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01/2009 - (K)Eine Anleitung zum Glücklichsein
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Ungelesen , 11:04
I (K)Eine Anleitung zum Glücklichsein

Die Glücksforschung boomt, vor allem in Amerika. Zwei US-Professoren haben je ein Buch darüber geschrieben – mit unterschiedlicher Absicht.

Von Thomas Mündle

Seit Jahrtausenden haben Philosophen und Literaten das Glück zu fassen versucht. Viel jüngeren Datums sind empirische Untersuchungen darüber, ob und wie Glück lernbar ist. Und dass sich gerade die Psychologie für diese Fragen interessiert, scheint vielleicht naheliegend, ist aber keinesfalls selbstverständlich. Berühmt ist etwa das Urteil von Sigmund Freud: „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen.“ Lange Zeit hat sich die Psychologie denn auch vor allem auf das Pathologisieren des Menschen – auf psychische Erkrankungen und Störungen – konzentriert.
Als eine Art Gegenbewegung entstand vor rund zwanzig Jahren die Positive Psychologie: Sie widmet ihre Studien ausdrücklich den positiven Eigenschaften des Menschen – wie Optimismus, Vertrauen, oder eben auch: dem Glück. Dass sich diese Bewegung gerade in den USA formierte, scheint wiederum wenig verwunderlich, haben doch die Amerikaner auch als erste „the pursuit of happiness“ – das Streben nach Glück – in den Verfassungsrang erhoben. Wie sich nun professionell nach diesem scheinbar höchsten aller Ziele streben lässt, will Sonja Lyubomirsky, Professorin an der Universität von California, Riverside und Anhängerin der Positiven Psychologie, in ihrem Buch „Glücklich sein“ lehren. In der Einleitung meint die Glücksforscherin gar: „Die Erkenntnisse sind erst jetzt so weit gereift, dass sie sich in Form von spezifischen Empfehlungen weitergeben lassen.“ Wo die Beweislage klar ist, belegt die „Naturwissenschaftlerin“ (so ihre Selbstdefinition) Aussagen mit Endnoten zur Forschungsliteratur; wo nicht, hält sie sich mit ihrem Urteil zurück. Zahlreiche Erkenntnisse ihrer Wissenschaft scheinen durchaus bemerkenswert: So soll unser Glücksniveau zu 50 Prozent genetisch bestimmt sein, 10 Prozent hingen von äußeren Umständen ab und lediglich 40 Prozent seien durch bewusste Verhaltensweisen steuerbar. Lediglich 40 Prozent? Das ist viel, betont Lyubomirsky und bietet gleich darauf ein wissenschaftlich approbiertes Glücksoptimierungsprogramm mit Happiness Questionnaire und zwölf Glücksaktivitäten. Letztere sind übrigens wie Imperative formuliert: „Seien Sie optimistisch“, „Genießen Sie die Freuden des Lebens“ etc. Auch wenn hier bedrohliche Rufzeichen fehlen, werden wohl manche ob dieser simplen Instruktionen zusammenzucken. Denn: Lässt sich das Glück tatsächlich so leicht herstellen? Just Do It, wie ein amerikanischer Schuhhersteller uns in seinem Slogan auffordert.
Ein entschiedenes Nein wäre wohl die Antwort des Psychologen und Harvard-Professors Daniel Gilbert. Das mag pessimistisch klingen, ist aber dennoch amüsant, wenn es so begründet wird wie in seinem Buch „Ins Glück stolpern“. Auch Gilbert geht davon aus, dass der Mensch nach Glück strebt. Nur die Pläne dazu schlagen allzu oft fehl, weil der Mensch sich irrige Vorstellungen darüber macht, wenn er sich in seinem Kopf eine vermeintlich schöne Zukunft zurechtzimmert. Denn vielfach mangelt es an Vorstellungskraft: Wichtige Details werden etwa ausgelassen, während andere sich in den Vordergrund drängen. Als Beispiel zitiert Gilbert eine Studie über College-Studenten, die angeben sollten, wie sie sich nach dem Sieg ihrer Football-Mannschaft über den Erzrivalen fühlen würden. Es zeigte sich, dass sie die Dauer des Hochgefühls nach dem Triumph überschätzten – weil sie etwa nicht bedachten, dass sie kurz darauf bereits wieder für ihre Abschlussexamen büffeln mussten. Und für die Verlierer war die Niederlage gar nicht so schlimm, weil das darauf folgende, spontane „Frust“-Besäufnis doch irgendwie Spaß machte.

Wahrnehmungsverschiebungen

Gilbert hat viele Belege dafür zusammengetragen, wie schlecht der Mensch darin ist, einzuschätzen, was wahres Glück bedeutet. So haben zum Beispiel gleich vier Studien gezeigt, dass – statistisch gesehen – mit der Geburt des ersehnten Wunschkindes die ehe*liche Zufriedenheit sinkt und erst wieder ansteigt, wenn die Kinder ausziehen. Natürlich machen Geldnöte Sorgen, ein sehr hohes Einkommen aber nicht sehr viel glücklicher als ein mittleres – was in den reichen Ländern kaum jemand davon abhält, noch mehr zu arbeiten um noch mehr zu verdienen. Trost bietet da die Erkenntnis, dass der Mensch genauso wenig über reelles Unglück weiß: Was die meisten als üblen Schicksalsschlag erachten – etwa ein Leben als Querschnittsgelähmter im Rollstuhl nach einem Unfall –, wird von vielen unmittelbar Betroffenen als weitaus weniger dramatisch wahrgenommen. Doch ist das nicht bloß eine Realitätsverweigerung?
Im Gegenteil, sagt Gilbert, es ist Zeichen eines gut funktio*nierenden „psychischen Immunsystems“, das sich vielfach auf überraschende Weise auf neue Situationen einstellen kann. Die realen, aber ungewöhnlichen Erfahrungsberichte und Studienergebnisse über glückliche Verlierer und unglückliche Gewinner ernst zu nehmen, sieht der Psychologe denn auch als gewaltige Chance: Sie zeigten viel besser, was uns glücklich macht – viel mehr als das, was wir gemeinhin glauben.

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