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14/2015 - Entweltlichung, ganz real (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 01.04.2015, 10:34
Entweltlichung, ganz real

Die große Aufmerksamkeit, welche der katholischen Kirche zu den „heiligen Zeiten“ zuteil wird, kann nicht über ihren dramatischen Bedeutungsschwund hinwegtäuschen.

| Von Rudolf Mitlöhner

Ja, er fühle sich von der ÖVP in Sachen Fortpflanzungsmedizin im Stich gelassen, erklärte Kardinal Schönborn in der ORF-Pressestunde unumwunden. Es ist dies in der Sache wenig überraschend, man wusste schließlich, dass die katholische Kirche den einschlägigen Entgrenzungen ablehnend gegenüber steht. Aber die nüchtern-illusionslose Antwort des Wiener Erzbischofs machte schlagartig deutlich, wie wenig katholische Positionen noch mehrheitsfähig sind. Das gilt beileibe nicht nur im angesprochenen Bereich, wenngleich die Bioethik gewiss buchstäblich ein hot spot der Auseinandersetzung ist, und natürlich geht es nicht um eine bestimmte Partei. Ganz generell sind auf dem katholischen Menschen- und Weltbild basierende Standpunkte insbesondere zu gesellschaftspolitischen Fragen in der Defensive.
Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche zu den „heiligen Zeiten“ sich noch immer großer Aufmerksamkeit erfreut. Religiöse Themen im engeren oder weiteren Sinn finden sich in so gut wie allen Medien: von Spiritualität und Theologie über kirchliches Leben bis hin zu Brauchtum. In Tagen wie diesen schafft es sogar eine Meldung wie „Mehr Bewegung und weniger Pasta für den Papst“ in die Schlagzeilen von orf.at. Wie überhaupt Franziskus „Rom“ und seinem Amt einen nunmehr schon zwei Jahre andauernden Hype beschert hat.

„Darüber wollen wir dich ein andermal hören“

Man soll das alles nicht zu gering veranschlagen – aber sich auch keiner Täuschung hingeben: Wenn es ans Eingemachte geht, macht die Kirche mehr denn je die Erfahrung des Paulus auf dem Areopag: da „spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg 17). Zum „Eingemachten“ aber zählen nicht nur Glaubensfragen, sondern auch solche von Ehe & Familie oder die besonders brisanten, mit Anfang und Ende des Lebens verbundenen.
Prophetisch erscheint im Rückblick die seinerzeit viel gescholtene Freiburger Rede von Benedikt XVI. über die „Entweltlichung“. Sie ist weiter fortgeschritten, als viele gedacht – befürchtet oder gehofft – haben mochten. Die Kehrseite der Entweltlichung der Kirche bildet ja nichts anderes als die Entkirchlichung der Welt bzw. Gesellschaft. Benedikt hat das im Übrigen gar nicht kulturpessimistisch gedeutet, sondern auch als Chance für seine Kirche begriffen. Und man geht wohl nicht fehl, wenn man in diesem Punkt durchaus eine Kontinuität zu Franziskus feststellt, der diese Entweltlichung in zahlreichen Worten, Taten und symbolischen Gesten zum Ausdruck bringt.

„… werden sie nicht überwältigen“

Auch Glaube ist auf Formen vielfältiger Art angewiesen: bauliche Zeugnisse, rituelle Handlungen, zeitliche wie organisatorische Strukturen. Ganz einfach deswegen, weil jedenfalls in dieser Welt jeder Inhalt eine Form braucht, die Seele den Körper benötigt, Geist nicht ohne Materie denkbar ist. Aber diese Formen können sich ändern – und haben sich auch immer wieder geändert. Möglicherweise wird das auch die Kirche im Vergleich zu früheren Zeiten in beschleunigter Weise betreffen – so wie ja auch sonst der Wandel eine Dynamik aufweist, die man noch vor wenigen Jahrzehnten für unvorstellbar gehalten hätte. In diesem Sturm der Veränderung gilt es besonders genau hinzusehen, was bewahrt werden soll – und dafür muss man, jeder und jede einzelne, umso beherzter und entschlossener kämpfen.
Auch der Kirche ist nicht eine bestimmte Gestalt und Erscheinungsform für alle Zeiten zugesagt, so vertraut und (zum Teil verständlicherweise) liebgeworden vieles ist. Unverbrüchlich zugesagt ist ihr – in der Perspektive des Glaubens – indes, was bis heute aus guten Gründen den Zeitungskopf des Osservatore Romano ziert: „non praevalebunt“ – „die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Mehr „wissen“ wir nicht. Weniger freilich auch nicht.

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