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32/2014 - Nichts ist unausweichlich (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 10:56
Nichts ist unausweichlich

Die Masse des öffentlichen, zum Teil auch öffentlich verordneten Gedenkens 2014
suggeriert gesellschaftlichen Konsens: Kann aus der Geschichte doch gelernt werden?


| Von Otto Friedrich


Die Behauptung, dass die Geschichte eine Lehrmeisterin sei , hat ebenso ihre Verfechter wie deren Gegenteil: Dass die Menschheit gerade nichts aus der Geschichte gelernt habe – auch dafür lassen sich Beispiele anführen. Letzteres mag zurzeit aber wenig en vogue erscheinen, denn 2014 könnte sich im Rückblick vielleicht als Jahr der Geschichtsversessenheit entpuppen, in dem wahrscheinlich so viel „Geschichte“ präsent war wie kaum zuvor.
Publizistik und Diskurs haben sich an den diversen Jahrestagen abgearbeitet – den 80er der Februarkämpfe 1934, den 70er der Alliierten-Landung in der Normandie und des Warschauer Aufstandes sowie natürlich vor allem den 100er des Ersten Weltkriegs haben wir schon „hinter uns“. In wenigen Wochen wird dann der Zweite Weltkrieg (75 Jahre) gedenkmäßig in den Fokus rücken, dann folgt das 200-Jahr-Jubiläum
des Wiener Kongresses usw.
Was kann die Masse öffentlichen, zum Teil auch öffentlich verordneten Geden*kens aber anderes bedeuten als den gesellschaftlichen Konsens, dass aus der Geschichte doch etwas zu lernen sei. Man darf derartigen pädagogischen Impulsen durch*aus skeptisch gegenüber stehen. Aber kaum jemand dürfte sich der Versuchung entziehen können, die gefeierte, die gedachte Geschichte durch die Brille der Gegenwart zu betrachten.

Blindheit für Alternativen und Auswege

Das kann durchaus legitim sein, insbesondere wenn man den Blick auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts richtet. Gerade rund um die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg wurden politische Verflechtungen und Zwangsläufigkeiten zutage gefördert, die zum Untergang der kontinentalen Ordnung samt millionenfachem Tod geführt haben. Ein – politisches – Gefühl der Unausweichlichkeit etwa, wo sich eins ins andere und letztlich in den Untergang fügte. Die Blindheit für Alternativen und Auswege – auch das wurde in den letzten Wochen und Monaten thematisiert. Ein Phänomen wie diese vermeintliche Unausweichlichkeit wäre es wert, mit den aktuellen Weltläuften in den Blick genommen zu werden.
Das Gegeneinander von Europa und Russland, respektive die Lage in der Ukraine, driftet in Richtung derartiger Unausweichlichkeit ab – politische Handlungsalternativen werden rarer und rarer. An die politische (wie auch militärische) Sklerose des Nahostkonflikts mag man da mangels irgendwelcher Aussichten gar nicht anstreifen. Und das Erstarken der Rechten scheint europaweit ein unausweichliches Phänomen zu sein, ein Kraut dagegen ist von Paris bis Budapest nicht gewachsen.

Kein politisches Diktat der Unausweichlichkeit

Spätestens hier kommt die heimische Polit-Lage it ins Spiel: eine Regierung in einer Lose-Lose-Situation. Unausweichlich untergehend? Eine weit rechts stehende Partei, die unausweichlich erstarkt – die Umfragen suggerieren, sie sei längst die stärkste im Lande. Wenn nun demnächst des Beginns des Zweiten Weltkriegs gedacht wird, dann wird auch die Unausweichlichkeit der Entwicklung, die zum NS-Terror führte, zum Thema werden. Und die Notwendigkeit, die Unausweichlichkeit eben nicht zum politischen Diktat werden zu lassen.
Dabei ist wohl zu differenzieren: Die Strache-Partei ist nicht die Hitlerei des 21. Jahrhunderts. Solches zu behaupten, wäre eine gröbliche Verharmlosung – insbesondere der Schoa und ihrer Millionen Opfer. Aber es wäre ebenso verharmlosend und die Lehren aus der Vergangenheit ignorierend, das Erstarken des rechtsaußen stehenden politischen Spektrums achselzuckend als „unausweichlich“ hinzunehmen.
Noch sind die Brandsätze, die ob dieser Entwicklungen entstehen können, nicht gezündet. Was vor 100 oder 75 Jahren begann, gilt heute nicht minder als Fanal für Europa und die Welt.
Hoffentlich können die Nachfahren und Zeitgenossen das beherzigen.

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