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35/2015 - Der Drache im Krisenfeuer (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 11:13
Der Drache im Krisenfeuer

Der Wirtschafts-Einbruch in China zeigt auch die Grenzen einer gegängelten
Marktwirtschaft auf. Nachhaltiger Erfolg braucht mehr Freiheit als Peking lieb ist.


| Von Oliver Tanzer


China ist lange ein Traumfänger der Globalisierung gewesen. Es hat die Phantasien von Millionen Investoren aus aller Welt angezogen, und diese Gedanken mit seinen paradiesischen Wachstumszahlen in ein dynamisches Kleid gehüllt. Das Bild vom „Motor der Globalisierung“ und der „Lokomotive der Weltwirtschaft“ wurde mit deutschen Autos, futuristischen Wolkenkratzerstädten und bombastischen Großprojekten gemalt. China wollte alles und konnte alles. Es fühlte sich imstande, ganz neue Regeln zu entwerfen und andere außer Kraft setzen. Ein symbolischer Akt dieser Umwertung war es, im chinesischen Aktienhandel positive Kursentwicklungen mit roter Farbe und fallende Kurse grün einzufärben. So gesehen ist in China derzeit alles im grünen Bereich, und nicht nur der Führung in Peking ist bei diesem Anblick äußerst unbehaglich. Denn was hier wankt sind nicht einfach nur Börsenkurse, sondern der Atlas der Weltkonjunktur.
Bei näherer Betrachtung des chinesischen und des eigenen Verhaltens wird man allerdings bemerken, dass der Einbruch nur dann zu schockieren vermag, wenn man sich selbst die chinesische Welt entsprechend farbenfroh zurechtgemalt hatte. Das betrifft vor allem das angeblich so erfolgreiche Wirtschaftsmodell.

Ungefragte Fragen

Viel zu selten wurde da die Frage gestellt, ob es denn rational betrachtet einen ökonomischen Weg geben kann, auf dem sich eine Diktatur mit marktwirtschaftlicher Freiheit vereinen lässt. Statt diese Frage zu prüfen, haben wir sie taxfrei mit ja beantwortet. Und mehr noch. Von Ökonomen wie Paul Krugman bis zu Philosophen wie Peter Sloterdijk wurde die autoritäre Ökonomie als Erfolgsmodell betrachtet und befürchtet.
Aber eine Marktwirtschaft hat noch nie unter dem Rahmen strukturierter Unfreiheit zum Nutzen aller funktioniert. Diktaturen bedienen und schaffen zwangsweise schädliche Oligarchien und Monopole – im Fall Chinas operiert von Parteicliquen. Gegängelte Marktwirtschaft entzieht sich der Kontrolle der offenen Diskussion und damit ihrer Lernfähigkeit. Und wir hätten das wissen können aus historischer Erfahrung. Hitlerdeutschland, Franco-Spanien, Pinochet-Chile. Überall die gleichen Mechanismen: Abgeschottete Märkte, vom Staat versorgte Industrien, bombastische Megalomanie, Verschwendung und Dysfunktionalität.

Land der unmöglichen Möglichkeiten

Auf China gemünzt: Es gab noch nie einen mit Fünfjahresplänen gesteuerten funktionierenden Kapitalismus. Es gab noch nie Wachstumsraten, die Jahr für Jahr den eigenen Voraussagen gehorchen. Es gab auch nie einen funktionierenden Markt von Mittelstandswohnungen ohne entsprechenden Mittelstand. Es gab noch nie eine funktionierende Börse, die von einem Politbüro aus gesteuert werden konnte.
All das aber trauen wir China zu. Es scheint ein Experimentierfeld zu sein, in dem Menschenleben, Individualität und Demokratie im Namen des Fortschritts und der Globalisierung entwertet werden dürfen. Das chinesische „Modell“ bezahlt uns für unseren Applaus und unsere Verdrängung mit Milliardengeschäften.
Aber China betrog sich selbst. Wenn die jüngsten Turbulenzen eines gezeigt haben, dann dies: Eine Führung, die auf Kritik mit beleidigten Drohungen antwortet und sich politische Devotion mit der ökonomischen Rute erzwingt, ist selbst in großer Gefahr. Denn die Marktwirtschaft verzeiht zwar viele Dummheiten. Starre und Unterdrückung aber nicht. Beide verursachen am Ende Fehlinvestitionen und Blasen, die umso größer und schädlicher werden, da sie sich nicht selbst marktkonform korrigieren dürfen. Das vernichtet Vermögen und Vertrauen in Billionenhöhe. Dieses System wird dort enden, wo es sein politischer Stolz hintreibt: In den dunkelgrünen Bereich. Leider ist die Globalisierung mit an Bord.




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