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42/2014 - Leben wie im freien Fall
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Ungelesen , 10:00
Leben wie im freien Fall

Die Gefühlswelt von Menschen mit bipolarer Störung ist durch extreme Stimmungsschwankungen geprägt. Porträt einer Betroffenen zwischen Manie und Depression.


| Von Anna Maria Steiner

Sie blinzelt, schließt immer wieder die Augen. Stärker als vermutet dringt die Herbstsonne durch die Fenster des Neubaus am Gelände der Psychiatrischen Abteilung im Landeskrankenhaus Graz. Sophie hält ihr Gesicht dem Licht entgegen, lächelt zufrieden. Heute hat sie viel geschafft, wieder an einer der regelmäßigen Gruppensitzungen teilgenommen, sich mit anderen ausgetauscht, mehr über ihre Erkrankung gelernt und darüber, sich selbst anzunehmen als die, die sie ist: eine kluge, attraktive 29-Jährige, deren Gefühlswelt von einer bipolaren Erkrankung bestimmt wird.
„Dieser Weltschmerz, der sich allein schon beim Anblick einer toten Fliege meldete und mich alles hinterfragen ließ – irgendwann wusste ich einfach, dass etwas nicht stimmt mit mir …“ Das klassisch fröhliche Kind sei sie nie gewesen, eher eine Mischung aus einem nachdenklichen, wissbegierigen und sensiblen Mädchen. Als Teenager betreibt Sophie Leistungssport: Ballett, rhythmische Sportgymnastik, Boden- und Geräteturnen. Als ein schwerer Schiunfall ihre junge Karriere jäh beendet, bricht sie zusammen. „Ich war dreizehn und sagte damals ‚Mein Leben ist vorbei!‘“ Während ihre Freundinnen weiter für den Wettkampf trainieren, verliert Sophie soziale Kontakte zu Gleichaltrigen und tritt für zwei Jahre die Flucht in die Konsumwelt an. „Ich hab´ jeden Cent, den ich hatte, hinausgepfeffert, um nur ja wieder etwas Neues zu raffen.“ Das „Was-kostet-die-Welt“-Gefühl überträgt sich allmählich auch auf den Lernalltag und mündet im schulischen Super-GAU. Was niemand, auch sie selbst nicht, versteht: Jedes weitere Nichtgenügend scheint Sophies Allmachts-Gefühlen nur noch weiter Auftrieb zu verleihen.

Diagnose als Befreiung

Heute spricht die Grazerin von diesen sechs Monaten als ihrer ersten manischen Phase, der nur ihr Vater ein jähes Ende zu setzen vermochte. Tagelang schleppt er sie durch alle Einkaufszentren zwischen Wien und Graz und zwingt sie so, ihr vermeintliches Hobby bis zum Exzess zu betreiben. „Ich glaube, das waren die teuersten drei Tage seines Lebens“, lacht Sophie, die sich zu Beginn dieser Rosskur noch im Shopping-Paradies wähnte. Nach drei Tagen konnte sie einfach nicht mehr und schien vorerst geheilt.
Einer kurzen Phase, die Sophie heute als „normal“ bezeichnet, folgt die lähmende Zeit einer langen Depression, der die mittlerweile 16-Jährige mit allwöchentlichen, alkoholbedingten Aussetzern zu entkommen versucht. Damit, dass Sophie sich „jedes Wochenende wegschießt“, nicht genug. Sie beginnt, an leicht verdeckbaren Körperteilen Selbstverletzungen vorzunehmen. Das Gefühl zu haben, lebendig zu sein – nichts anderes war es, das sie ihre Oberschenkel mittels Glasscherben deformieren ließ. „Ich hatte das Gefühl, nicht mehr zu existieren. Der Schmerz hat ermöglicht, dass ich mich wieder spürte.“ Doch nicht immer überwog der Daseinsdrang. Selbstverletzungen als Schrei nach Leben folgen konkrete Todesabsichten. Einen von langer Hand geplanten Suizid überlebt Sophie, weil ihr Körper die Medikamenten-Überdosis unmittelbar nach der Einnahme wieder ausscheidet.
Den zweiten Selbstmord-Versuch vereitelt ein zufällig Vorbeikommender. Als sich bei einem Badeausflug die Möglichkeit bietet, entscheidet sich Sophie innerhalb von Sekunden für den Tod und hört plötzlich auf zu schwimmen. Ein Surfer glaubt an einen Krampf und zieht die junge Frau aus dem Wasser. „Ich war weder froh darüber noch begeistert, sondern dachte nur: ‚Nicht einmal das bekommst du hin.‘“ Als ihr eine bipolare Störung diagnostiziert wird, scheint Sophie erleichtert. „Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.“ Endlich war da ein Anhaltspunkt, eine mögliche Erklärung für das auch ihr selbst oft befremdliche Verhalten. Was dabei bis heute nicht einfach sei: die Einnahme der Medikamente, die immer wieder an die Krankheit erinnere. „Damit muss man lernen umzugehen.“ Geholfen hat ihr dabei vor allem ihr Partner, der zeitgleich mit Sophie eine Selbsthilfegruppe besucht – für Angehörige von an bipolarer Störung Erkrankten. Seit drei Jahren sind die beiden erneut ein Paar, das den emotional durchwachsenen Alltag gemeinsam meistert. „Ich hab´ einen Guten erwischt“, lächelt Sophie und erzählt, dass ihre Versagensängste seit ihrer Beziehung viel kleiner geworden seien. „Seit ich jemanden habe, fühle ich mich nicht mehr als Fehler.“

