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41/2015 - Nagelprobe des Pontifikats (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 10:23
Nagelprobe des Pontifikats

Die Spannungen zwischen Konservativen und Liberalen auf der Bischofssynode zum Thema Familie sind keine „Inszenierung der Medien“. Es geht ans Eingemachte.


| Von Otto Friedrich


Dem gelernten Katholiken ringt es ein müdes Lächeln ab, wenn Kardinal Reinhard Marx von einer „Inszenierung der Medien“ spricht. Der deutsche Bischofskonferenzvorsitzende bewertete so die Rede von einer Spaltung der in Rom tagenden Familiensynode in ein konservatives und progressives Lager. Dabei tun die Protagonisten der Parteiungen viel dazu, dass sich dieser Eindruck verfestigt, oder sie wirken an der Inszenierung unverblümt mit. In letzter Zeit formierte sich medial und lobbymäßig vor allem das konservative Lager: Ein kurzer Blick in einschlägige Homepages erweckt den Eindruck, die katholische Kirche stehe knapp vor dem Glaubensabfall, wenn nur ein Jota an lehramtlichem Rigorismus aufgeweicht würde.
Dem entgegen steht eine Flut an theologischen Auseinandersetzungen der „Gegenseite“: Man kann fast täglich sehen, dass in den Schubladen seit Jahren zuhauf Argumente gegen die unerbittliche (Moral-)
Lehre, mit der die katholische Kirchenspitze die 50 Jahre seit dem Konzil zu überdauern suchte, daliegen und endlich in die offene Diskussion kommen, ohne dass deren Autoren fürchten müssen, von den Glaubenswächtern nachhaltig in die Schranken gewiesen zu werden. Papst Franziskus hat den Deckel des Druckkochtopfes gelockert – mit noch nicht absehbaren Folgen.

Institution Kirche an Wirklichkeit der Menschen heranführen

Oder vielleicht doch, wagt man den Blick über den Rand ebendieses Kochtopfes einer heiligen, im Wortsinn überirdischen Institution, um Erfahrungen aus der profanen Welt wahrzunehmen. Derartige gibt es gleichfalls zuhauf – nicht nur ermutigende. Da implodierte vor 25 Jahren bekanntlich ein totalitäres System, weil zwar „Offenheit“ (Glasnost) angesagt war, der „Umbau“ des Systems (Perestroika) damit aber nicht Schritt hielt.
Man versteht die (konservativen) Ängste angesichts solcher His*torie, dass ein „Aufweichen“ von Positionen in den Untergang führen könnte. Dennoch will man diesen Befürchtungen nicht nachgeben, denn das würde bedeuten, die katholische
Kirche in den Geruch eines totalitären Systems wie des realen Sozialismus zu bringen … Papst Franziskus ist aber erkennbar angetreten, die Institution Kirche an die Wirklichkeit der Menschen her*anzuführen. Kein Thema eignet sich da besser als die Morallehre, die ja eigentlich der Gottesfrage und der „frohen Botschaft“ der Christen nachgereiht sein sollte.

Die Gottesfrage wieder zum Primat machen

Die katholische Wirklichkeit sieht freilich anders aus, wiewohl gerade hierzulande längst evident ist, dass sich auch die katholische Kernschicht von kirchlichen Beziehungs- und Schlafzimmerwächtern nichts mehr sagen lässt. Mit guten Gründen.
Es gerät zur Nagelprobe dieses Pontifikats, ob es gelingt, in der katholischen Kirche wieder die Gottesfrage zum Primat zu erheben und die Konsequenzen daraus für ein gelingendes Leben im Diskurs mit der (Lebens-)
Welt zu entwickeln. Ob eine Versammlung mehr oder weniger betagter, zölibatär lebender Männer da der Weisheit letzter Schluss ist, darf ebenso bezweifelt werden, wie auch die bischöflichen Versicherungen über den brüderlichen Geist der Zusammenkunft bestenfalls etwas übers Atmosphärische, aber nichts über den inhaltlichen Weg der Kirche aussagen.
Abgesehen von systemischen Fragen an die Institution kreist die Auseinandersetzung wesentlich um die Frage der Freiheit – um die Freiheit auch des Christenmenschen, selber zu moralischen Urteilen zu kommen, auch seine Lebensentwürfe betreffend. Doch gerade die Freiheit des Gewissens, die in der Theorie ja auch „katholisch“ verbrieft ist, bleibt eine unsichere Sache. Die Ängste, dass Gewissheiten (noch mehr) wegbrechen, treiben die Lordsiegelbewahrer der vermeintlich reinen Lehre um. Und das eint die Konservativen auf der Synode mit den auf der Klaviatur der Angst Spielenden, die in Europa oder in Österreich oder auch in Wien zurzeit politisch reüssieren. Der Streit in Rom ist also keineswegs aus der Zeit gefallen.

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