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01/2009 - „Um glücklich zu sein, muss man verwerfen können“
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Ungelesen , 11:02
I „Um glücklich zu sein, muss man verwerfen können“

Das Gespräch führte Robert Kopf.

Zu Neujahr sollen uns Glücksschweinchen, Rauchfangkehrer & Co. Glück bringen. Doch obwohl die meisten danach streben, ist Glück etwas, das kaum jemand in Worte fassen kann. Im Gespräch mit der FURCHE erklärt Manfred Stelzig, Leiter des Instituts für Psychosomatik der Salzburger Landeskliniken, warum Glück mehr ist als Zufriedenheit, warum Menschen aus armen Gegenden Glück leichter erfahren können als aus reichen, und dass man am Glücklichsein arbeiten kann.

Die Furche: Wie definieren Sie Glück beziehungsweise Glücklichsein?
Manfred Stelzig: Ich möchte ein Stimmungsbild malen: Glück ist ist das Jubilieren der Seele. Glück ist mehr als Zufriedenheit, Glück ist mehr als Liebe, Glück ist einfach ein momentanes Hochgefühl, wo ziemlich viele Dinge, die man sich wünscht oder die man sich als Lebensqualität zu empfinden wünscht, stimmen. Das ist für mich Glück.

Die Furche: Sie sagen, Glück ist mehr als Zufriedenheit. Was ist denn der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit?
Stelzig: Zufriedenheit ist ein statischer Zustand. Man ist zufrieden, bestimmte Dinge erreicht zu haben, die man erreichen wollte. Zufriedenheit ist eine bestimmte Form von Verbundensein, auch ein gewisser Wohlstand, ein beruflicher Status. Das verbinde ich mit Zufriedenheit. Glück hat einen viel größeren emotionalen Aspekt.

Die Furche: Menschen aus den ärmsten Gegenden der Welt stufen sich selbst meist als sehr viel zufriedener und glücklicher ein als Menschen aus reichen Gesellschaften. Wie kommt das?
Stelzig: Kinder aus armen Gegenden beispielsweise haben ein ganz anderes Glücksgefühl als Kinder bei uns. Dort freut man sich über ein schönes Naturereignis, ein lustiges Spiel, über das Zusammensein. Da sind die Erwartungen an das Leben aber auch ganz andere. In unserer Wohlstandsgesellschaft sind die Erwartungen an Glück anders. Natürlich haben wir auch Freude an verschneiten Bergen und Bäumen, aber es braucht zum Glücklichsein ein vielschichtigeres Gebäude. Damit wir glücklich sind, braucht es zusätzlich noch so etwas wie „allgemeines Wissen“. Ich meine damit, es ist notwendig, dass wir uns auskennen in dieser Welt, und zwar ganz anders auskennen, als eine Person in ärmeren Gegenden mit weniger Möglichkeiten. Damit bei uns Glück entstehen kann, ist es einfach notwendig, dass wir die
Errungenschaften, die uns unsere Zivilisation bietet, wahrnehmen, nützen und verdauen. Das ist natürlich eine Herausforderung.

Die Furche: Glück ist demnach also etwas Relatives und man misst Glück mit dem, was man hat und was man haben könnte …
Stelzig: Es ist unbedingt etwas Relatives, weil es ein Gefühlszustand ist. Aus Sicht des Psychiaters – wenn man rein von den Neurotransmittern ausgeht – muss eine bestimmte Neurotransmitter-Konstellation da sein, damit dieser Glückszustand entstehen kann. Glück wird sehr subjektiv ausgelöst und es stimmt auch, dass es einen Einfluss hat, was man in dem Umfeld, in dem man lebt, erreichen kann.