Wünsche einer Betroffenen

Ob sie Tipps habe für Menschen mit bipolarer Störung? Die Selbsthilfegruppe helfe ihr enorm (Info: www.bipolar-graz.at). Zu wissen, dass man nicht alleine ist, helfe ebenfalls. Wichtig sei es, sich mit Menschen zu umgeben, die versuchen würden, zu verstehen: Denn für viele sei es nicht nachvollziehbar, wenn Erkrankte wie Sophie wochenlang auf der Couch liegen, sich gleichsam von Wasser ernähren und überlegen, ob der Gang aufs WC überhaupt zu schaffen sei. „‚Geh, hab´ dich nicht so, es ist ja nicht schlimm‘ ist wohl das Verletzendste, was einem da gesagt werden kann.“ In den vergangenen vier Jahren hat Sophie ihren Freundeskreis neu überdacht und nicht tragende Beziehungen „aussortiert“. Heute weiß sie Menschen in ihrem Umfeld, deren Gegenwart ihr gut tut – im Gegensatz zu solchen, mit denen sie sich alle zwei Wochen zum Feiern trifft.
Was sie sich wünsche? Sophie streicht die naturblonden, kräftigen Haare aus dem Gesicht. Dass Menschen wie sie nicht schief angesehen werden. „Sobald man Psychopharmaka nimmt, wird man in eine Ecke geschoben.“ Selbst Ärzte würden das oft tun. Und dass die Krankenkassen mehr an Behandlungskosten übernehmen für die Gesprächstherapien, die nur bei regelmäßigem Besuch Sinn machen und neben Medikamenten mithelfen, das Schlimmste zu verhindern. „Das Böse an der bipolaren Störung ist, dass der Fall nach der Manie in die Depression noch viel tiefer ist.“ Innerhalb von Minuten könne das gehen.
Ob sie beide Stimmungslagen beschreiben könne? Schwer; aber Sophie versucht es doch: „Stell dir vor, du springst aus einem Flugzeug, freust dich auf den Fallschirmsprung, glaubst am Beginn des freien Falls noch, dass dir die Welt gehört und merkst dann, dass die Reißleine nicht aufgeht.“ Was unweigerlich folgt, ist der „mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit in die Tiefe“ führende Fall. Bei Sophie ist er gebremst – dank einer wirksamen medizinischen Therapie, einem funktionierenden sozialen Netzwerk und ihrem mit Ausdauer und Konsequenz gepaarten Willen zum Leben.

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