. Wie kurzsichtig muss man sein, um Waffen mit einem derartigen Tötungspotenzial in die Hände von primitiven Söldnern zu geben? Putin wird sich diese Frage wohl des öfteren selbst gestellt haben.
Aber wenn es den USA und Europa nun darum geht, diesen Krieg zu beenden, dann müssten sie Putin gerade jetzt einen Weg öffnen, die Allianz zwischen Russland und dem Separatistenmob zu beenden. Dieser Weg führt sicher nicht über weitere Sanktionen, obwohl die niemals angemessener schienen als jetzt. Er führt auch nicht über neue Offensiven der ukrainischen Armee. Beides würde in dieser Situation die Fronten weiter verhärten und den Anschub zu Verhandlungen blockieren. Dass die Gesprächspartner für solche Friedensverhandlungen in Moskau und nicht in Donezk sitzen, hat die vergangene Woche mehr als deutlich gezeigt. Und was die Sanktionen betrifft: Sie könnten und sollten mit noch größerer Härte verhängt werden, falls die Verhandlungen aufgrund Moskauer Widerstandes scheitern. Aber erst dann.

Selbstverteidigung und Rache

Im Nahen Osten ist die Lage im Vergleich zur Ukraine aussichtslos. Generationen von Israelis und Palästinensern haben sich in diesem Konflikt aufgerieben. Tausende sind gestorben, Millionen leben in Lagern. Niemand kann Israel sein Recht auf Selbstverteidigung gegen die Raketen der Hamas streitig machen. Gleichzeitig wird niemand verhindern, dass die Hamas sich hinter der Bevölkerung von Gaza verschanzt. Kurzfristig wird dieser Krieg nicht aufhören, selbst wenn sich Israel zurückzieht. Nach Gaza ist vor Gaza, wenn die Strukturen so bleiben wie sie sind.
Die einzige Chance beider Völker auf Frieden besteht in einem Arbeiten an einem gemeinsamen wirtschaftlichen Aufschwung und der damit einhergehenden Vertreibung der Hoffnungslosigkeit, welche die palästinensische Jugend in die Arme der Hamas treibt. Diese Kooperation kann aber nur gelingen, wenn die Verletzungen, die beide Völker erlitten haben, nicht weiter in die Gleichung Aug um Auge und Blut für Blut gesetzt werden. Hanna Arendt wurde einmal um ihre Meinung zur Vergangenheitsbewältigung gefragt. Sie sagte, eine Bewältigung gebe es nicht: „Das höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.“ Das gilt für Israel genauso wie für die Ukraine. Man muss lernen, den Frieden „auszuhalten“.

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