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01/2016 - Wohin wir uns die Latte legen
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Ungelesen , 10:12
Wohin wir uns die Latte legen

In puncto Idealismus ist die Moraltheologie die Stabhochspringerin unter den theologischen Disziplinen. Was aber, wenn die Latte zu hoch liegt? Über den Umgang mit dem Scheitern an eigenen Idealen.

| Von Angelika Walser und Andreas Michael Weiss

Jeder kennt sie, die guten Vorsätze zum Jahreswechsel: endlich das Wunschgewicht erreichen; täglich eine Runde joggen und Yoga; dem Chef die Meinung sagen; mehr Zeit für Familie und Freundschaften haben; auf das Wesentliche achten ... Die Vorsätze sind Legion. Warum eigentlich? Es ist der unerschütterliche Glaube an die Freiheit des Menschen und an seine Fähigkeit, etwas zum Besseren zu verändern. Die Psychologen in den Lifestyle-Magazinen predigen, dass man alles erreichen kann, wenn man es nur ernsthaft will: die heile Familie, die erfüllende Arbeit, die Völkerverständigung und den Weltfrieden. Dabei wissen alle, dass persönliche Neujahrsvorsätze fatal internationalen Klimaschutzkonferenzen ähneln: pompöse Abschlusserklärungen mit vielen hochfliegenden Zielen – und am Ende die traurige Realität, in der wieder einmal nichts geschehen ist.

Auf das Scheitern anstoßen

Wie reagieren? Eine Möglichkeit besteht darin, aus der Not eine Tugend zu machen: Bei Scheidungs- oder sogenannten „FuckUp-Parties“ bankrotter Jung-
unternehmer (vgl. kommende Seiten) kann man gemeinsam auf das eigene Scheitern anstoßen. Man hebt die Gläser hoch und pfeift gleichzeitig auf die guten Vorsätze und alle hochfliegenden Pläne. Irgendwann aber ist jede Party einmal zu Ende. Dann wird man sich im stillen Kämmerlein eingestehen: Scheitern ist nie besonders sexy. Weder bei einem Konkurs noch bei einer Ehe. Und schon gar nicht, wenn Burnout oder Arbeitslosigkeit drohen. Da gibt es schlicht nichts mehr zu feiern.
Wie also umgehen mit dem Scheitern? Theologische Ethik hat einiges Tröstliches anzubieten, wenn die Latte der Ideale nicht genommen wurde oder in die staubige Realität zu Boden gekracht ist.
1. Die Latte liegt jenseits des Möglichen: Ultra posse nemo tenetur lautet ein alter
moraltheologischer Grundsatz. Manches liegt einfach nicht im Bereich des persönlich Möglichen. Weil die Latte zu hoch liegt und man sich zu viel vorgenommen hat. Auch Neujahrsvorsätze entspringen ja nicht immer einem lichten Moment von Selbsterkenntnis, sondern verdanken sich oft eher dem depressiven Rückblick auf das alte bzw. dem emotionalen Überschwang angesichts des neuen Jahres. Nüchtern betrachtet war die Chance auf Umsetzung von Anfang an gering. Wer solchermaßen an persönlich nicht umsetzbaren Idealen scheitert, hat sich nichts vorzuwerfen.
Das bedeutet nicht, in Zukunft auf diese Ideale zu verzichten. Gerade religiöse Traditionen sind geradezu eine Schatztruhe an wertvollen Idealen. Aber bescheidener zu werden und sich selbst und seinen Mitmenschen nicht ständig Druck zu machen, wäre ein Anfang. In kleinen Schritten denken und auch das halbvolle Glas wertschätzen. Gradualitätsprinzip nennt das die theologische Ethik, und man kann dabei viel von der Pädagogik lernen: Dort wird ein mittleres Anspruchsniveau empfohlen.
2.Es ist die falsche Latte: Manchmal ist das vermeintliche Scheitern an Idealen ein Glücksfall, nämlich dann, wenn sie falsch sind. Auch Ideale benötigen gute Gründe. Manche von ihnen verdienen schlicht und einfach Kritik und Widerspruch – etwa dann, wenn sie darin bestehen, sich in selbstloser Weise für falsche Ziele aufzuopfern. Auch an dieser Stelle haben sowohl Religionen als auch säkulare Ideologien reichlich Beispiele vorzuweisen: Eine so genannte Idealfigur stellt sich aus medizinischer Sicht als krankhaft und selbstschädigend dar; überkommene kirchliche Ideale im Bereich traditioneller Sexualmoral haben soeben die Bischöfe der katholischen Kirche bei der Familiensynode in Rom beschäftigt.
Alles kein Grund, auf Ideale zu verzichten, aber ein Grund zu kritischem Denken, dem zentralen Ideal ethischer Reflexion. Abgesehen davon, dass sich historisch häufig oft viel später zeigt, ob es die falsche oder die richtige Latte war. Aus heutiger Sicht war etwa die Wehrdienstverweigerung eines Franz Jägerstätter kein Scheitern, sondern die einzig richtige Antwort auf die Ideale seiner Zeit.
3. Da müssen andere ran: Selbst wenn etwas ideal und richtig ist, ergibt sich daraus nicht notwendig, dass es jeder Mensch verwirklichen muss. Die Moraltheologie spricht dann von supererogatorischen Handlungen. Sie sind keine strenge Pflicht, aber doch eine Empfehlung, ein Rat. Vieles ist wünschenswert. Ob es aber ein richtiges Ideal für den Einzelnen ist, hängt von den konkreten Umständen ab.
Das klassische theologische Beispiel dafür sind die evangelischen Räte: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Nicht jeder kann so leben – abgesehen davon, dass dann die Menschheit bereits ausgestorben wäre. Säkular wäre der Gedanke ebenfalls anwendbar: Universitäten wollen im Ranking immer möglichst weit nach oben. Mit minimalem mathematischem Sachverstand weiß man aber, dass immer nur wenige ganz oben sein können. Die Wissenschaft braucht nicht nur Nobelpreisträgerinnen und die Arbeitswelt nicht nur Chefs. Ohne den verlässlichen Kollegen und die Kollegin, die die Tagesarbeit macht, wäre das Eis für die vermeintlichen Spitzenleistungen dünn. Nochmals: Kein Grund zum Verzicht auf Ideale. Doch sollten sie zu demjenigen, der sie verwirklichen will, auch passen. Und zu dem, was die Menschheit wirklich braucht.

