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38/2015 - Röszke – die zwei Gesichter Europas
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Ungelesen , 09:53
Röszke – die zwei Gesichter Europas

Wie das syrische Flüchtlingsdrama eine kleine ungarische Grenzstadt einnahm und sich als Sinnbild der europäischen Krise niederschlug.


| Von Ralf Leonhard / Ungarn


Jan Pinos steht auf den Schienen und lächelt. Der junge Mann aus Prag hält ein Transparent hoch, mit dem er auf Arabisch Entwarnung gibt: „Das Abnehmen der Fingerabdrücke bedeutet nicht, dass ihr nach Ungarn zurückgeschoben werdet“. Er habe sich mit dem besten Asylanwalt beraten, versichert er. Manche der Männer und Frauen, die sichtlich erschöpft gerade die ungarische Grenze überquert haben, bleiben interessiert stehen und radebrechen auf Englisch, um sich zu versichern, dass das stimmt. Das ist das erste, was die Flüchtlinge in Ungarn wissen wollen. „Hast du was zu essen?“, und dann kommt die Frage nach den Fingerabdrücken. Werden sie aus anderen Staaten nach Ungarn zurückgeschoben, wenn sie dort registriert sind? Allein am Samstag sollen laut Polizei 4330 Flüchtlinge die Grenze überschritten haben – so viele wie noch nie. Sonntag waren es dann 5800.
Das letzte Loch im ungarischen Grenzzaun klaffte bis Montag dort, wo die Eisenbahntrasse bei der Ortschaft Röszke die Grenze überquert. Gruppen von zehn, 20, 30 Menschen kommen ohne Unterbrechung herüber. Dann setzen sie sich erschöpft hin und wollen wissen, wie es weitergeht.
Von den Soldaten, die mit der Kalaschnikow über der Schulter und Spürhunden an der Leine entlang des eisernen Vorhangs patrouillieren, erfahren sie nichts. Auch die Polizisten, die hier Dienst tun, fühlen sich nicht zuständig. Information und Erstversorgung liegen allein in der Hand der Zivilgesellschaft. Später an diesem Tag werden es die Polizisten sein, die die Flüchtenden in Züge und Busse laden, das bunte Zeltlager schleifen, sie werden den Grenzzaun schließen und den dann noch kommenden mit Haft drohen. Dann werden Zehntausende Flüchtlinge schon an Österreichs Grenzen stehen.
Aber in Röszke wird davor Europäische Geschichte geschrieben worden sein. Nicht nur eine des politischen Nationalismus, sondern auch eine gegenläufige der gesellschaftlichen Verantwortung. An diesen Tagen im September ist Röszke ganz Europa. Es ist der Kulminationspunkt seiner gegenläufigen Strömungen, seiner Konflikte mit sich selbst und mit den Fremden. Und seine Geschichte wird länger Gültigkeit haben als die Schlagzeilen, die es hinterlassen haben wird. Hier sind seine Darsteller.

Wegweiser

Eva Zahradnicková aus Brünn ist mit einer Freundin gekommen und dokumentiert die Ereignisse für ein tschechisches Magazin. In erster Linie ist sie aber Freiwillige. Sie schenkt den Eintreffenden ein freundliches Lächeln und sagt „Welcome!“. Am Wochenende hat sie versucht, mit ein paar anderen den Müll zu entfernen, der sich entlang der Gleise angesammelt hat: Decken, Kleidungsstücke, Dosen aus Deutschland, Milchpackungen aus Serbien, Brotsackerl aus Österreich. Essen und medizinische Versorgung gebe es im Auffanglager, sagt Eva Zahradnicková allen, die nach dem Weg fragen. Eine Viertelstunde die Gleise entlang.
Was dort auf die Flüchtlinge wartet, gleicht einem Campingplatz auf einer Müllhalde. „Das ist wie Srebrenica“, dachte die Bosnierin Zlata Halvadzi´c. Sie ist selbst vor 20 Jahren aus Srebrenica geflohen und lebt jetzt in Graz. Dort hat sie einen Lastwagen mit Obst und Konserven organisiert und nach Röszke gebracht. Dominik Peireder aus St. Pölten ist mit Bauholz, einem großen Zelt, 150 Schlafsäcken und ebenso vielen Isomatten gekommen. Dazu Kinderkleidung, Schuhe, Hygieneartikel. „Alles im Freundeskreis gesammelt“, sagt der Elektronik-Techniker. Zusammen mit Klaus Baumgartner aus Linz, den er seit einem Spendenaufruf für das Lager Debrecen über Facebook kennt, hat er einen Lkw gefüllt und ist einfach dem Ruf der menschlichen Solidarität gefolgt. Bis Samstag, so erzählt er, „war hier alles illegal. Jetzt haben wir einen Pachtvertrag für den Acker eines Bauern“.
Die bunte Zeltstadt dient als Erstversorgungszentrum. Eine zentrale Leitung gibt es hier nicht, es herrscht Chaos aber im Geist der Menschlichkeit. Jede Gruppe bringt sich irgendwie ein. Die ungarische Caritas und der Malteserorden sind da. Aber fast alle anderen sind Freiwillige aus Nachbarländern oder selbst so weit entfernten Staaten wie England und Spanien.
Kleine Gruppen von Flüchtlingen sitzen auf den Bahngleisen, vor Zelten oder irgendwo im spärlichen Schatten. Dieses Lager bietet nur eine kurze Verschnaufpause, maximal ein Nachtlager.
An der Straße stehen Polizisten mit Mundschutz. Sie dirigieren eine Menschenschlange in drei Busse, die bereitstehen. Diese Busse bringen sie in das offizielle Anhaltelager Röszke, das wenige Kilometer entfernt hinter Stacheldraht wartet. Maximal 36 Stunden dürfen die Flüchtlinge dort angehalten werden. „Aber es dauert oft länger“, weiß Peter Bouckaert, Emergencies Director von Human Rights Watch. Er hat Aufnahmen vom überfüllten Lager auf seinem Smartphone. Freiwillige und Journalisten haben keinen Zutritt. und Bouckaert weiß, warum: „ So kann man bestenfalls Tiere halten“, urteilt der belgische Experte.
Die freiwillige Helferin Michaela Spritzendorfer-Ehrenhauser aus Wien konnte in Röszke heimlich ein Video drehen, das weltweit Empörung ausgelöst hat. Es zeigt eine offensichtlich völlig desorganisierte Essensausgabe. Plastiksäckchen mit Nahrungsmitteln werden in die Menge geworfen. Polizeigewalt gegen Flüchtlinge in den Lagern sei aber nicht die Regel, sagt Bouckaert.
So berichtet ein Sanitäter, der im österreichischen Nickelsdorf im Einsatz war, er habe mehreren Flüchtlingen Glassplitter aus den Fußsohlen operiert.
Die ungarische Polizei, so die übereinstimmende Auskunft der Verletzten, habe sie barfuß über Scherben laufen lassen. In der Zentrale des Roten Kreuzes in Wien kann man zwar diese Vorfälle noch nicht bestätigen, doch seien an mehreren Flüchtlingen Hämatome gefunden worden, die auf Misshandlungen schließen lassen.