Die Furche: Der Wohlstand, den Sie angesprochen haben, bringt uns in allen Lebensbereichen – gleich ob vor dem Zahnpasta-Regal im Supermarkt oder bei der Berufswahl –
deutlich mehr Auswahlmöglichkeiten. Die gängige Meinung lautet: Wer aus vielen Möglichkeiten wählen kann, ist glücklicher. Was sagen Sie zu dieser Annahme?
Stelzig: Um glücklich zu sein, ist es notwendig, verwerfen zu können. Es ist wichtig, dass man aus den vielen Möglichkeiten, die sich ergeben, die meisten verwirft, um auf das zugehen zu können, was wirklich von Relevanz ist, um das persönliche Glück zu erreichen. Und es ist ganz gleich, ob das im Supermarkt ist, ob das ein Buch oder Film ist, eine Beziehung oder das Kennenlernen von einem Menschen. Andererseits ist das natürlich auch eine Belastung, weil man lernen muss, Dinge zu verwerfen. Das gehört zum Leben und zur Zivilisation und zur Spezialisierung dazu. Spezialisierung heißt, dass man viele Dinge eben nicht in der Weise unternehmen kann, wie man es sich vielleicht wünscht, weil eben das Hauptaugenmerk auf einen bestimmten Bereich gelegt werden muss.

Die Furche: Diese Belastung, Dinge verwerfen zu müssen, steigt aber mit der wachsenden Zahl an Wahlmöglichkeiten an. Sehen Sie einen Zusammenhang zu der Tatsache, dass immer mehr Menschen an Depressionen, „Burn-out“ und ähnlichen Krankheiten leiden?
Stelzig: Ich glaube nicht, dass wir in einer Zeit leben, wo das Unglück immer mehr wird und die Depressionen zunehmen – im Gegenteil: Wir leben in einer Zeit, wo wir uns zunehmend trauen, glücklich zu sein, und Glück anstreben. Da fällt es natürlich viel mehr auf, dass es auch Menschen gibt, die unglücklich sind.

Die Furche: Das heißt Sie meinen, die gesellschaftliche Sensibilität für „Unglück“ oder das Problem der Depressionen ist gewachsen?
Stelzig: So ist es. Was es aber gibt, ist ein Wandel hin zu mehr stress-induzierten Krankheiten und auch in Richtung bestimmter Suchtkrankheiten, die es halt früher nicht gegeben hat. Zum Beispiel Internetsucht. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Gesellschaft generell depressiver wird.

Die Furche:
Sie haben gesagt, es gibt einen Wandel in Richtung stress-induzierte Krankheiten. Umfragen und Studien zeigen, dass sich viele Jugendliche bei der Suche nach dem richtigen (Berufs-)Weg überfordert fühlen. Ist die Vielfalt an Chancen für junge Menschen ein Stressfaktor?
Stelzig: Das spielt zwar eine Rolle, aber ich möchte das relativieren. Kinder und Jugendliche kommen mit der neuen Zeit, den neuen Medien viel besser zurecht als die
ältere Generation. Damit sind sie also überhaupt nicht überfordert. Es ist aus meiner Sicht ein größeres
Problem, dass es keine Brücken gibt, wie Kinder oder Jugendliche angesprochen werden können. Es müsste viel mehr in der Sprache der Jugend über die Herausforderungen der Erwachsenenwelt gesprochen werden. Mit der Kommunikationstechnik können Jugendliche offensichtlich viel anfangen. Ich glaube, dass diese Überforderung, die Jugendliche empfinden, eher ein Problem der Kommunikation an sich ist.

Die Furche:
Was ist – passend zum Jahresanfang – ihr Tipp zum Glücklichsein?
Stelzig: Da gibt es eigentlich keinen Tipp, sondern nur ein Bündel von Anleitungen. Glück ist so etwas wie eine Sprache, für manche vielleicht eine Fremdsprache, die man erlernen muss. Ich bin froh, dass es mittlerweile so viel Literatur zu dem Thema gibt und sich auch die Medien für die Glücksforschung interessieren. Man muss sich mit Glück auseinandersetzen, sich überlegen, was für einen persönlich Glück bedeutet, und man muss und kann daran arbeiten.

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