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01/2009 - Glück: Von Kindern lernen
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Ungelesen , 10:57
I Glück: Von Kindern lernen

Kinder sind heute – trotz hoher Scheidungsraten – zumeist zufrieden mit ihrem Leben. Vom Glück der Kinder könnten auch Erwachsene so einiges lernen.

Von Anton A. Bucher

„Bisher bin ich immer glücklich gewesen“, sagte in einem Forschungsprojekt über Kindheitsglück eine Zehnjährige. Ihre Aussage scheint dem, was massenmedial über heutige Kindheit verbreitet wird, diametral zu widersprechen. Kinder seien gestresst, sie müssten, Termine im Handy, von einer Kindheitsinsel auf die andere eilen: Wohnung – Ballett in der City – Reiterhof am Stadtrand; sie seien zerteilt in Rosenkriegen (jedes zweite Kind sei Scheidungswaise, faktisch aber wachsen nach wie vor 80 Prozent der Kinder bei beiden leiblichen Eltern auf); sie würden immer früher mit Sedativa ruhiggestellt, damit die Angst vor den Schularbeiten erträglich sei, und aus den Bildschirmen stürze eine verwirrende Bilderflut auf sie ein – kurz: Früher sei Kindheit gemächlicher, behüteter und vor allem glücklicher gewesen (was früher auch schon behauptet wurde, so um 1870 vom Pädagogen Friedrich Paulsen).
Wie glücklich Kinder wirklich sind, wollte das ZDF anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Tabaluga tivi wissen. Nach Vorlage der Salzburger Studie zu Kindheitsglück, die der Autor Ende der neunziger Jahre durchgeführt hat, wurden, zwischen Zugspitze und Ostsee, 1239 Kinder, zwischen sechs und 13 Jahre alt, von geschulten Psychologen umfassend befragt: Wie glücklich ihr bisheriges Leben war, was sie in ihrer Freizeit tun, wie sie die Schule erleben und so fort. Zentrales Ergebnis: 40 Prozent bilanzierten ihr bisheriges Leben als sehr glücklich, 45 Prozent als glücklich, und 15 Prozent zeigten auf ein Gesicht mit einem waagrechten Mund.
Aus der Vielfalt der Ergebnisse werden einige herausgegriffen, die für Erwachsene von Bedeutung sein könnten, um ihre Lebenszufriedenheit zu steigern.
In Bewegung sein: Heutigen Kindern wird vielfach nachgesagt, träge vor dem Fernseher herumzuliegen oder vor den Flachbildschirmen zu sitzen, in Computerspiele hineingesogen, die umso faszinierender seien, je mehr Blut spritzt. Doch unsere empirischen Daten zeigen klar: Die meisten Kinder sind auch heute regelmäßig in Bewegung. Sie radeln, skaten, klettern auf Bäume, balancieren über Eisenstangen, sind in einem Sportverein (62 Prozent). Wenig ist für sie unerträglicher, als lange still sitzen zu müssen. Bewegung setzt körpereigene Glücksbotenstoffe frei. Wenn sich Erwachsene für die dreihundert Meter bis zur Trafik in den Wagen setzen, ist dies nicht der Fall; anders hingegen, wenn die Jogging-Schuhe angeschnallt werden, um für den Halbmarathon zu trainieren. Eine jüngere psychiatrische Studie zeigte: Bei Personen, klinisch an Depression erkrankt, zeitigten 30 Minuten Radfahren pro Tag den gleichen Effekt wie Neuroleptika.

