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43/2014 - Kinder! Ein unkalkulierbares Risiko
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Ungelesen , 10:00
Kinder! Ein unkalkulierbares Risiko

Die Entscheidung zur Familiengründung wird immer öfter auf Eis gelegt, neuerdings sogar im wörtlichen Sinn. Tatsächlich bringt das Kinderkriegen und -haben viele Belastungen mit sich – zugleich aber auch ungekanntes Glück. Über die Paradoxie von Elternschaft.

| Von Doris Helmberger

Die Meldung sorgte weltweit für Aufsehen: Im Kampf um weibliche Top-Talente gab der US-Konzern Apple vergangene Woche bekannt, künftig jungen Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen zu wollen, damit sie ihren Kinderwunsch vorerst aufschieben könnten. Bis zu 20.000 Dollar lässt sich das Unternehmen diese Art von „Karrierehilfe“ kosten. Kollege Facebook hat damit bereits begonnen.
„Social Egg Freezing“ nennt sich die Methode, von der auf den ersten Blick alle profitieren: die Firmen, weil sich das Risiko reduziert, dass Mitarbeiterinnen kinderbedingt ausfallen; und die Frauen, die ihre „Rushhour“ zwischen 20 und 40 Jahren entzerren können – dank „jung gebliebener“ Keimzellen ohne erhöhtes, genetisches Risiko für das Baby. Dass dieses Risiko mit dem Alter der Mutter steigt und die Erfolgsquote künstlicher Befruchtungen zugleich sinkt, ist unbestritten: Bei einer 30-Jährigen ist noch jede zweite bis dritte Eizelle genetisch in Ordnung, bei einer 40-Jährigen nur noch jede fünfte bis sechste.

Ein Kind kurz vor der Menopause?

Für den Innsbrucker Fortpflanzungsmediziner Josef Zech ein guter Grund, wöchentlich etwa fünf seiner Patientinnen zum „Egg Freezing“ nach München zu schicken. Ihm selbst ist dieser Eingriff untersagt: Laut Fortpflanzungsmedizingesetz dürfen in Österreich Ei- und Samenzellen nur aus medizinischen Gründen vorsorglich eingefroren werden, etwa bei bevorstehender Chemotherapie. Doch was ist mit dem Risiko für die Frau selbst, wenn sie sich erst kurz vor der Menopause für ein Kind entscheidet? „Die Gefahren werden übertrieben“, glaubt Zech. „Eine sportliche 50-Jährige hat nicht mehr Risiken als eine adipöse 30-Jährige mit Bluthochdruck.“
Das mag in diesen konkreten Fällen stimmen. Gegenüber einer natürlichen Befruchtung mit 30 ist eine künstlichen Befruchtung mit 50 aber immer noch die riskantere Option. Entsprechend groß war die Empörung über die Latest News aus dem Silicon Valley – auch in Österreich. „Realitätsfremd und frauenfeindlich“ bewertet etwa die „Aktion Leben“ die neue Gangart, jungen, fruchtbaren Frauen das Einfrieren ihrer Eizellen als Lösung ihres Vereinbarkeits-Dilemmas anzubieten. Schließlich führt nur jeder fünfte bis sechste IVF-Versuch tatsächlich zur Geburt eines Kindes. Dazu kommen weitere Risiken: Ein bis fünf Prozent der Frauen erleiden etwa durch die Hormonbehandlung ein gefährliches Überstimulationssyndrom, auch die Zahl von Mehrlingsschwangerschaften und Kaiserschnitten steigt. Schon jetzt beträgt die Sectio-Rate in Österreich 29,4 Prozent, 1995 waren es erst 13 Prozent.
Eine Entwicklung, die auch darauf zurückzuführen ist, dass Kaiserschnitte besser planbar sind – und die Angst der Mediziner vor rechtlichen Konsequenzen stetig steigt. Ein wesentlicher Faktor ist und bleibt aber auch das steigende Alter der Erstgebärenden. Schließlich wird die Entscheidung für ein Kind immer mehr zum Projekt, bei dem alle Rahmenbedingungen stimmen müssen: der Partner, aber auch die Finanz- und Wohnsituation, die berufliche Lage und das Kinderbetreuungsangebot. Kein Wunder, dass viele ihren Kinderwunsch am Ende nicht realisieren (können): Bei einer Befragung von 5000 Frauen und Männern zwischen 18 und 45 Jahren im Rahmen des österreichischen „Generations and Gender Programme“ gab 2009 ein Viertel der Befragten an, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind zu planen. 2013 hatten nur 43 Prozent dieser Personen ihren Wunsch tatsächlich umgesetzt.

