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38/2015 - Der Jüngste Tag ist heute
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Alt 16.09.2015, 09:37
Der Jüngste Tag ist heute

Angesichts von weltweit 60 Millionen Flüchtlingen müssen wir nicht nur helfen – wir müssen uns ändern. Theologische Reflexionen zur Asylkrise.



| Von Regina Polak


„Mene mene tekel u-parsin“ schreiben die Finger einer Menschenhand an die Wand des babylonischen Königspalastes, als König Belschazzar bei einem rauschenden Fest seine Gäste aus den goldenen und silbernen Gefäßen bewirtet, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem geraubt hatte. Keiner seiner Berater kann dem zu Tode erschrockenen König diese Zeichen deuten. Erst Daniel, einer der ins Exil vertriebenen Juden, kann sie lesen: Gezählt, gewogen und zu leicht befunden, geteilt wird das Reich unter den Medern und Persern.
Die Tage der Herrschaft Babylons sind gezählt (vgl. Dan 5, 1-30).
In der rabbinischen Schriftauslegung wird die Gegenwart zum hermeneutischen Schlüssel der biblischen Texte: Wovon die Texte der Vergangenheit erzählen, das geschieht auch jetzt. Und was jetzt geschieht, wird im Licht der biblischen Vergangenheit besser verstehbar. Die weltweit 60 Millionen Flüchtlinge, von denen nur ein vergleichsweise geringer Anteil nach Europa kommt – die Klimaflüchtlinge der Zukunft sind noch gar nicht mitgezählt –, können so auch als Menetekel gesehen werden. Sie künden davon, dass die Tage des gegenwärtigen Umgangs mit der Welt gezählt sind.

Flüchtlingskrise macht Sünde sichtbar

Exil und Diaspora, Flucht und Vertreibung sind die Grunderfahrungen des Volkes Israel. Aus deren Reflexion entstand eine biblische „Theologie der Migration“, die Gott als treu auf der Seite von „Fremden“ und Flüchtlingen stehend erkennt und findet im Gebot der Gastfreundschaft und einer differenzierten Gesetzgebung für Fremde ihren Höhepunkt. Auch König Belschazzar musste bitter lernen, dass Reichtum auf Kosten von Vertriebenen und Unterdrückten vor Gott keinen Bestand hat.
Die Schuld der Väter wird verfolgt an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation (Ex 20,5)
Die Flüchtlinge sind weder „Strafe“ Gottes noch werden sie bestraft. Das Schriftwort beschreibt die Erfahrung, dass es generationenlang schwere Folgen für alle hat, wenn die Gebote Gottes, die das Leben schützen, nicht beachtet werden. So macht die Flüchtlingskrise zuerst die Sünde sichtbar: Verstöße gegen Menschenwürde und Gerechtigkeit, die immer auch Verstöße gegen Gott sind. Die Armuts- und Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika kommen entweder von Kriegsschauplätzen, die das Zerfallsprodukt zumeist völkerrechtswidriger Militärinterventionen der USA bzw. Russlands sind, oder aus Ländern, deren wirtschaftsimperialistische Ausbeutung durch den Westen nicht unwesentliche Basis von dessen Wohlstand ist. Die Flüchtlinge dieser Tage stehen vor den Grenzzäunen jener, deren Vorfahren im Kolonialismus Millionen Menschen ermordeten; die für Rohstoffe und Absatzmärkte jahrzehntelang Despoten toleriert haben; und die um des materiellen Gewinns willen die Ressourcen der Erde zu zerstören bereit sind. Natürlich stellen Terror und politischer Islamismus eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar, vor der die Bevölkerungen geschützt werden müssen. Aber der Blick auf seine Genese fordert Europa eben auch zur Selbstkritik und zur Übernahme der Verantwortung für ein Problem auf, das global und strukturell ist und auch nur so gelöst werden kann. Sonst sind unsere Tage gezählt. Wir müssen nicht nur helfen, wir müssen uns ändern – unseren Lebensstil, unsere Wirtschaftspolitik, unsere Entwicklungspolitik.
Am Ende der Tage wird es geschehen …. Zum Berg mit dem Haus des Herrn strömen die Völker (Jes 2,2; Mich 4; Offb 21,24).
Die Flüchtlinge können auch zum Segen werden. Das wage ich angesichts der ertrunkenen Kinder und Tränengaseinsätze an den Grenzen Europas kaum zu schreiben. Aber die Bibel eröffnet doch auch diese Sichtweise. Verheißen ist da eine Zeit des Friedens, in der alle Völker in ihrer Verschiedenheit Jahwe verehren werden und die Menschheit gelernt hat, dass sie eine ist. Sind wir am Beginn dieser Endzeit? Die Flüchtlinge könnten dazu beitragen, dass die Menschheit ihre Einheit erkennt und in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben lernt. Dies wäre die große Vision. Nicht, weil Flüchtlinge bessere Menschen sind; auch die Ankunft von Terroristen ist nicht hundertprozentig auszuschließen. Aber die Ankunft der Geflohenen weckt oft das Beste in den Menschen – ich denke hier an die Welle zivilgesellschaftlicher Hilfsbereitschaft, die die Politik vor sich hertreibt. Zudem ermöglicht sie uns auch, unsere Lebensweise, unsere Politik in Europa zu überprüfen. Der biblische Narrativ von der Einheit der Völker und ihrer Wallfahrt zu Jahwe könnte einen Beitrag dazu leisten, diesem Jahrhundertproblem auch eine hoffnungsvolle Perspektive abzugewinnen.
Vom Weltgericht (Mt 25)
Christliche Hoffnung ist nicht naiv und weiß, dass die Menschheit auch scheitern kann. Wir erleben aktuell erst den Beginn weltverändernder Migrationen. Neu an diesen ist die Gleichzeitigkeit der Bedrohungen, mit denen die Menschheit konfrontiert ist: Umweltzerstörung und Klimawandel, ein auf tönernen Beinen stehendes Finanzsystem, die bis 2050 noch wachsende Weltbevölkerung. Wer Angst bekommt, hat dafür guten Grund. Aber Angst rechtfertigt nicht den wieder anschwellenden Rassismus in Europa, der keinesfalls eine „natürliche“ biologische oder psychologische Reaktion, sondern ein ideologisches Erbe unserer Vorfahren ist – von einer verantwortungslosen Politik offenbar immer noch abrufbar. Mit der Angst werden wir leben lernen müssen. Und angesichts der Erfahrungen jener, die kommen, scheinen europäische Ängste mitunter wie ein Luxusproblem.

