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52/2015 - Glaube, Kultur, Tradition (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 22.12.2015, 09:52
Glaube, Kultur, Tradition

Weihnachten eignet sich in besonderer Weise für Debatten um kulturelle Identität und christliche Werte. In diesem Sinne ist es jedenfalls das vielzitierte „Fest der Feste“.


| Von Rudolf Mitlöhner

Es gibt kein zweites Fest, an dem sich so sehr das Ineinander von Glaube und Kultur, von religiösem Kern und um diesen herum gewachsenen Traditionen veranschaulichen lässt, wie Weihnachten. Diese enge Verwobenheit wird von zwei Seiten aufzulösen getrachtet: jenen, die mit dem religiösen Gehalt explizit nichts zu tun haben wollen – und jenen, die gerade diesen religiösen Gehalt vom „Drumherum“ befreien und solcherart wieder freilegen wollen.
Zusätzliche Nahrung erhält die Sache durch die im Zuge der Massenmigration sich verschärfende Auseinandersetzung um Identität und Werte. „Ein Christentum, das in erster Linie als zu bewahrendes kulturelles Erbe verstanden wird, ist kein Christentum“, schreibt Michael Prüller in der Presse am Sonntag. Das ist zweifellos richtig. Aber wirkmächtig konnte das Christentum nur werden, weil es eben auch als geistig-kulturelles Erbe tradiert wurde; genauer gesagt: weil es in Kultur und Brauchtum, in bildender Kunst, Musik, Literatur ebenso seinen Niederschlag gefunden hat wie im Alltag des Jahreskreises der Menschen.

Entwurzelung

Prüller zitiert auch den Philosophen Slavoj Žižek, der mit Blick auf das Christentum (als linker Atheist anerkennend) vom „Erlösenden“ der „Entwurzelung“ spricht. Auch daran ist etwas Wahres: Von Paulus bis Mutter Teresa waren es immer Ausnahmegestalten, die alles hinter sich gelassen haben, bis ans Äußerste gegangen sind, welche das Evangelium zum Strahlen gebracht haben: Heilige, Märtyrer, Glaubenszeugen. Wobei sich die Frage stellt, ob nicht gerade diese Menschen ganz starke Wurzeln hatten, also alles andere als „entwurzelt“ waren.
Aber solche Radikalität ist nicht jedermanns Sache, kann es nicht sein – und muss es auch nicht sein. Die „Erfolgsstory“ des Christentums verdankt sich auch der Tatsache, dass unzählige Menschen in den Worten und Bildern, welche die christliche Tradition bereithält, Trost und Halt gefunden haben, ein Stück Orientierung in den Wechselfällen des Lebens. Und es gibt kein Jesuswort, das nahelegen würde, solches gering zu veranschlagen.
Deswegen irritiert auch das immer wieder versuchte Gegeneinander-Ausspielen von „Kulturchristentum“ und „echtem“ bzw. „wahrem“ Glauben. Religion, die sich in Kultur und Brauchtum erschöpft, ist keine, wohl wahr. Aber nicht minder gilt doch, dass Glaube immer auch Kultur werden muss, will er lebendig und prägend bleiben. Nur Eiferer und Sektierer unterschiedlichster Provenienz wollen den religiösen Kern freihalten von allem unnützen Tand, von allem Weltlichen und Menschlichen. Erlischt freilich der Glutkern, dann erkaltet auch, was von ihm Licht und Wärme beziehen sollte – dann bleiben Musealisierung einerseits und billige Kommerzialisierung oder Trivialisierung andererseits.

Selbstbewusstsein

Wenn das hier Gesagte stimmt, dann sind aber auch die Werte- und Identitätsdebatten gerade aus christlicher Perspektive nicht obsolet. Gelegentlich wird ja so getan, als ob christliche Identität gerade darin bestünde, auf jegliche Identität, auf jeglichen Anspruch auf Selbstdefinition zu verzichten. Aber den Christen ist nicht aufgetragen, sich möglichst unkenntlich, verwechselbar zu machen, sich – gar im Zeichen von „Antidiskriminierung“ – unauffällig zu verhalten, sondern auf gelassener Zuversicht gründendes Selbst-Bewusst-Sein.
„Die nötige Selbstvergewisserung kann […] nur vor dem Hintergrund einer radikalen Reform unserer erstarrten Denk- und Debattenkultur geschehen: Die politisch-korrekte Überstrapazierung des Diskurses gehört ebenso überwunden wie die mittlerweile offensichtlich mehrheitsfähige Haltung des universalen Kulturrelativismus.“ Dem Befund des Schweizer Monat-Chefs René Scheu ist wenig hinzuzufügen, außer, dass ihn sich auch und gerade Christen zu Herzen nehmen sollten.

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