Das System der Bewacher

Balázs Szalai hat im Juni mit einer Gruppe von Freunden in der Stadt Szeged die Freiwilligenorganisation MigSzol (Solidarität mit Migranten) gegründet, weil die Behörden untätig waren.
Auf dem Bahnhof von Szeged bekommen die Leute etwas zu essen und Information: was ist legal, was ist illegal. Szalai hat beobachtet, wie sich das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Polizisten von Tag zu Tag verschlechtert. Er fürchtet, dass die Polizisten ihre Selbstbeherrschung verlieren oder den Flüchtlingen der Geduldsfaden reißt.
Noch größer sei das Problem dort, wo nicht Polizisten, sondern private Sicherheitsleute die Flüchtlinge bewachen. Flüchtlinge im Lager Nagyfa hätten sich wiederholt beschwert, sie seien mit Schlagstöcken oder Elektroschockern malträtiert worden.
Vom Lager Röszke kommen die Asylsuchenden zur Migrationsbehörde, die ihnen die Fingerabdrücke abnimmt. Danach werden sie zum Budapester Keleti Bahnhof gebracht und können dort einen Zug nach Österreich nehmen. Ungarn, so Bouckaert, „ist wirklich die schwierigste Etappe der langen Reise“.

Der weite Weg nach Westen

Farhad Ali aus dem syrischen Aleppo hat diese Etappe noch vor sich. Er steht auf dem Busbahnhof von Subotica und überlegt mit seinen Freunden, wie es denn nun weitergehen soll. Faris Hassan, der für den Roten Halbmond im Irak gearbeitet hat und Imod Zidu, ein Jeside aus Sanjar, dessen Familie vom IS ermordet wurde, sind verzweifelt. Sie waren schon an der ungarischen Grenze und seien dort von serbischen Polizisten ausgeraubt worden. Faris Hassan habe sein Papier gezeigt, das ihm 72 Stunden Aufenthalt in Serbien gewährt. Das habe der Polizist zerrissen. Geld weg, Handy weg, Papiere weg. Sie haben gehört, dass man entlang der Gleise über die Grenze kommt. Aber zuletzt hätten sie es bei Nacht und Regen probiert und mussten wieder umkehren. Das Städtchen Subotica liegt – von Ungarn aus gesehen – knappe 30 Kilometer jenseits der Grenze.
Zurück in Röszke: An der ÖMV-Tankstelle an der Autobahnabfahrt geht es zu, wie auf einem Autokorso. Hier drängt sich Stoßstange an Stoßstange. Praktisch unter den Augen der Polizei läuft hier nach Einbruch der Dunkelheit der Schleppermarkt. Ein kleiner Mann in hellen Hosen brüllt herum. „Kein Auto darf leer wieder wegfahren“. Er ist der Chef der lokalen Schleppermafia. Ein Regiment von Fahrern (und vereinzelt auch Fahrerinnen) arbeitet für ihn. Sie müssen ihren Pkw voll laden und die knapp 400 Kilometer bis Hegyeshalom an der österreichischen Grenze fahren. Pro Passagier sind 300 Euro fällig.
Ein Fahrgeld geht an den Chauffeur, der große Rest muss an den Boss abgeführt werden, erzählt István, einer der Fahrer, der bei einer Zigarette gesprächig wird. Der Boss kennt alle Fahrer beim Namen. Er warnt sie, dass bei den Autos die Lichter in Ordnung sein müssen. Man dürfe die Aufmerksamkeit der Polizei nicht erregen.
In einer Nacht kann man gut und gerne zwei Touren schaffen. Ein gutes Einkommen für die Fahrer – aber auch eine fantastische Bereicherung für ihren großen Chef. Und das Geschäft mit den Flüchtlingen wird mit jedem Tag besser. Als bekannt wird, dass Deutschland die Grenzen erneut sperren wird, explodieren die Schleppertarife. Ein Transport durch Ungarn kostet jetzt schon 1000 Euro pro Person.

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  15:43:47 04.15.2005