O glückliche Schuld!

4. Ich habe es nicht geschafft: Manchmal darf man es sich vielleicht einfach eingestehen: Ich habe es nicht geschafft, und es tut weh. Alle Rationalisierungsversuche können das Nachklingen dieses Schmerzes nicht aus dem Bewusstsein löschen. „Schlechtes Gewissen“ nannte man das einmal. Wo es zugelassen wird, enthält es ein ehrliches Empfinden für die ernste Diskrepanz zwischen dem Idealbild, das man so gerne von sich selbst hat, und dem, was der Schaden des ernsthaften Scheitern für einen selbst und die Mitmenschen bedeutet.
Ohne entsprechenden Grund wissentlich einen nennenswerten Schaden zu verursachen, nennt man in der Moraltheologie Schuld. Das Beunruhigende daran ist, dass sichtbares Scheitern manchmal zur Offenbarung innersten Wollens wird. Manchmal werden hier leider auch Charaktereigenschaften sichtbar, deren Aufdeckung unangenehm ist: Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Lieblosigkeit. Paradoxerweise könnte im ehrlichen Eingeständnis, was schiefgelaufen ist, die Chance zu Umkehr und Neuanfang liegen. Freilich ist das Eingeständnis des eigenen Versagens in unserer Gesellschaft schwierig geworden. Schuld ist nie nur eine individuelle Angelegenheit; ein konstruktiver Umgang mit ihr ist auf soziale Rahmenbedingungen angewiesen. Wo im Namen eines moralischen Perfektionismus Sündenbockstrategien dominieren und Tabuisierung oder auch Doppelmoral gefördert wird, ist es schwierig bis unmöglich, eigenes Versagen einzugestehen. Das gilt für gesellschaftlichen wie für kirchlichen Leis-tungsdruck.
Realistische Selbsteinschätzung beinhaltet jedoch das, was man altmodisch „Demut“ nannte: den Mut zuzugeben, dass man eben nicht perfekt ist und es auch gar nicht sein muss. Nicht umsonst spricht die Theologie von der „glücklichen Schuld“, der felix culpa. Was angenommen ist, ist auch erlöst. Das ist besser als jede moralische FuckUp-Party.


| A. Walser ist Professorin und A. M. Weiss Assistenzprofessor für Moraltheologie an der kath.-theol. Fakultät der Uni Salzburg |

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