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37/2015 - Mit geweitetem Blick gegen die Krise
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Ungelesen , 07:49
Mit geweitetem Blick gegen die Krise

Der Gang in die Bildungskarenz erfreut sich bei Betrieben wie Dienstnehmern anhaltender Beliebtheit. Über Lernen als bessere Alternative zur Arbeitslosigkeit.

| Von Anna Maria Steiner



Sengende Sonne und Temperaturen an die 40 Grad: Arbeitstage im vergangenen August waren nicht wirklich angenehm. Zu den Glücklichen, die sie im Urlaub verbringen konnten, gehörte der 25-jährige Steirer Andreas leider nicht. Trotzdem ertrug er die Situation im Süden von Graz gelassen. Der Grund? Seine bevorstehende „Bildungskarenz“, genauer: der Bezug von Leistungen im Zuge einer Weiterbildungsmaßnahme.
Bereits 2009, ein halbes Jahr nach seinem Lehrabschluss in Maschinenbautechnik, hat Andreas zum ersten Mal diesen Weg beschritten. Die anfallenden Ausbildungskosten zum Elektrobetriebstechniker in der Höhe von 11.000 Euro übernahm sein Dienstgeber. Doch damit nicht genug absolvierte der bald zum Werkstättenleiter Avancierte neben seiner leitenden Tätigkeit im Betrieb auch die Matura in Englisch und Deutsch – und hatte damit 2014 die halbe Berufsreifeprüfung in der Tasche. Die restlichen Fächer sowie den gewerblichen Meister für Metalltechnik und Maschinenbau wird er in seiner neuen Bildungskarenz nachholen, die am 1. September offiziell begann.

Erleichtert und zugleich verschärft

Über 11.000 Österreicherinnen und Österreicher jährlich tun es Andreas gleich und gehen in Bildungskarenz oder Bildungsteilzeit (siehe unten). Auf den Ansuchens-Boom der Wirtschaftskrisenjahre 2008 und 2011 reagierten Gesetzgeber und Arbeitsmarkt Service (AMS) prompt: Seit Juli 2013 herrscht eine Nachweispflicht über die tatsächlich absolvierten Weiterbildungsmaßnahmen. Zugleich haben Beschäftigte aber auch die Möglichkeit, sich während eines aufrechten Dienstverhältnisses weiterzubilden. 2555 Personen haben im Vorjahr eine solche „Bildungsteilzeit“ bezogen. In der Vollzeit-„Bildungskarenz“ befanden sich sogar 8611; zuvor beschäftigt waren sie vor allem in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Industrie, Produktion und Handel sowie öffentlicher Dienst.
„Bei der Bildungskarenz geht es nicht um die Steigerung der Akademikerquote, sondern um eine Reaktion auf den Arbeitsmarkt“, betont AMS-Steiermark-Sprecher Hermann Gössinger. Betriebe wie Dienstnehmer würden darauf hoffen, dass sich in der Zeit, in der Weiterbildungsgeld konsumiert wird, die wirtschaftliche Entwicklung wieder verbessert und die Arbeitnehmer später – mit höherer Qualifikation – wieder in den Arbeitsalltag einsteigen können. „Wenn die Alternative Arbeitslosigkeit wäre, ist eine Bildungskarenz in jedem Fall sinnvoller“, so Gössinger. Arbeitslosengeld und Weiterbildungsgeld seien exakt gleich hoch, doch für die Betroffenen mache es einen großen Unterschied, ob sie arbeitslos sind oder eine Ausbildung machen dürfen.
Dass der Gang in die Bildungskarenz auch für Bildungsferne vergleichsweise attraktiv ist, zeigt der Blick in die Statistik: 1140 Personen – und damit die viertgrößte Gruppe unter den insgesamt 11.166 Weiterbildungsgeld-Beziehenden – verfügten zuvor nur über Pflichtschulabschluss. Die größte Gruppe stellten freilich die Maturantinnen und Maturanten, gefolgt von Hochschulabsolventen und jenen, die – wie Andreas – über einen Lehrabschluss verfügen.
Für Hermann Gössinger Zahlen, die wenn möglich noch gesteigert werden sollten, zumal sich durch eine Bildungskarenz häufig neue Perspektiven eröffnen – vor allem für die „im allgemeinen bildungswilligeren Frauen“, so der Experte. Dass dieser Schritt gerade auch für Mütter eine Option sein kann, wird an Daniela deutlich. Während ein Tagesvater ihren Erstgeborenen betreute, bildete sich die 35-Jährige 20 Stunden pro Woche weiter. Vor ihrer Karenz war die Mutter von zwei Kindern in leitender Position in einer Wiener NGO tätig; seit knapp zwei Jahren arbeitet sie nun an einem steirischen Forschungszentrum. Ihre Bildungskarenz sieht sie im Nachhinein als „eine Eintrittskarte in den heutigen Job“. Arbeitslos war sie bislang lediglich für einen Monat, „im September 2013, zwischen zweitem Kind und jetzigem Job“, erzählt Daniela. Weitere Arbeitslosenzeiten blieben ihr mittels Weiterbildungsmaßnahme erspart.
Die Frage, ob es legitim ist, bildungskarenziert statt arbeitslos zu sein, stellt sich für AMS-Sprecher Gössinger nicht. „Wenn Bildungskarenz möglich ist, ist das auch für uns durchaus sinnvoll.“ Anders verhält es sich bei Personen mit sehr gut nachgefragter Qualifikation. „Wenn so jemand für ein halbes Jahr in der Bildungskarenz nur ,geparkt‘ wird, ist das natürlich arbeitsmarktpolitisch nicht sinnvoll. Aber wenn sich Dienstgeber mit Dienstnehmer einigen und tatsächlich eine Weiterbildung erfolgt, was wir ja überprüfen, sind wir sehr dafür.“
Für Alexander war eine vollkommene Auszeit zur Horizonterweiterung lange Zeit weder möglich noch sinnvoll. Erst mit der Einführung der Bildungsteilzeit im Sommer 2013 sah er seine Chance gekommen. Bereits im Jänner drauf gab der auf Projektbasis angestellte Soziologe die Büroleitung in einer Non-Profit-Organisation in Graz ab und reduzierte seine Arbeitszeit auf 19,5 Stunden. Die finanziellen Einbußen lagen bei monatlich 150 bis 200 Euro, dafür erhielt er viel Zeit für ein Masterstudium aus Betriebswirtschaft. Für den gebürtigen Salzburger eine „tolle Sache“, die er auch schon betriebsintern weiterempfohlen hat. Wie sein nächster Job aussehen wird, ist für ihn vorerst nachrangig. Wichtig sei lediglich, sich durch die Bildungsteilzeit zusätzliche Perspektiven zu schaffen.