Flow suchen & Gefühle zeigen

Flow-Situationen aufsuchen: „Flow“ ist das populärste Konzept der Glücksforschung; er besteht in einem Zustand des Fließens und Schwebens, wenn der Mensch mit seiner Tätigkeit regelrecht verschmilzt. Das erleben viele Kinder nach wie vor, speziell im Spiel oder dann, wenn sie, an einem Gerüst herumkletternd, die Grenzen ihrer Kräfte und ihrer Geschicklichkeit austesten. Die ZDF-Studie zeigte: Je häufiger Kinder erleben, dass sie im Zuge ihrer Tätigkeiten die Zeit vergessen, desto glücklicher sind sie. Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi schrieb, Kinder suchten mit der Unvermeidlichkeit eines Naturgesetzes Flow-Situationen auf. Dieser wird begünstigt, wenn die situative Herausforderung und unsere Handlungsressourcen im Gleichgewicht sind. Ist erstere zu hoch, erleben wir Angst (ein ungeübter Alpinist vor der Eigernordwand), ist sie zu niedrig, gähnt Langeweile (Reinhold Messner vor dem Salzburger Gaisberg). Von Kindern ist zu lernen, sich immer wieder in Flow-Situationen hineinzubegeben, sich neuen Herausforderungen zu stellen, neugierig zu sein und sich Zeit für solche Tätigkeiten nehmen, in denen die Zeit vergessen wird.
Gefühle authentisch zeigen: Kinder, wenn sie wütend sind, stampfen mit den Füßen auf den Boden. Und wenn sie glücklich sind, klatschen sie in die Hände oder hüpfen umher. Gefühle authentisch zeigen können, ist ein Merkmal emotionaler Intelligenz. Die jüngere Glücksforschung hat gezeigt: Je ausgeprägter die emotionale Intelligenz, desto glücklicher sind Menschen. Freilich, Kinder, zumal wenn sie in der impulsiven Phase der Entwicklung ihres Selbst stecken (d. h. bis ins Alter von sechs/sieben Jahren jeweils ganz ihre Emotionen sind und zu diesen kaum reflexiv in Distanz treten können), tun sich diesbezüglich leichter. Aber auch Erwachsene können lernen, ihre Gefühle zuzulassen, sie zu zeigen und nicht – aus welchen Gründen auch immer: Eindrucksmanagement etc. – zu verbergen oder zu verdrängen oder falsche Emotionen vorzuspielen, beispielsweise always happy zu smilen. Glückspsychologen fanden: Menschen, die bei gegebenen Anlässen wirklich trauern können, sind leichter in der Lage, echtes Glück zu spüren. Ohnehin: Das Gegenteil von Glück ist nicht Traurigkeit, sondern Depression, weil der Depressive nicht nur nicht glücklich sein kann, sondern auch nicht traurig (Erich Fromm).

Freunde haben & dem Glück nicht nachjagen

Freunde: „Solange ich Freunde habe, bin ich glücklich“, sagte in der Studie ein Neunjähriger. Schon Aristoteles, der erste und maßgeblichste Philosoph des Glücks, hielt Freunde für unumgänglich, damit die Seele Glück erleben kann. So auch bei den befragten Kindern: Jene, für die in der Wohn*umgebung zu wenig andere Kinder leben, oder die zu wenig Freunde haben, stuften ihre Kindheit weniger positiv ein. Auch für Jugendliche und Erwachsene sind Freunde eine reichlich sprudelnde Glücksquelle, sofern Freundschaften auch gepflegt und nicht für eigene Zwecke (Geschäfte etc.) funktionalisiert werden.
Nicht nach dem Glück jagen. Kinder laufen nicht bewusst dem „Glück“ hinterher. Dies schon deshalb nicht, weil sie noch nicht über ein abstraktes Verständnis dieses Begriffs verfügen. „Glück“ ist für sie – so die ZDF-Kindheitsglücksstudie – eher „Schwein haben“, oder es sind konkrete Ereignisse, etwa Geschenke bekommen (deswegen wurde in der Erhebung mit Gesichterskalen gearbeitet). Anders hingegen Erwachsene, denen diverse Glücksbücher den Rat erteilen, bewusst nach dem Glück zu streben. Dem wäre entgegenzuhalten, was der Philosoph Kierkegaard erkannte: „Die Tür zum Glück geht nach außen auf. Wer sie einzurennen versucht, dem verschließt sie sich nur!“

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