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09/2015 - Ungeliebte Verabredung (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:43
Ungeliebte Verabredung

Auch wenn es erste Anzeichen für ein griechisches „Rendezvous mit der Realität“ gibt, dürfte sich die Tragikomödie fortsetzen. Vielleicht aber wird doch etwas daraus gelernt.

| Von Rudolf Mitlöhner

Viel war zuletzt davon die Rede, dass Griechenland langsam im wirklichen Leben angekommen sei. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte gar von einem „Rendezvous mit der Realität“ gesprochen, ähnlich klang Euro-Arbeitsgruppenleiter Thomas Wieser, wiederholt hatte zuvor schon Schäubles österreichischer Amtskollege Hans Jörg Schelling von einem Wechseln der griechischen Regierung „vom Wahlkampf- in den Arbeitsmodus“ gesprochen. Wer indes am jüngsten „Tag danach“ (dem wievielten eigentlich?) beispielsweise dem SYRIZA-Wirtschaftsberater Theodoros Paraskevopoulos im Ö1-Morgenjournal zuhörte, konnte schon seine Zweifel daran haben, ob das von Schäuble genannte Date auch wirklich stattgefunden hat. Das ist ungefähr so, wie wenn SPÖ und ÖVP über Vermögenssubstanz-/-zuwachssteuern reden …
Das Ganze mutet wie eine große Inszenierung von (europäischen) Ultimaten, (griechischen) Provokationen, Einigungen in letzter Minute und dergleichen mehr an. Griechenland-„Rettung“ in Permanenz sozusagen. Im Falle des betroffenen Landes ist man geneigt von einem „Bocksgesang“ zu sprechen, also von einer „Tragödie“ im Wortsinn, die ja kulturhistorisch von der Komödie so weit nicht entfernt ist (beide sollen ihren Ursprung im Dionysoskult haben).

Alternativen zur „Alternativlosigkeit“

Das Spiel wird sich fortsetzen, zunächst einmal bis April – bis dahin müssen die sechs dürren Seiten der griechischen Vorschläge mit Leben erfüllt werden – beziehungsweise bis Juni – solange wurde das Hilfsprogramm (II) verlängert. Und dann? Wird es wieder mahnende Worte seitens der Tro …, pardon der Institutionen, ernste Mienen bei Schäuble & Co. sowie ein paar flotte, markige Sprüche von den Pop-Stars der hellenischen Regierungsspitze geben. Und, ja, auch eine „Nacht der Entscheidung“ und ein „Tag danach“ werden nicht fehlen. Schließlich geht es um nicht weniger als die „Rettung“ Griechenlands, bei der es ja, wie wir wissen, letztlich um die Rettung Europas geht und die mithin als „alternativlos“ gilt. Dass ungeachtet dessen die Zahl derer wächst, die unbotmäßig nach Alternativen zu dieser vorgeblichen „Alternativlosigkeit“ suchen, wird gerne übersehen.

Alle sind irgendwie Griechenland

Vielleicht aber spüren die europäischen Eliten insgeheim doch, dass Feuer am Dach ist. Denn fürs Erste muss man jedenfalls positiv konstatieren, dass Europa gegenüber den griechischen Ausritten relativ konsequent geblieben ist, sich nicht hat auseinanderdividieren lassen: Nicht Deutschland befindet sich, wie von Athen wohl erhofft, im Eck, sondern Griechenland hat mehr denn je Erklärungsbedarf und steht unter Kuratel, auch wenn es sich das weg- oder schönzureden versucht.
Möglicherweise hat diese weitgehende europäische Geschlossenheit auch ein wenig mit schlechtem Gewissen zu tun. Denn letztlich wissen sie alle, dass in jedem ihrer Länder – natürlich in unterschiedlichem Ausmaß – „Griechenland“ steckt. Das „Rendezvous mit der Realität“ zu vermeiden, ist ein allgemein menschlicher Zug – und es ist insbesondere die Urversuchung aller Politiker, ihren Wählern diese Verabredung zu ersparen, um sich Stimmung und Stimmen zu erkaufen. „SPÖ, Arbeiterkammer und Gewerkschaften lassen uns Tag für Tag wissen, dass der österreichische Sozialstaat ein Konjunkturmotor für sich ist, dass wir nur noch die Steuern der niedrigen Einkommen senken müssen, um über den privaten Konsum das wohlstandsichernde Perpetuum mobile zu schaffen“, ätzt etwa Matthäus Kattinger auf nzz.at. Und die ÖVP hält stets nur partiell und halbherzig dagegen.
Wenn Griechenland dazu führt, dass Politiker ein wenig mehr immun gegen diese Versuchungen werden, dann könnte das Land tatsächlich „Europas Hoffnung“ sein, freilich anders als meist gemeint.

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