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27/2015 - Gut? Böse? Jenseits?
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Alt 01.07.2015, 08:10
Gut? Böse? Jenseits?

Die Haltung der Kirche zur (Homo-)Sexualität ist in Bewegung. Anmerkungen zum moralischen Urteil aus theologisch-ethischer Sicht.

| Von Martin Lintner


„Wenn eine Person homosexuell ist und guten Willens nach Gott sucht, wer bin ich, über sie zu urteilen?“ Mit dieser Aussage sorgte Papst Franziskus im Juli 2013 für einige Aufregung. Man fragte sich: Bereitet dieser Papst einer Änderung der kirchlichen Beurteilung der Homosexualität den Weg? Angesichts der sexualethisch konservativen Haltung von Franziskus war jedoch klar, dass man sich vor Überinterpretationen hüten musste: Dem Papst ging es weniger um ein Urteil über homosexuelles Verhalten, sondern er legte den Akzent auf das, was für ein moralisches Urteil aus christlicher Sicht entscheidend ist: dass jemand guten Willens nach Gott sucht, das letzte und höchste Gut, auf das hin das ganze Leben ausgerichtet ist, weil es in ihm Erfüllung findet.
Doch was ist überhaupt ein moralisches Urteil? Zuallererst ist es kein Urteil über einen Menschen, sondern bezieht sich auf sein Verhalten und seine Handlungen, insofern es sie unter die Differenz von gut/
böse bzw. richtig/falsch stellt. Jeder Mensch macht die grundlegende sittliche Erfahrung, dass er das Gute tun und das Böse meiden soll. In der Regel kann man darauf vertrauen, dass man dann sittlich gut und richtig handelt, wenn man in rechter Gesinnung handelt und sich an das hält, was in Normen verbindlich formuliert ist. Dennoch reicht beides nicht aus, denn wie der Volksmund sagt: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Und: Sittliches Handeln kann nie nur auf eine Gehorsamsethik reduziert werden, weder gegenüber einer Autorität noch gegenüber irgendwelchen Normen.

Von der Aktmoral zur Gradualität

Die Ethik kennt unterschiedliche Aspekte, welche die moralische Qualität einer Handlung oder eines Verhaltens ausmachen. Zunächst betrifft es die handelnde Person selbst, genauer: ihre Motivation und Absicht. Im Bereich der Sexualität kann etwa gefragt werden, warum jemand eine sexuelle Beziehung eingeht: Aus Liebe zu einer anderen Person? Um der Befriedigung der eigenen Lust wegen? Oder um dadurch Macht über jemanden auszuüben? Eng mit der sittlichen Gesinnung ist das konkrete Ziel verbunden, das jemand erreichen möchte. Im Bereich der katholischen Sexualmoral war für Jahrhunderte ausschlaggebend, ob ein sexueller Akt vollzogen wurde, um ein Kind zu zeugen. Augustinus vertrat die Meinung, dass ein Mann, der mit seiner Frau ohne die explizite Intention der Fortpflanzung sexuell verkehrt, sie zur Dirne erniedrige. Später wurde dieses Urteil dahingehend revidiert, dass die Kirche verlangt hat, die Zeugung dürfe zwar nicht gezielt ausgeschlossen werden, müsse aber nicht das intendierte Ergebnis jedes einzelnen Geschlechtsverkehrs sein. Seit Gaudium et spes jedoch lehrt die Kirche, dass der Geschlechtsverkehr auch dann sittlich gut ist, wenn eine Zeugung nicht möglich ist (etwa aufgrund des Alters oder von Sterilität) oder bewusst verhindert werden möchte (wenn auch nur durch die Anwendung der natürlichen Methoden, so Humanae vitae).
Dieser Wandel macht deutlich: In der Tradition wurde, besonders im Bereich der Sexualmoral, eine Handlung vorwiegend als äußerer Handlungsablauf in den Blick genommen und danach gefragt, ob dieser der „Natur der Sexualität“ entspreche oder nicht. Diese Natur hat man in der primären Hinordnung der Sexualität auf die Zeugung zu erkennen geglaubt – woraus sich einige aus heutiger Perspektive kaum nachvollziehbare Folgen ergaben: etwa die exzessive Beschäftigung mit der Selbstbefriedigung oder dem nächtlichen Samenerguss – aber auch die Ablehnung der Homosexualität als widernatürlich. Solche Handlungen wurden als Sünden „gegen die Natur“ verurteilt, weil sie nicht der Fortpflanzung dienten, und wogen schwerer als Sünden „gemäß der Natur“ wie etwa sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung, bei der – so wurde argumentiert – eine Zeugung immerhin möglich sei.
Eine solche „Aktmoral“, wie sie die katholische Sexualmoral von der Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert prägte, hat vergessen, dass jede Handlung die eines konkreten Menschen in einer einmaligen Situation ist, dass die Einzelentscheidung eingebunden ist in eine Reihe von miteinander vernetzten Entscheidungen und Handlungen, dass sie aus konkreten Haltungen dieses Menschen gespeist wird, die sich in seinem Charakter verdichten und seine sittliche Disposition bilden – und dass sie schließlich eingebettet ist in die Biografie eines Menschen, geprägt von dessen Entwicklung sowie Lebens- und Vorentscheidungen. Für das sittliche Urteil müssen deshalb die unterschiedlichen biografischen, psychischen und gesellschaftlichen Faktoren berücksichtigt werden, die die Moralfähigkeit und Reife des handelnden Subjekts mit bedingen. Heute versucht man, dem mit dem „Gesetz der Gradualität“ Rechnung zu tragen.