Zeit für Neuorientierung

Das will auch Verena. Die 35-jährige Betriebswirtin mit mehrjähriger Auslandserfahrung in Übersee und einem zweiten Studienabschluss in „Erneuerbare Energien“ könnte von einer gelungenen berufliche Karriere sprechen – hätten nicht zwischenmenschliche Enttäuschungen und „eiskalte Management-Entscheidungen“ ihren Arbeitsalltag in einem Produktionsunternehmen zusehends dominiert. „Eine Kollegin bekam einen Monat vor ihrer Kündigung noch einen Blumenstrauß zum 35-jährigen Dienstjubiläum“, erzählt Verena. Dass sie heute selbst in Bildungskarenz ist, war alles andere als geplant. Als die Standardcontrollerin im Juni ins Chefbüro gerufen wurde, schob man ihr das als „einvernehmlich“ titulierte Kündigungsschreiben über den Tisch. Verena verweigerte die Unterschrift und schaltete die Gewerkschaft ein. Die erwirkte, dass die Kündigung aufgehoben und in ein aufrechtes Dienstverhältnis umgewandelt wurde. Man handelte eine Bildungskarenz aus – für Verena eine „super Lösung“. Neben Uni-Kursen aus Soziologie, Philosophie und Pädagogik will sie die Zeit auch für Reisen und ehrenamtliches Engagement nutzen – um der Gesellschaft ein wenig davon zurückgeben zu können, „was der Wahnsinn der Konzerne zerstört hat“. Mittlerweile kann sie auch dem Rauswurf etwas Gutes abgewinnen: „Von selbst hätte ich nicht gekündigt, weil ich nicht gewusst hätte, was ich danach machen soll. Aber genau darüber kann ich jetzt in Ruhe nachdenken.“
Dass Weiterbildungsmaßnahmen nicht bis ins Letzte planbar sind, weiß schließlich auch Andreas. Kurz nachdem er 2014 eine zweite Bildungskarenz ins Auge gefasst hatte, brach in seinem Unternehmen eine Kündigungswelle los. Umso gelegener kam der Führungsriege sein Weiterbildungswunsch. „Der Abteilungsleiter meinte, wenn ich in Bildungskarenz gehen würde, könnte ein anderer Kollege bleiben. Das alleine war für mich schon Grund genug“, meint der Steirer. Die ungewöhnliche Arbeitsplatz-Rettungsaktion barg freilich noch eine zusätzliche Pointe: Jener 50-jährige Kollege, der von Kündigung bedroht war, hatte zehn Jahre zuvor Andreas’ Potential erkannt und ihn gefördert. Nun, mit seiner Bildungskarenz, kann sich der junge Werkstättenleiter dafür revanchieren.

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  04:07:35 05.14.2005