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16/2015 - Totgeschwiegenes Töten (Otto Friedrich)
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Alt 15.04.2015, 10:38
Totgeschwiegenes Töten

Der mediale und staatliche Furor aus der Türkei gegen jedes Gedenken des Genozids an den Armeniern spricht für sich. Er sollte dennoch nicht hingenommen werden.

| Von Otto Friedrich

Symbolischer hätten die Vorgänge nicht sein können: Da gedachten Überlebende und Nachgeborene der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 70 Jahren. Und wie selbstverständlich stimmte auch der – deutsche – Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, in den Chor des „Nie wieder“ ein und konstatierte, dass die „Dämonen, die wir in Europa für überwunden hielten“, doch „immer wieder ihre hässliche Fratze“ erheben. Quasi zeitgleich fielen türkische Medien über den Papst her, auch das offizielle Ankara übte sich in Empörung: Franziskus hatte es gewagt, seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. zu zitieren , der die Verbrechen an den Armeniern im zerfallenden Osmanischen Reich als „das, was generell der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird“, qualifiziert hatte.
Die Töne, deren sich die offiziellen wie medial geäußerten türkischen Stimmen befleißigten, sind einer zivilisierten Auseinandersetzung unwürdig. Ja, man muss sogar festhalten: Hier scheint eine zivilisatorische Grenze erreicht, jenseits derer jeder vernünftige Diskurs zum Scheitern verurteilt ist. Franziskus hat denn auch klargestellt, dass es wichtig ist, „die Dinge in Freiheit beim Namen zu nennen“.

Die politische Dimension des Umgangs mit der Vergangenheit

Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur haben immer eine eminent politische Dimension. Natürlich stehen die türkischen Tiraden da im Dienst einer Großmachtpolitik des Regimes Erdo˘gan. Man kann die hysterische Reaktion auf das Armenier-Gedenken, das zurzeit vielerorts begangen wird, als fehlende Souveränität im Umgang mit der Vergangenheit klassifizieren. Auf lange Sicht ist Geschichtsklitterung aber nie durchzuhalten. Das – durchaus gefährdete – Erfolgsmodell Europa fußt auch auf dem Eingeständnis historischer Verantwortung und der Erinnerung an die Opfer. Und das Christentum hat – mitunter schmerzlich – ebenfalls gelernt, einer Kultur des mitfühlenden Gedenkens das Wort zu reden.
Was die türkischen Reaktionen bitter offenbaren, ist, dass europäische Lernerfahrungen völlig ignoriert werden. Etwa, dass man nicht von Kollektivschuld redet, die heute noch beispielsweise auf dem deutschen Sprachraum ob des Völkermords der Schoa lastet. Sehr wohl aber gibt es die kollektive Scham darüber, was Menschen einander antun konnten – und können.

Verweigerte Erinnerung tötet die Opfer ein weiteres Mal

Eine geschichtliche Lernerfahrung lautet auch, dass man den Opfern ein weiteres Mal den Namen und das Leben raubt, wenn man die Untaten leugnet und Erinnerung verweigert. Niemand will der heutigen Türkei die Taten von 1915ff anlasten. Aber es ist gleichwohl inakzeptabel, wenn das mörderische Geschehen abgestritten wird. Franziskus hat im Übrigen beim Gedenken der Massaker an den Armeniern auch an die Entwicklung seither erinnert – über die KZs, Gulags bis zu den Massenmorden in Ruanda.
Es ist eine Frage der Zivilisierung der Welt, hier nicht zu schweigen, auch wenn anno 2015 die Welt immer noch unmenschliche Gräueltaten sonder Zahl erlebt. Erinnern ist vor allem ein Akt der Demut: Europa oder auch das Christentum hat keinen Anlass zu irgendeiner Überlegenheitsattitüde. Es geht darum, den Schutt der Vergangenheit durch aufrichtiges Gedenken beiseite zu räumen.
Im Übrigen muss man da schon bei der Rede vom „ersten“ Völkermord des 20. Jahrhunderts ansetzen, denn den Armenier-Massakern waren bereits andere Ausrottungen vorangegangen: 1905–08 wurden in Südwestafrika die Herero und Nama von deutschen Kolonialtruppen vernichtet. Und im „Belgisch Kongo“ kamen zwischen 1888 und 1908 zehn Millionen (!) Afrikaner ums Leben. Daran ist ebenfalls zu erinnern.
Wer das alles totschweigt oder verdrängt, tötet die Opfer ein weiteres Mal. Derartigen Spiegel möchte man auch den Schreihälsen aus der gegenwärtigen Türkei entgegenhalten.

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