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13/2015 - Die Bußzeit ist nicht vorbei (Otto Friedrich)
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Alt 25.03.2015, 09:38
Die Bußzeit ist nicht vorbei

Vor 20 Jahren begann mit der „Affäre Groër“ für Österreichs katholische Kirche eine Karwoche, deren Ende nicht in Sicht ist. Denn Systemfragen blieben bis dato ungelöst.

| Von Otto Friedrich

Der Tag markiert eine Zäsur in der katholischen Nachkriegsgeschichte Österreichs: Am 27. März 1995 titelte das Profil mit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Wiener Kardinal Hans Hermann Groër. Der Sturm, der in den darauffolgenden Wochen über die katholische Kirche Österreichs
hinwegfegte, hat Verwüstungen hinterlassen, die bis heute nicht planiert sind. Man mag einwenden, das sei alles 20 Jahre her, und die Erosion institutioneller Kirchlichkeit, die – wohin man auch blickt – mit Händen zu greifen ist, hätte so und so stattgefunden. Aber die Lehren aus den Vorgängen sind bestenfalls halbherzig gezogen worden. Darum kann auch keine Rede davon sein, dass die Affäre Groër eine Katharsis bewirkt hätte.
Auf zwei wesentliche Punkte ist da besonders hinzuweisen: Mit dem Fall Groër begann das dann weltweit ausufernde Missbrauchs-Stigma, das die katholische Kirche stark beschädigt hat. Doch bis heute ist der Fall nicht geklärt. Es mag wohl Common Sense sein, was fünf österreichische Bischöfe, darunter Kardinal Christoph Schönborn, nachdem die Affäre 1998 erneut hochgepoppt war, erklärt hatten: Sie seien zur „moralischen Gewissheit“ gelangt, dass die Vorwürfe gegen den Wiener Alterzbischof zutreffen.

Keine „Reinigung des Gedächtnisses“

Doch außer der „moralischen“ gibt es bis heute keine Gewissheiten – weder in juridischem noch in historischem Sinn. Eine „Reinigung des Gedächtnisses“, zu der die katholische Kirche in Bezug auf viele ihrer dunklen Vergangenheiten (vom Antijudaismus bis zu den Untaten bei der Kolonisierung des Südens) in den letzten Jahren bereit war, fand hier bis dato nicht statt. Das betrifft nicht nur den mutmaßlichen Missbrauch, sondern auch die Vorgänge, die dazu führten, dass Hans Hermann Groër überhaupt Erzbischof von Wien werden konnte. Diese Ernennung, so auch eine allgemeine, historisch noch lang nicht aufgearbeitete Einschätzung, war eine Kurskorrektur von oben, um Österreichs Katholiken nach der Ära König wieder auf Vordermann zu bringen. Es gibt mutmaßliche Seilschaften aus Österreich, die das maßgeblich mitbetrieben haben, und deren Protagonisten mitunter immer noch kirchliche Honoratioren der ersten Reihe sind. Aber gerade um der Kirchenzukunft willen wäre eine zeithistorische Klärung wichtig – was angesichts der Tatsache, dass vatikanische Archive auch der Wissenschaft erst nach etwa 70 Jahren zugänglich sind, als frommer Wunsch scheint.

Intransparenz schreit zum Himmel

Das ist umso bedauerlicher, als der Fall Groër – und das ist der zweite gewichtige Aspekt – ein Fanal dafür darstellt, dass die Art und Weise der Bischofsernennungen in der katholischen Kirche völlig unbefriedigend ist. Mag es seither hierzulande auch keine katastrophalen Bestellungen gegeben haben: Die Intransparenz der Vorgänge schreit zum Himmel, wie auch das offensichtlich gewünschte Persönlichkeitsprofil der Gekürten kaum in de Zukunft gerichtet scheint. Bei der Bischofsbestellung in Salzburg vor eineinhalb Jahren wurde offensichtlich, dass die reaktionären Seilschaften aus Österreich in Rom – Papst Franziskus hin oder her – immer noch Rückhalt haben. Auch dass der Grazer Bischof Egon Kapellari von sich aus das Handtuch warf, ohne dass seine Nachfolge geregelt ist, spricht Bände. Und demnächst stehen Neubesetzungen in Linz und St. Pölten an. (Die ebenfalls betroffene Militärdiözese könnte, weil ein Anachronismus, kirchenrechtlich ja anders organisiert sein.)
Bischofsernennungen folgen nach wie vor – je nach Blickwinkel – einer höfischen oder totalitären Logik. Das ist inakzeptabel. Damit Österreichs Kirche aus ihrer nun schon 20 Jahre währenden Karwoche entkommt, bräuchte sie zuvorderst auch innovative und kraftvolle Führungspersonen. So wie Bischofsernennungen aber derzeit laufen, ist da nur eines gewiss: Kandidaten mit genanntem Anforderungsprofil haben kaum den Funken einer Chance, zum Zug zu kommen.

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