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07/2015 - Pränatale Tragödien (Doris Helmberger)
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Alt 11.02.2015, 09:42
Pränatale Tragödien

Die „eugenische Indikation“ ist eine klare Diskriminierung. Um die Zahl der Spätabtreibungen zu reduzieren, reicht aber das Streichen dieses Passus nicht aus.


| Von Doris Helmberger


Zwischen größter Freude und größter Not liegen oft nur ein paar Sekunden. Nirgendwo sonst zeigt sich das so deutlich wie in der Pränatalmedizin. Schon ein besorgter Blick des Arztes auf das Ultraschallbild reicht – und gerade noch hoffnungsfrohe, schwangere Frauen stürzen ins Bodenlose. Es sind dramatische Szenen, die sich bei auffälligen Befunden abspielen – und in allzu vielen Fällen enden sie in einem Abbruch.
Schätzungen zufolge werden nach der Diagnose „Trisomie 21“ rund 90 Prozent der Kinder abgetrieben. Zeigen sich um die 22. Woche beim Organscreening eines Kindes schwere, inoperable Schädigungen, kommt es mitunter gar zum Fetozid: Der potenziell lebensfähige Fötus wird noch im Mutterleib durch eine Kaliumchloridspritze getötet, bevor die Geburt eingeleitet wird. Zehn bis 20 solcher Fälle gibt es jährlich allein am Wiener AKH.
All das ist gesetzlich gedeckt: Wenn „eine ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde“, ist ein Schwangerschaftsabbruch in Österreich bis zur Geburt straffrei. Tatsächlich wird diese diffuse Bestimmung aus Paragraf 97 Strafgesetzbuch, die als „embryopathische“ oder auch als „eugenische Indikation“ bezeichnet wird, zwar nicht zeitlich ausgereizt – doch die Praxis ist erschütternd genug.

Je weniger Fakten, desto mehr Ideologie

Wie oft es österreichweit zu Spätabbrüchen jenseits der Dreimonatsfrist kommt, ist unklar. Bis heute gibt es dazu keine Statistik, ebenso wenig wie über die Zahl der gesamten Schwangerschaftsabbrüche. So faktenbefreit die Debatte läuft, so ideologisch aufgeheizt ist sie: Hier ÖVP und Katholische Kirche, die diese Indikation kritisch sehen und auf mehr Transparenz pochen, dort die SPÖ, die der Gegenseite unterstellt, klammheimlich die gesamte Fristenregelung kippen zu wollen.
Umso bemerkenswerter ist die jüngste Initiative des ehemaligen SP-Politikers und aktuellen Behindertenanwalts Erwin Buchinger: Zum Abschluss der parlamentarischen Enquete über die „Würde am Ende des Lebens“ forderte der Vater eines behinderten Sohnes eine Enquete über die „Würde am Anfang des Lebens“, in der es auch um die Abschaffung der „eugenischen Indikation“ gehen müsse, so Buchinger. Als „schreiende Ungerechtigkeit und Diskriminierung“ gehöre sie gestrichen.

„Medizinische Indikation“: Ausweg oder „Etikettenschwindel“?

Eine Forderung, die VP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg seit langem vertritt, zuletzt unterstützt von der Katholischen Aktion. Er schlägt vor, sich – nach deutschem Vorbild – auf die „medizinische Indikation“ der Mutter zu beschränken: Nicht die Gefahr einer schweren Schädigung des Kindes solle das Kriterium für einen straffreien Abbruch sein, sondern die eines schweren Schadens für die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren durch die Geburt dieses Kindes.
Kritiker sprechen von „Etikettenschwindel“. Tatsächlich zeigt ein Blick nach Deutschland, dass seit Streichung der „embryopathischen Indikation“ 1995 die Zahl der Spätabbrüche nicht abgenommen hat. Es braucht also mehr als die (symbolisch wichtige) Eliminierung dieses Passus. Das wissen auch Huainigg und Co. Es braucht endlich Klarheit über die Zahl der (Spät-)Abtreibungen in Österreich – und eine Debatte darüber, wie werdende Eltern sich angesichts einer immer selektiveren Pränatalmedizin gut entscheiden können. Eine rechtzeitige Aufklärung über die Folgen solcher Tests wäre ebenso nötig wie eine verpflichtende Bedenkfrist von mindestens drei Tagen vor einem Abbruch sowie ein Recht auf psychosoziale Beratung (samt entsprechendem Angebot!). Entscheidend wird aber sein, wie wir alle mit behinderten Menschen umgehen – und ob Frauen fürchten müssen, nach der Geburt eines Kindes abseits der Norm von Partner, Familie und Gesellschaft allein gelassen zu werden. Dieses schwierige Thema geht uns also alle an. Höchste Zeit, darüber – auch im Parlament – zu reden.

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