Europa muss die Weichen stellen

Neu ist auch die globale Kenntnis über die Ungerechtigkeit der Ressourcenverteilung dieser Erde. Neu sind die Möglichkeiten globaler Kommunikation und Mobilität. Nichts wird daher die Menschen aufhalten, zu kommen – keine Entbehrungen, keine zu durchquerenden Wüsten und Meere, keine Mauern. Wir befinden uns an einer Wegscheide. Eine Rückkehr in eine nationalegoistische Beschaulichkeit wird es nicht geben, sie wäre lebensgefährlich. Versteht man die Rede vom Weltgericht in Matthäus 25 neben ihrer Ethik – Fremde und Obdachlose aufnehmen usw. – auch als Deutung der Gegenwart, dann hat der Jüngste Tag schon begonnen: Er ist heute.
Europa muss sich entscheiden, für welche Zukunft es die Weichen stellt. Die „Alteingesessenen“ müssen das nicht schön finden. Auch hat eine überforderte Bevölkerung das Recht auf eine Politik, die auf ihre Sorgen reagiert. Es braucht – auf lokaler, nationaler und EU-Ebene – mittel- und langfristige politische Konzepte für situationsgerechte Ordnungen des Zusammenlebens. Vor allem aber braucht es das Umdenken im Kopf. Jesus von Nazareth hat das „Umkehr“ genannt. In Mk 1,14 fordert er, griechisch, eine Metanoia: eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit; hebräisch die teschuwa: Reue und Besinnung. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Denn das Reich Gottes ist angekommen!“


| Die Autorin ist Professorin am Institut für Praktische Theologie der Kath.-Theologischen Fakultät der Universität Wien |


Radiotipp: „Fremdenfreundlich“ – Eine (kleine) Theologie der Migration
Mit Regina Polak. In: „Logos – Theologie und Leben“, Samstag 19. 9., 19 Uhr 05, Ö1 Veranstaltungstipp: „Religion und Migration“
Zu aktuellen Herausforderungen in diesem Bereich findet am 24. und 25. 9. an der Uni Wien ein Fachsymposium statt (nähere Infos S. 12).

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