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39/2015 - Kirchenkampf um das „Geschlecht“
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Ungelesen 23.09.2015, 08:05
Kirchenkampf um das „Geschlecht“

Erst dieser Tage qualifizierte der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen die „Gender-Theorie“ als „Versuch, Europa zu kolonisieren“. Statt derart zu polemisieren, sollte sich die katholische Kirche einem konstruktiv-kritischen Dialog mit Gender-Anliegen nicht verschließen.


| Von Gerhard Marschütz



Auf der kommenden Bischofssynode wird wohl auch darüber debattiert werden, ob als eine der Ursachen der modernen Instabilität von Familie explizit auf die „Genderideologie“ einzugehen ist. Immerhin war das im Vorbereitungsdokument („Instrumentum laboris“) für die vorjährige außerordentliche Synode mehrfach der Fall, obzwar das Schlussdokument („Relatio synodi“) hierzu schweigt. Zudem haben in jüngerer Zeit die portugiesische, slowakische, ungarische, polnische, kroatische und norditalienische Bischofskonferenz sowie dieser Tage auch der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen eindrücklich die von der Genderideologie ausgehende Gefahr für die Familie aufgezeigt.
Frage: Haben Sie einmal jemand getroffen, der von sich sagte: „Heute früh habe ich versucht, eine Frau sein zu wollen – und seht, ich habe es zusammengebracht, jetzt bin ich eine!“ Mir ist das noch nie passiert. Auch dem Salzburger Weihbischof Andreas Laun, von dem dieses Zitat stammt, nicht. Er meint jedoch – im Einklang mit obigen bischöflichen Äußerungen –, damit den Kern der Genderideologie ausgemacht zu haben: die jederzeit freie Wählbarkeit des Geschlechts.
„Heute schon über Ihr Geschlecht nachgedacht?“ Mit dieser Frage will ebenso Birgit Kelle auf der Website für ihr neues Buch „Gendergaga“ verdeutlichen, dass Gender-Ideologen die biologische Bestimmung des Geschlechts ablehnen. Für diese sei Geschlecht nur „Ansichtssache“ oder „gesellschaftlich konstruiert“. Somit werde eine Vielzahl frei wählbarer Geschlechter propagiert – und das bereits in der frühkindlichen Pädagogik. Ein „gewaltiges gesellschaftliches Umerziehungsprogramm“, gefördert von der UNO und der EU, sieht auch Gabriele Kuby in ihrem Buch „Die globale sexuelle Revolution“ mit dem Begriff Gender und mit der politischen Agenda des Gender-Mainstreaming verbunden. Ihr zufolge behaupte die Gender-Theorie (gemeint ist Judith Butler), dass es Männer und Frauen gar nicht gibt. Denn: „Gender ist nicht an das biologische Geschlecht gebunden, dieses spielt überhaupt keine Rolle.“ Geschlechtliche Identität sei daher „freischwebend und flexibel“, „ein Verhalten, das sich jederzeit ändern kann“. Manche mögen hier beispielhaft an den homosexuellen Transvestiten Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst denken, der/dem das Geschlecht letztlich „wurst“ zu sein scheint.

Eine pseudowissenschaftliche Kritik

Kubys Einfluss auf Bischöfe und deren Äußerungen zum Thema Gender ist nicht zu unterschätzen. Ihr Buch hat sie Papst Benedikt XVI. persönlich überreicht – schon zwei Monate später kritisiert er in der Ansprache zum Weihnachtsempfang 2012 die „anthropologische Revolution“ der Gender-Philosophie. Hier sei das Geschlecht „nicht mehr eine Vorgabe der Natur, die der Mensch annehmen und persönlich mit Sinn erfüllen muss, sondern es ist eine soziale Rolle, über die man selbst entscheidet“. Das stünde klar im Widerspruch zu den biblischen Schöpfungserzählungen. Wenn es gemäß der Gender-Theorie „nur noch den abstrakten Menschen gibt, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt“, dann sind „Mann und Frau in ihrem Schöpfungsanspruch als einander ergänzende Gestalten des Menschseins bestritten. Wenn es aber die von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau nicht gibt, dann gibt es auch Familie als von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit nicht mehr.“
Gender zerstört die Familie, lautet eine Kurzformel Kubys. Ist dem so? Wie ich an anderer Stelle (in der Zeitschrift Herder Korrespondenz, 09/2014) im Disput mit Gabriele Kuby ausführlich dargelegt habe, sind deren Auffassungen von Gender wissenschaftlich unhaltbar. Kubys Gender-Kritik – sie spricht, wie auch viele Bischöfe, nur pejorativ von der Genderideologie bzw. vom Genderismus – basiert auf vorurteilsgespeisten Argumentationsstrategien. Hiermit behauptet sie jenseits einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien (diese gibt es nur im Plural und nicht im kritisierten Singular) ein kulturrevolutionäres Szenario, das keineswegs „sternenweit von nationalsozialistischen und kommunistischen Terrorsystemen entfernt“ sei. Damit verfehlt Kuby den Ansatz wie auch die Intention der Gender-Studies völlig.
Letztlich stellt die These von der freien Wählbarkeit des Geschlechts, „die jederzeit veränderbare Selbsterfindung“ (Kuby), eine Kreation von Teilen rechter Kreise in Politik und Kirche dar. Judith Butler hat in einem Interview auf diese ihrer Theorie öfter unterstellte These erwidert, dass sie „ja nicht verrückt“ sei, denn sie „bestreite keineswegs, dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Doch wenn wir sagen, es gibt sie, müssen wir auch präzisieren, was sie sind, und dabei sind wir in kulturelle Deutungsmuster verstrickt.“ Das biologische Geschlecht (engl. sex) als „Vorgabe der Natur“ (Benedikt XVI.) ist somit keinesfalls bedeutungslos, es ist aber immer schon durch sozial und kulturell vermittelte Interpretationen des Geschlechts (engl. gender) formiert.