Teurer Nachwuchs

Blickt man nur auf die finanziellen Folgen des Kinderkriegens, so ist diese Zurückhaltung durchaus weise. Laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung müssten etwa Alleinerzieherinnen pro Kind und Monat um rund 33 Prozent mehr verdienen, um das Wohlfahrtsniveau gegenüber einer Kinderlosen aufrecht zu erhalten; in einem Zwei-Erwachsenen-Haushalt liegt dieser zusätzliche Bedarf bei immerhin 17 Prozent. Tatsächlich aber sinkt gerade bei Müttern das Einkommen wegen reduzierter Arbeitszeit und ausgefallener Karrieresprünge. Ein Viertel der Alleinerzieherinnen mit zwei und mehr Kindern ist von Einkommensarmut bedroht.
Wie sehr sie mit der täglichen Doppel- und Dreifachbelastung zu kämpfen haben, hat Karin Steger in einem Buch eindrucksvoll nachgezeichnet. Unter dem vielsagenden Titel „Hättest halt kein Kind gekriegt!“ beschreibt die ehemalige Ö1-Moderatorin ihre Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft – beginnend mit einem Zusammenbruch. Viele Eltern würden „immer am Rande der gerade noch erträglichen Belastbarkeit herumlavieren“, schreibt Steger. Doch „Kinder kriegen und sie ins Leben begleiten muss auch ohne Burn-Out-Symptome möglich sein!“ Ihr Vorschlag: Eine Dreißig-Stunden-Woche oder ein „wirklich angemessenes Mindesteinkommen für alle“.
Dessen ungeachtet sei ihre Tochter „das größte Wunder“ ihres Lebens gewesen. In diesem weiten Feld zwischen Wunder und Belastung mäandert das Phänomen Elternschaft generell. Aktuelle Glücksgefühle sind aber mit Nachwuchs nicht immer verbunden. So stimmten 2012 in einer Umfrage nicht einmal die Hälfte aller befragten Deutschen der Aussage zu, dass es „ihre Lebensfreude und Lebenszufriedenheit verbessern würde, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekämen“. Noch erschütternder waren 2004 die Ergebnisse einer Befragung von berufstätigen Texanerinnen nach dem, was sie im Alltag glücklich mache: Unter 19 Tätigkeiten stuften sie das Sich-um-Kinder-Kümmern auf Platz 16 ein – hinter Kochen, Sporttreiben und Hausarbeit.

Langzeitinvestition ins Glück

Warum, fragen sich Psychologen und Soziologen, bekommen Menschen also Kinder, obwohl sie nicht zwingend glücklich machen? „Parenthood paradox“, „Paradox der Elternschaft“ nennt sich dieses Phänomen – und der Psychologe Roy Baumeister von der Florida State University schien 2012 die Lösung gefunden zu haben: Weil Kinder – trotz Schlafentzugs und Geldsorgen – auf lange Sicht Sinn stiften, also eine Langzeitinvestition ins Lebensglück bedeuten.
Dazu gehört auch das Glück, von Kindern lernen zu können. Im Buch „Wir Glückspilze“ erzählen 24 Autorinnen und Autoren der Zeitschrift Welt der Frau von ihren diesbezüglichen Erfahrungen, darunter auch die Journalistin Maria Harmer. „Chill dich, Mami!“, hatte ihr ihre 15-Jährige an den Kopf geworfen, als es darum ging, was sie mit ihren Freundinnen am Wochenende vorhabe.
Manchmal ist etwas mehr Entspannung tatsächlich hilfreich. Nicht alles im Leben ist eben planbar und risikolos. Ein Wochenende nicht. Und der perfekte Zeitpunkt für ein Kind schon gar nicht.


Hättest halt kein Kind gekriegt!
Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft.
Von Karin Steger. Orac 2014.
171 Seiten, geb., € 22,00

Wir Glückspilze
Was wir von unseren Kindern lernen können.
Von Christine Haiden (Hg.), A. Pustet 2014.
158 S., geb., € 19,95

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  10:14:06 05.12.2005