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38/2015 - Aufgang des Abendlandes (Otto Friedrich)
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Alt 16.09.2015, 10:24
Aufgang des Abendlandes

Die Flüchtlingskrise, in die nun auch Mitteleuropa hineintaumelt, erweist sich als Scheideweg. Die Christen sind gefordert, den Kontinent keineswegs abzuschotten.


| Von Otto Friedrich


Wer weiß, ob die Geschichte Angela Merkel nicht zu der christlichen Politikerin im Europa des beginnenden 21. Jahrhunderts adeln wird. Denn auch wenn die Bayernchristen der deutschen Kanzlerin zuletzt die Schneid abzukaufen suchten und sich mit der Forderung nach neuen Grenzkontrollen durchsetzten, so blieb Merkel bei ihrer Linie im Grundsätzlichen, wie sie es vor wenigen Tagen bei einer Diskussion in der Schweiz geäußert hatte: Das „Abendland“ führe die derzeitige Debatte um die Muslime in Europa, um die Flüchtlinge etc. „zu defensiv“. Man pflichtet bei – und möchte hinzufügen: es geht mitnichten um den Untergang, sondern um den „Aufgang des Abendlandes“, um einen wegweisenden Titel, den Friedrich Heer 1946 in der FURCHE geprägt hat, zu zitieren und aufs Heute anzuwenden.
Gerade von Abendlandsrettern der von Merkel kritisierten, defensiven Provenienz wird immer wieder ins Treffen geführt, dass die Einigung Europas ein „christliches“ Projekt war. Ja, deren Väter (Monnet, Schuman, Adenauer, de Gasperi …) waren Christen, die im auch geistig verwüsteten Nachkriegseuropa gegen alle Unkenrufe Gräben zugeschüttet haben. Ebenso Helmut Kohl, der 1989 den geschichtlichen Augenblick erkannt und die Einigung Deutschlands gegen alle Bedenkenträger durchgesetzt hat.

Politik – endlich einmal visionär

In dieser Tradition steht Angela Merkel: auch sie hält gegen alle Bedenkenträger an ihrer Vision fest, dass ein „christliches“ Europa nicht ein Europa der Abschottung sein kann. Man ist der Kanzlerin dankbar, dass sie die Christen (auch die, die behaupten, selbige zu sein) in Europa daran erinnert, sich mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen und dieses einzubringen – anstatt darüber zu lamentieren, dass Muslime erkennbar mehr über ihren Glauben wissen und diesen erkennbarer praktizieren als die „Christen“ des Kontinents.
Auch wenn es noch nicht alle wahrhaben wollen, so erweist sich die Flüchtlingskrise, die längst ein globaler Brand ist, und in die nun auch Mitteleuropa hineintaumelt, als Scheideweg – gerade für die Christen. Denn an der biblischen Bitschaft gibt es nichts zu deuteln (vgl. auch Seite 3 dieser FURCHE): Christen werden – endzeitlich – daran gemessen, ob sie Kranken, Hungernden, Nackten, Fremden und Obdachlosen bedingungslos beigestanden sind (Mt 25). Und auch die Metaphern der Bergpredigt, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein (Mt 5), lassen keinen Zweifel daran, dass hier nicht ein christliches Abendland abzuschotten ist, sondern dass die Herzen zu öffnen sind.

Ratgeber Angst – und was Christen daraus schließen sollten

Keine Frage, dass vieles an Widerständen auch von christlicher Seite (man nehme etwa Aussagen mancher Bischöfe aus Österreichs Nachbarländern) Ausdruck von Angst ist. Man darf dann auch vermuten, dass selbst die, die das große Wort gegen die Flüchtlingspolitik von Viktor Orbán & Co im Mund führen, klammheimlich hoffen, der ungarische Grenzzaun möge den Flüchtlingsstrom doch eindämmen. Und die Angst ist begründet, dass am Ende des Tages hierzulande die Hetzer und populistischen Vereinfacher ans Ruder kommen.
Aber eine zentrale Botschaft des Christentums, die in diesen Tagen geradezu als Mantra vor sich herzutragen ist, lautet: „Fürchtet euch nicht!“ Bekanntlich hat Papst Johannes Paul II. diesen im Neuen Testament mehrfach nachzulesenden Satz als Motto über sein Pontifikat gestellt. Der Nachnachfolger steht dem um nichts nach: „Fürchtet euch nicht vor den Risiken, wenn ihr auf die Armen und die Menschen zugeht“, sagte Papst Franziskus schon 2013 zu Ordensleuten. Und weiter: „Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist.“
Der Aufgang des Abendlandes ist also angesagt. Und zwar hier und heute. Den Christen steht es an, diesen unabdingbaren Aufbruch in der ersten Reihe stehend voranzutreiben.

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