Sex als Ausdruck der Beziehungsqualität

Hinsichtlich des Leibes und der Sexualität ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Sensibilität dafür gewachsen, dass es hier um Ausdruckshandlungen geht, sodass der einzelne Akt nicht isoliert für sich betrachtet und moralisch bewertet werden kann. Der Leib ist Vollzugsmedium einer inneren Intentionalität. Hat etwa Pius XII. die Lebendorganspende noch als Verstoß gegen die Pflicht, den eigenen Leib unversehrt zu erhalten, abgelehnt (es sei denn, ein Eingriff würde der betroffenen Person selbst nutzen), erkannte das Lehramt schon bald, dass ein solcher Akt sehr wohl sittlich zulässig ist, wenn er der Gewissensentscheidung des Organspenders entspricht und Ausdruck seiner Nächstenliebe ist. Der Umgang mit dem Leib und der Sexualität ist immer auch Ausdruck des eigenen Selbstverständnisses. Wobei die Sexualität in sich vielfältige Sinngehalte bündelt: etwa Identitätsfindung, Kommunikation, Fruchtbarkeit, die Erfahrung von Lebensfreude und Lust et cetera. Von den Natur- und Humanwissenschaften hat die Kirche gelernt, dass die Sexualität nicht auf die Zeugungsfunktion reduziert werden kann. Gaudium et spes formuliert es so: „Die geschlechtliche Anlage des Menschen und seine menschliche Zeugungsfähigkeit überragen in wunderbarer Weise all das, was es Entsprechendes auf niedrigeren Stufen des Lebens gibt“ (Nr. 51). Sexualität kann demnach als „Scharnierstelle“ der Leib-Seele-Einheit eines Menschen verstanden werden und sexuelles Verhalten als leibliche Kommunikation. Sittlich entscheidend wird dann, ob eine sexuelle Handlung angemessener Ausdruck der Qualität einer Beziehung bzw. jener personalen Werte ist, die von den sittlichen Prinzipien gefordert und von den Normen geschützt werden: Nämlich Sexualität in Liebe zu vollziehen, eingebettet in eine Beziehung, die von Treue und Dauer, Verantwortung für- und Achtung voreinander sowie von Wertschätzung seiner selbst und des bzw. der Anderen geprägt ist, sodass die in ihr enthaltenen Sinngehalte entfaltet werden können.

Unveränderte, sexualethische Normen

Die kirchliche Sexualmoral und Beziehungsethik ist also in Bewegung. Sexualität wird mehr und mehr in ihrer personalen und ganzheitlichen Dimension wahrgenommen. Allerdings hat sich auf der Ebene der konkreten sexualethischen Normen kaum etwas verändert. Die Diskussion um die gelebte Homosexualität macht etwa deutlich, dass das Argument der biologischen Zeugungsfunktion weiterhin neben den personalen Urteilskriterien stehen bleibt, wobei eine Vermittlung zwischen der naturrechtlichen und der personalen Argumentationsweise schwierig ist. Allerdings deutet sich – wie die Diskussionen während der Bischofssynode im Oktober 2014 sowie das jüngst veröffentlichte Arbeitspapier für die Familiensynode im Oktober 2015 zeigen – im Umgang mit homosexuellen Menschen ein Umdenken an: Die Kirche wird sensibler für die Leiderfahrungen von Betroffenen sowie von Familien, in denen homosexuelle Menschen leben. Diese Entwicklung ist bedeutend, auch wenn die Kirche betont, dass eine homosexuelle Partnerschaft von einer Ehe zu differenzieren bleibt (siehe Kasten).
Die Hoffnung lebt, dass die Kirche aus dem langen und bedrückenden Schatten ihrer sexualfeindlichen Tradition heraustritt. Neben der geänderten Sicht und Deutung der Sexualität ist hierfür auch ein stärkeres Vertrauen in die Moralfähigkeit des Menschen notwendig – es braucht also die Förderung eines selbstbestimmten, verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Sexualität. Für das handelnde Subjekt bleibt nämlich das persönliche Gewissensurteil letztverbindlich.


| Der Autor ist Professor für Moraltheologie an der Phil.-Theol. Hochschule in Brixen |



Historisches Urteil

„Homo-Ehe“ in USA legalisiert


Mit fünf zu vier Stimmen hat der Supreme Court, der US-Höchstgericht, vergangenen Freitag die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern in allen 50 Bundesstaaten für rechtens erklärt. Präsident Obama begrüßte das historische Urteil: „Wenn alle Amerikaner gleich behandelt werden, sind wir alle freier.“ Kritik kam hingegen von den Kirchen: Erzbischof Joseph Kurtz, Vorsitzender der katholischen US-Bischofskonferenz, wertete die Entscheidung als „tragischen Fehler, der dem Gemeinwohl und den Verletztlichsten unter uns schadet.“ Es sei „unmoralisch und ungerecht“ zu behaupten, dass „zwei Menschen desselben Geschlechts eine Ehe schließen könnten“. Das sei allein dem Bund von Mann und Frau vorbehalten. Auch Richter John Roberts, Mitglied der unterlegenen Minderheit im Supreme Court, übte Kritik: Man habe „eine soziale Institution verändert, die über Jahrtausende das Fundament menschlicher Gesellschaften gebildet“ habe. (dh)

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