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43/2014 - Rom hat gestritten … (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 11:11
Rom hat gestritten …

Ungekannte Offenheit – so lautet der erstaunliche Befund nach der Familiensynode. Ob diese aber auch zu einem Umbau führt, ist noch lang nicht ausgemacht.


| Von Otto Friedrich

Das halb gefüllte Glas ist eine adäquate Metapher, um die katholische Kirchenlage nach der ersten Sitzungsperiode der Familiensynode in Rom zu beschreiben. Dieses Bild impliziert zum einen, dass nichts endgültig erreicht ist. Und zum anderen erlaubt es die gegensätzlichen Interpretationen, es sei „halb voll“ oder „halb leer“.
Angesichts der auch aus der Ferne verfolgbaren Auseinandersetzungen, die da in Rom stattfanden, und des alles andere als wegweisenden Schlussdokuments, das am ehesten als Verweis auf die Divergenz unter den Synodenteilnehmern herhalten kann, sprach auch niemand davon, dass das Glas voll wäre.
Aber zumindest aus dem aufbruchswilligen Teil der Bischöfe kam die Einschätzung „halb voll“ – ein Gutteil der erwartungsvollen katholischen Öffentlichkeit sah dies wohl ebenso. Um bei dieser Interpretation der Metapher zu bleiben: Ja, rund um diese Bischofssynode ist einges passiert, das noch vor zwei Jahren undenkbar gewesen wäre: eine offene und öffentliche Diskussion übers Thema Familie; das gleichfalls öffentliche Eingeständnis, wie sehr die rigorose Lehre und die gelebte Praxis in diesem Bereich auseinanderklaffen.

Franziskus leitet Kulturbruch und Stilwechsel ein

Dass vor den Synodenvätern ein Ehepaar vom wertschätzenden Umgang mit seinem homosexuellen Sohn und dessen Lebenspartner berichten konnte, ohne mit irgendwelchen Sanktionen bedroht zu werden, war schon sensationell. Und dass der Chef der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, ganz offensichtlich mit dem Papst nicht ein Herz und eine Seele ist – und seinerseits wieder von Brüdern im Kardinals- und Bischofs-amt kritisiert wird, das wäre bis vor kurzem in die Kategorie „ketzerisch“ gefallen.
Der Kulturbruch und der Stilwechsel, die Papst Franziskus hier eingeleitet hat, sind enorm und können nicht genug gewürdigt werden. Auch dass bislang eher diplomatisch agierende Kirchenmänner – man kann Kardinal Christoph Schönborn da durchaus mitzählen – nun mit Reformeifer und theologischen Ideen agieren, ist erstaunlich und lässt weiter hoffen.
Dennoch wäre es – trotz der beschriebenen Entwicklungen – verfehlt, in Euphorie zu verfallen. Denn dass mit der unter und durch Franziskus beförderten Offenheit noch lang kein Umbau des Glaubensgebäudes in Gang ist, bleibt evident.

Die Mühen der Ebene haben eben erst begonnen

Von daher ist das Glas immer noch halb leer. Ja, man muss darauf hinweisen, dass die Mühen der Ebene eben erst begonnen haben – und es ist durchaus nicht ausgemacht, dass sich die katholische Kirchenspitze tatsächlich zu einem notwendigen Umbau aufrafft. Die beständige Rede davon, dass die Kirche ihre Lehre niemals ändern, sondern nur weiterentwickeln könne, ist in diesem Zusammenhang alarmierend. Denn ein Blick in die Geschichte lehrt Gegenteiliges. Hier muss es gelingen, Denk- und Diskussionsbarrieren zu beseitigen.
Der Auftrag des II. Vatikanums, die Kirche müsse die „Zeichen der Zeit“ erkennen und deuten, kann auch vor ihrem Lehrgebäude nicht halt machen. Doch dieser Schritt ist gegenwärtig nicht in Sicht.
Vielleicht liegt das auch daran, dass in den letzten 35 Jahren nur solche Männer ins Bischofsamt gelangen konnten, die gerade in Fragen von Moral, Ehe und Sexualität 200-prozentig auf der „römischen Linie“ lagen. In diesem Licht ist es ja wieder erstaunlich, dass die Diskussionen in und um diese Synode so klar aufgebrochen sind. Aber ohne einen sichtbaren „Umbau“-Schritt wird sich die Kirche nicht bewegen können. Das Glas bleibt insofern weiter halb leer.
Und gleichzeitig halb voll: Denn wer hätte gedacht, noch einmal so spannende Kirchenzeiten erleben zu können?

Weitere Stimmen zur Synode auf den Seiten 8, 14 und 15.

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