Theologische prekäre Lagen überwinden

Mit dem Begriff Gender wird also die biologisch fundierte Zweigeschlechtlichkeit nicht einfach zugunsten eines abstrakten Menschen aufgelöst. Sehr wohl impliziert er aber Konsequenzen, denen man sich in der katholischen Kirche bislang verweigert. Zum einen verunmöglicht das komplexe Ineinander von Sex und Gender, die Rede von männlichen und weiblichen Stereotypen, die bereits „von Natur aus“ begründet seien. Die Kategorien Mann und Frau existieren niemals jenseits soziokultureller Prägungen. Sie unterliegen darum Veränderungen, die ein fixiertes Bild von Mann oder Frau verwehren.
Zum anderen ermöglicht der Begriff Gender, auch jenen Körpern ein Gewicht zu verleihen, die in der – nicht nur natürlich begründeten, sondern ebenso sozial gestalteten – heteronormativen Matrix als geschlechtlich falsch Identifizierte gelten. Solchen Menschen – gemeint sind Schwule und Lesben sowie Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle – wurde aufgrund dieser Matrix, so Butler, seit jeher „mit den Mitteln des Ausschlusses“ begegnet. Damit wurde ein Bereich von „verworfenen Wesen“ geschaffen, die in „,nicht lebbaren‘ und ,unbewohnbaren‘ Zonen des sozialen Lebens“ existieren mussten. Ein zentrales Anliegen Butlers ist es daher, ein „erweiterungsfähiges und mitfühlendes Vokabular der Anerkennung“ zu etablieren, um den Bereich des lebbaren Lebens ausweiten und jenen des verworfenen Lebens überwinden zu können. Mit dieser mitfühlenden Erweiterung geht es ihr nicht um die Zerstörung von Familie. Wohl aber darum, dass davon abweichenden Existenz- und Lebensweisen nicht Verwerfung, sondern gleichermaßen soziale Anerkennung zuteil wird.
Der katholischen Kirche wird ein konstruktiv-kritischer Dialog mit dem Gender-Anliegen nur gelingen, wenn sie die Rezeption der pseudowissenschaftlichen Gender-Kritik von Kuby, Kelle und Gleichgesinnten unterlässt. Ignorieren wäre aus wissenschaftlicher Sicht angesagt, um die Blockade eines differenzierten Diskurses aufheben zu können. Freilich besagt Gender eine massive Infragestellung jener Form der naturrechtlichen Begründung, die kirchlichen Aussagen zu Ehe, Familie und Sexualität zugrunde liegt. Seit Längerem wird aber ebenso innerhalb der Theologie darauf verwiesen, dass die Natur nie „von sich aus“ normativ ist, sondern nur entlang einer an sie adressierten menschlichen Deutung, die stets auch soziokulturell formiert ist.
Zugunsten der Eindeutigkeit der Lehre wird dieser Deutungsvorgang aber meist verborgen gehalten und stattdessen ein ahistorisches „natürliches Gesetz Gottes“ apostrophiert. Doch viele Frauen finden sich in kirchlichen Aussagen über ihr natürliches, gottgewolltes Wesen nur bedingt wieder. Und geschlechtlich anders Orientierte stehen einer Schöpfungsordnung gegenüber, in der sie nicht vorkommen. Ihr Status ist und bleibt „objektiv ungeordnet“. Das bewirkt theologisch prekäre Lagen. Wie kann dann noch glaubhaft vermittelt werden, dass Gottes unbedingte Zuwendung alle Menschen umfasst? Denn nur ein in dieser Zuwendung gründendes gewürdigtes Leben kann als gutes Leben entdeckt und geführt werden. Über dieses Würde-Ethos wäre auf der Bischofssynode primär zu debattieren.

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