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32/2015 - Jenseits von Zistersdorf (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 10:50
Jenseits von Zistersdorf

Die Zahl der Flüchtlinge scheint Politiker und Gemeinden, aber auch viele Christen zu überfordern. Dabei müssten alle Interesse haben, sich gerade jetzt zu beweisen.

| Von Oliver Tanzer


In einer der Reportagen über die Flüchtlingsmisere, in denen sich in diesen Tagen so oft Betroffenheit und Empörung mischen, machte ein Bewohner von Zistersdorf im Weinviertel seinem Ärger Luft. Die „Mitleidstuerei“ gehe ihm auf die Nerven, und „Warum soll ich Mitleid haben, nur weil die da unten in Syrien einen Bürgerkrieg haben?“
Diese Meinung mag einen anwidern, aber sieht man sie vom Standpunkt des Strebens nach Eigennutz, so erscheint sie schlüssig. Tatsächlich hat der Zistersdorfer nichts mit dem Krieg in Syrien zu schaffen. Warum sollte er also nun mit Syrern Tür an Tür leben, die „kulturell ganz anders“ sind? Davon ausgehend lassen sich die dringendsten drei Fragen eines großen Teils der Bevölkerung ableiten. Sie lauten: „Warum wir? (wir Zistersdorfer, wir Österreicher)“, „Warum hier? (was tut die EU?)“ und: „Warum die? (ausgerechnet Muslime)“. Die ersten Problemfragen – „warum wir?“ und „warum hier?“ – sind paradox, denn sie wurzeln eigentlich in unserem Glück: Es sind unser Reichtum, unsere Sicherheit, unser Rechtsstaat, welche Menschen anziehen.
Dass aber andere das Gleiche und daran teilhaben und mitwirken wollen, macht den Zistersdorfer in uns nicht stolz. Es versetzt ihn in Angst vor dem Beneidet- und Beraubtwerden. Das Glück verkehrt sich zur Enge – und selbst, wenn dieses Gefühl rational nicht begründbar ist, so ist es doch hoch wirksam.

Im Bunker der Angst

Dem Irrationalen entgegenzuwirken und dabei die Probleme der Integration nicht zu übersehen, wäre Aufgabe der Politik. Aber dazu müsste sie neue und überzeugende Wege beschreiten, anstatt selbst in der Furcht vor einer „Völkerwanderung“ zu erstarren wie sie es gerade tut. Konzeptiv hieße das etwa: „Wie kann man Gemeinden, die Flüchtlinge aufnehmen, zusätzlich fördern – und zwar so, dass alle Bürger davon profitieren?“ oder: „Wie integriert man Flüchtlinge effizient in den Arbeitsmarkt?“
Also frei nach dem Zistersdorfer – wie schaffen wir Werte aus den Fähigkeiten der Ankommenden, unter denen viele Ingenieure, Ärzte, Akademiker sind? Wir stellen also häufig nur die falschen Fragen. Das gilt auch für die religiöse Dimension der Angst, für die bange Sorge: „Warum so viele Muslime?“

Glaube, Predigt und Umsetzung

Aus der Perspektive der Angst und ihrer Macher scheint die Angelegenheit klar: Die Muslime wollen uns der Heimat berauben. Aber es heißt ja auch „Glaube ist Heimat“. Wenn das stimmt, dann ist nicht entscheidend, wie bedrohlich die vermeintlichen Feinde sind, sondern wie stark das Christentum selbst ist, wie wirkungsvoll und selbstsicher. Die Antwort darauf sollte bei den Christen zu finden sein. Geht es nach der Bibel, dann müssten heute zahllose Gläubige hoch aktiv sein, das einzulösen, was sie als „Wort des Herrn“ beten oder predigen („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“/“Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan“).
Danach handeln nur wenige. Wenige Gläubige, die Räumlichkeiten anbieten, wenige Pfarrer, wenige Ordensmänner, die Pfarrhöfe oder ohnehin halbleere Klös-ter öffnen. Dieser Mangel ist nicht zufällig – er ist Teil und Zeichen einer christlichen Krise. In ihrem Zentrum steht die Frage, ob Anhänger einer Religion, die in großer Zahl gegen ihre zentrale Lehre handeln, diese Religion gefährden? Ob man also die Feinde des Christentums nicht unterm Halbmond, sondern eher unter dem Kreuz und in sich selbst suchen müsste.
Freilich gibt es dazu auch andere Interpretationen. Etwa, dass das Christentum mit dieser Art Doppelbödigkeit schon seit 2000 Jahren sehr gut zurechtkommt und die Kritik naiv und unrealistisch sei. Aber für wie unersetzlich soll man sich da noch halten und für wie wert(e)voll? All das sind gesellschaftliche, aber auch persönliche Fragen für Gläubige, Pfarrer, Äbte. Bei ihrer Beantwortung hat „Mitleidstuerei“ – da hat der Zistersdorfer wieder recht – keinen Platz. Vor allem nicht jene mit sich selbst.

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  16:39:06 07.15.2005