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51/2015 - Selig die Barmherzigen (Otto Friedrich)
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Alt 16.12.2015, 10:32
Selig die Barmherzigen

Das „Jahr der Barmherzigkeit“ betrifft nicht nur die katholische Kirche. Barmherzigkeit ist eine Haltung, wo sich auch Christen und Muslime in ihrem Glauben treffen könnten.


| Von Otto Friedrich

Nun ist in der katholischen Welt die erste Woche des „Jahres der Barmherzigkeit“ vorbei, auch hierzulande haben die Bischöfe in Kathedralen und markanten Orten „Heilige Pforten“ eröffnet, die den Fokus auf Barmherzigkeit sinnfällig symbolisieren. Papst Franziskus, dieser Meister der Symbolpolitik, hat ja – schon eine Woche vor dem offiziellen Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit – Ende November in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, das dortige Heilige Tor aufgestoßen und damit mehr gesagt, als er sagte: in einem der ärmsten Länder der Welt, in dem einander Christen und Muslime auch heute Gewalt antun, ein Ursprungsort der Migrationsbewegungen, die ja Europa nun hautnah erlebt. Besser war nicht zum Ausdruck zu bringen, wo Barmherzigkeit anzusetzen hat. Und die Welt erfuhr einmal mehr, wie Franziskus ebendieser – und natürlich auch seiner Glaubensgemeinschaft – den Weg weist.
Dass ihm letztere nach wie vor nicht vorbehaltlos folgt, zeigt auch die Kritik, die aus den Reihen der katholischen Kirche gleichfalls zu vernehmen ist – aus unterschiedlichen Lagern. Da bemängeln Vertreter des „liberalen“ Kirchenflügels, dass Barmherzigkeit einen paternalistischen Zug habe, mit dem man trefflich einiges in der Kirche behübschen könne, ohne an die Strukturen zu rühren – à la: Seid nett zu den wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen … Das alles ist nicht falsch, wiewohl solcher Kritik auch etwas Provinzielles anhaftet.

Bis in die Paranoia reichende Anwürfe

Wesentlich schärfer fährt das konservative bis reaktionäre Lager gegen das päpstliche Ansinnen auf. Auf den einschlägigen Internetseiten werden Franziskus’ Barmherzigkeitsaufrufe mit dem Kampfvokabel „Irrlehre der Allversöhnung“ heruntergemacht, er verrate damit die Wahrheit, setze die Religionen gleich, schaffe die Sünde ab, leugne die Hölle usw. Von derartigen Anwürfen ist es dann nicht mehr weit zu Verschwörungstheorien vom Untergang des Christentums, wenn nicht gleich apokalyptische Szenarien beschworen werden.
Es nützt wohl wenig, diesen bis in die Paranoia reichenden Vorwürfen etwa die Bergpredigt entgegenzuhalten: In diesem zentralen biblischen Text des Christentums werden die Barmherzigen gepriesen – und ebenso die Friedensstifter, die gewaltlos Lebenden, die Verfolgten, die Armen, die Trauernden – also das ganze Programm, das dieser Papst so engagiert vorträgt.

Gemeinsamer Nenner von Juden, Christen und Muslimen

In Misericordiae vultus, dem Papstschreiben zum Jahr der Barmherzigkeit, meint Franziskus: „Die Barmherzigkeit ist auch über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam. Sie verbindet uns mit dem Judentum und dem Islam, für die sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstellt.“ Das ist eine der Positionen, die von der innerkatholischen Opposition so vehement bekämpft wird. Dabei stellt dieser Satz einen Hoffnungsanker dar, mit dem die Religionen in der so verwundeten Gegenwart einen gemeinsamen Nenner in Richtung Frieden und Zukunft finden könnten. Wenn es gelänge, mit der durch Gewalt zerrissenen islamischen Welt über den göttlichen Beinamen der Barmherzigkeit in ein fruchtbares Gespräch zu kommen, wäre viel gewonnen.
Aber der fundamentalistische Gegenwind ist auf allen Seiten spürbar. Die Wortführer der muslimischen Spielart, die in der eigenen Religion nach wie vor wirkmächtig sind, tönen ja bis in die Wortwahl gleich wie die christlichen Bewahrer der reinen Lehre: Als der islamische Theologe und FURCHE-Kolumnist Mouhanad Khorchide sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ veröffentlichte, warfen ihm Kritiker aus den eigenen Reihen sogleich vor, er verkürze den Islam, schaffe Gott als Richter ab etc.
Man darf sich vom Gegenwind dennoch nicht beirren lassen. Den Katholiken, aber auch der Welt will der Papst mit dem „Heiligen Jahr“ ins Stammbuch schreiben, dass sie sich an der Haltung der Barmherzigkeit ausrichten sollen. Ohne Wenn und Aber.

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