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37/2014 - Gesellschaft ohne Genierer (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 21:50
Gesellschaft ohne Genierer


Das Jubiläum eines Gratisblattes erweist sich als österreichisches Sittenbild. Die da einmal mehr offenbarten Zustände treiben einmal mehr die Zornesröte ins Gesicht.

| Von Otto Friedrich

Die Bilder, welche die ORF-Seitenblicke letzten Freitag frei Haus lieferten, sprachen für sich: Alle, wirklich alle, mit denen man heutzutage Staat macht, waren zur Zehnjahresfeier von Heute ins Belvedere gekommen -der Kanzler wie der Kardinal (der fürs Gratisblatt bekanntlich als Kolumnist wirkt), der rote Bürgermeister der Metropole, die zwei wichtigsten schwarzen Landeshauptleute, der neue Finanzminister, der oberste Parvenü, der das Land gerade mit Eheschließung Nummer fünf belästigt Und auch die Spitzen von Grün und Blau ärgerten sich nicht, sondern mimten sichtlich Feierlaune. Der politische Jungstar brachte es dann auf den Punkt: Man treffe hier diejenigen, "die auch Partner sind darin, die eigene Arbeit zu kommunizieren", so der Außenminister im O-Ton.
Man ist für die entwaffnende Entlarvung dankbar - und würde am liebsten zornig entgegentreten: Nein, es ist nicht Aufgabe der Medien, in trauter Verhaberung mit der Politik deren Kommunikator zu sein. Sondern Medien haben die Räume des Diskurses offen zu halten, sie sind dazu da, zu berichten und darzustellen - auch die Politik -, Zusammenhänge offenzulegen, Bewertungen zu ermöglichen sowie Missstände zu entdecken und aufzuzeigen.

Ein gratisblatt als zweifelhafte Erfolgsgeschichte

Doch wir leben bekanntlich in Österreich. Und da ist eine Partnerschaft, um "die eigene Arbeit zu kommunizieren"(siehe oben) eine gefährliche Drohung, die hehre Vorsätze im Nu ad absurdum führt. Und so kommt es, dass das Jubiläum eines Gratisblattes zu einem Sittenbild gerät, für das man sich eigentlich schämen müsste. Doch angesichts dessen, wer aller da letzten Donnerstag mitfeierte, ist klar: Diese Gesellschaft lebt ungeniert -oder, um es österreichisch zu sagen: ohne Genierer.
Man will natürlich nicht verschweigen, dass Heute eine Erfolgsgeschichte unglaublichen Ausmaßes darstellt: In zehn Jahren wurde das Blatt zur meistgelesenen Zeitung in Wien, und österreichweit liegt es nach der Krone, die bekanntlich zumindest durch Familienbande mit Heute verbunden ist, auf Platz zwei. Das soll einem einer einmal nachmachen. Aber dieser Erfolg ist - wie in der Gründerzeit der heutigen Kronen Zeitung - politisch gefördert. Warum wurden und werden Heute die öffentlichen Räume (U-Bahn-Stationen etc.) zur Verfügung gestellt, ohne die es nie so verbreitet werden konnte? Gab es eine öffentliche Diskussion darum, wer diese Räume besetzen darf? Und wie alimentiert die öffentliche Hand diese Zeitung mit Inseraten und welcher politische Dunstkreis macht sich damit gemein?(Diesbezügliches entlarvt dankenswerterweise die investigative Internetplattform dossier.at.)

Wer hängt am Gängelband von wem?

Was vor zehn Jahren eine durchaus riskante Geschäftsidee gewesen sein mag, hat heute zu einem Player ersten Ranges geführt , wo, in typisch österreichischer Manier, nicht mehr klar ist, wer eigentlich "spielt": Die Politik hängt am Gängelband derartiger Medienmacht (man kann den Dichands ja den Fellnerismus, der ja auch eine Art Gratiszeitung im Land verschleudert, taxfrei an die Seite stellen). Und umgekehrt hängt diese Medienmacht am Tropf öffentlicher Zuwendungen.
Natürlich bleibt die Qualität des Diskurses ob solcher Verhältnisse auf der Strecke. Medien, die komplexere Vorgänge aufzeigen, als auf einer U-Bahnfahrt zu konsumieren sind, kämpfen landauf landab ums Überleben. Eine intelligente Medienpolitik, die diese Entwicklungen steuern könnte, findet ob der Haberer, die einander da auch im Wiener Belvedere zugeprostet haben, nicht statt.
In den Sonntagsreden grassiert allenthalben Jammer, dass politische und gesellschaftliche Leitfiguren fehlen, und dass das Personal, welches das Land regiert, der Gestaltungs-und Visionskraft enträt. Warum sollte das angesichts solchen Politmediengesellschaftsbreis aber anders sein?

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