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51/2014 - Einmal „anders“ feiern (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:41
Einmal „anders“ feiern

Weihnachten zwischen Zerrbild und Idylle. Das Unbehagen an dieser Zeit des Jahres
ist freilich nicht neu, der Kern der Geschichte hat indes nichts an Faszination verloren.


| Von Rudolf Mitlöhner

Täuscht der Eindruck, oder wird tatsächlich das Unbehagen an Weihnachten, der Wunsch das Fest „ganz anders“ zu feiern, sich dem Getriebe dieser Tage mit all seinen Ritualen und Traditionen (siehe auch S. 3–6) zu entziehen, von Jahr zu Jahr größer? Die Medien- und Werbebranche, sensibler Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen, kennt „Weihnachten“ nur noch als Zerrbild oder aber als Idylle. Zu letzterem passt, was die selbsternannte Republikspostille Österreich kürzlich titelte: „Alle wollen Weihnachten wie früher“. „Krise lässt Menschen zusammenrücken“, heißt es da, „72 % wollen zum Fest Familie besuchen“, „traditionelle Werte“ seien immerhin fast der Hälfte „besonders wichtig“.
Nun neigt unsere Zeit gewiss stärker als frühere Epochen zum Schrillen, Grellen, zur Überzeichung, zum schnellen Wechsel von einem Extrem ins andere – auf Kosten der leisen, behutsamen, differenzierenden Zwischentöne. Aber alles in allem war Weihnachten wohl immer schon schwierig, eingespannt zwischen Projektionen und Erinnerungen aller Art. Vielleicht lässt sich darüber gar sagen, was Ernst Bloch in seinen berühmten Schlusssätzen des „Prinzips Hoffnung“ über „Heimat“ formuliert – Weihnachten hat ja viel mit Heimat, mit Sehnsucht nach Beheimatung, zu tun: Demnach wäre also auch Weihnachten „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

„Abschied von ‚Weihnachten‘“

Analog zu einem Gedanken im beiliegenden anno (Seite 2/3) lässt sich auch für Weihnachten festhalten: Die genauere Befassung mit der Geschichte bewahrt vor Nostalgie. So schrieb der Schriftsteller Eduard C. Heinisch, langjähriger FURCHE-Autor (auch unter dem Pseudonym Adam Tintinger), in der Weihnachtsausgabe des Jahres 1966 auf Seite 1 einen fiktiven Brief an seine Mutter mit dem bezeichnenden Titel „Abschied von ‚Weihnachten‘“. Es ist eine ganz persönliche Geschichte von der starken Prägung durch das als Kind erlebte familiäre Feiern von Weihnachten, vom Halt, den diese festgefügte Ordnung auch gab – aber auch vom (vorerst inneren) Aufbegehren dagegen bis hin zum „Schlussstrich“ und einem Neuanfang als Erwachsener mit eigener Familie. Das Unbehagen an „Weihnachten“ kann heute, fast 50 Jahre danach, kaum größer sein, als es hier geschildert wird – Kritik an Kitsch und Kommerz inklusive, alles schon nachzulesen.

Der „Fußabdruck der Menschwerdung“

Am Ende steht bei Heinisch freilich dennoch nicht das „Christmas Cancelling“, wie es kürzlich am anderen Ende dieser Zeitung augenzwinkernd en passant vorgeschlagen wurde. Vielmehr beschreibt er eine Art Neuentdeckung, ein Feiern „in innerer Freiheit“, denn es „geht ja nicht um Wiederholungseinübungen“. Das erinnert stark an die bleibend gültige Warnung von Papst Franziskus vor den „langweiligen Schablonen“, „in denen wir uns anmaßen, ihn (Christus; Anm.) gefangen zu halten“ („Evangelii Gaudium“). Wir brauchen die überkommenen Formen, aber sie sind „in innerer Freiheit“ stets neu zu vermessen, damit sie lebendig bleiben und nicht, zum Selbstzweck verkommen, leer und starr werden.
Das Maß dabei kann immer nur das Evangelium von Weihnachten selbst sein. So wie es überliefert und rezipiert wurde, wird es von jeder Generation und letztlich jedem einzelnen, der sich in diese Tradition einfügt, fortgeschrieben. Diese Erzählung hat sich der Geschichte unauslöschlich eingeschrieben. Entscheidend ist in der Perspektive des Glaubens letztlich der „Fußabdruck“ Jesu, der „das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung bekräftigt“, wie das Benedikt XVI. dieser Tage in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ausgedrückt hat. Dieser Fußabdruck ist die eigentliche „Schablone“ – stets für den Menschen um Nummern zu groß.

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