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01/2016 - Versager im Rampenlicht
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Ungelesen , 10:13
Versager im Rampenlicht

Fehler machen oder gar scheitern – was sonst gern unter den Teppich gekehrt wird, rücken nun Veranstaltungsreihen bewusst ins Zentrum.

| Von Doris Neubauer


Es ist ein Ballungsraum der Ambitionen, das Wiener Impact Hub im 7. Gemeindebezirk. Ein Co-Working- und Versammlungsraum, an dem Menschen normalerweise ermutigt werden, ihre Träume zu verwirklichen, über die berühmten Grenzen der Komfortzone hinauszugehen. Genau hier, wo Start-ups gegründet werden und Kooperationen ihren Anfang haben, geht es seit einigen Monaten in unregelmäßigen Abständen einen Abend lang um die Angst vor dem Misserfolg und ums Scheitern. „Fear & Failure Meetup“ heißen die Community-Events, an denen sich mittlerweile bis zu hundert Interessierte versammeln. Einmal nicht, um Erfolgs-, sondern um Versagensgeschichten zu hören.
„Wir sind auf den Hype-Zug der TED-Talker und Super-Start-Ups aufgesprungen und dachten, es geht so einfach wie im Film. Der eigene Zug wird immer schneller, und das Spielzeuglenkrad in der Hand vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle“, erzählt Olivio Sarikas, der erste von vier Gescheiterten – auch genannt „fearless speakers“ – des Abends, „das war natürlich ein Irrtum. Alle haben es gewusst und zugeschaut, als wir in den Abgrund gerollt sind. Nur uns hat das Scheitern überrascht. So wie eine Fliege, die gegen die Windschutzscheibe knallt.“ Die Geschichte des Unternehmers kommt wohl vielen bekannt vor.
31.258 Menschen wagten 2014 den Schritt in die Selbstständigkeit, so die aktuelle Gründerstatistik der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Insgesamt wurden 2014 mit 37.054 Neugründungen um 108 Unternehmen mehr registriert als noch im Jahr zuvor – und das, obwohl es die österreichische Bürokratie den Neugründern sicher nicht leicht macht. Als Erfolg verkauft die heimische Wirtschaft die Zahlen lautstark. Doch dann herrscht Schweigen. Darüber zum Beispiel, dass von zehn im Jahr 2007 gegründeten Unternehmen bereits ein Jahr später eines nicht mehr am Markt tätig war. Die 2-jährige Überlebensrate laut Statistik Austria betrug 83,6 Prozent, nach drei Jahren waren lediglich drei Viertel und nach vier Jahren rund zwei Drittel dieser Unternehmenskohorte aktiv, und nach acht Jahren waren noch gut die Hälfte der 2004 neugegründeten Unternehmen aktiv. Was passierte mit den anderen 48,2 Prozent?

Erfolgreiche Vorbilder scheiterten einst

„Es gibt unzählige Brands, die bei Seminaren und in Workshops ihre originellen Produkte herzeigen und ihre Erfolgsgeschichte präsentieren“, berichtet Sarikas, der selbst als Designer, Marketer und Consulter mit vielen Start-ups zu tun hat, „dass einige dieser Brands aber noch nie einen Kunden hatten, und manche nicht mal einen funktionierenden Prototypen, verrät dir allerdings niemand.“ Bisher.
Sarikas ist nämlich nicht der einzige „Business-Versager“, der jetzt öffentlich darüber spricht, worüber sonst – beschämt, peinlich berührt – geschwiegen wird. Auch heute erfolgreiche internationale Unternehmer wie Chocolatier Josef Zotter, Stephan Grad von aCommerce, Chris Leeb von 42Angelitos oder der Autor sowie Strategieberater Gerhard Scheucher können ein Lied davon singen. Letzterer hat seine Geschichte nicht nur im Buch „Die Kraft des Scheiterns“ mutmachend verarbeitet, er hat sie außerdem bei einer „FuckUp-Night“ in aller Öffentlichkeit erzählt. Seitdem die Veranstaltungsreihe 2012 von fünf Freunden in Mexiko gegründet wurde, ist sie auf Siegeszug: Mittlerweile erzählen Unternehmer in 93 Städten in 33 Ländern der Welt davon, was es heißt, Angst vor dem Versagen zu haben, Fehler zu machen, auf den Allerwertesten zu fallen – und wieder aufzustehen. Seit 2014 auch in Österreich.
„Durch Erfolg kann man nicht lernen“, fasst der „Fear & Failure“-Initiator Jose Antonio Morales das Credo beider Events zusammen. Weiterentwicklung findet erst durch Herausforderungen statt. Der in Slowenien lebende Peruaner und ehemalige Partner Area Lead von Microsoft im CEE Raum weiß, wovon er spricht. Er kennt das Gefühl, mit einem Unternehmen zu scheitern aus eigener Erfahrung, nur zu gut. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass der IT-Experte, der mit seiner „Lincoln Island Research Society“ verschiedene Networking-Events organisiert, stolz darauf ist.

Den eigenen Weg gehen

„Verlass dich nicht auf Erfolgsrezepte von anderen. Höre auf deine Kunden und ihre Wünsche“, ist Olivio Sarikas durch sein erstes berufliches Scheitern jedenfalls klar geworden. Mittlerweile setzt er statt auf Hauruck-Aktionen auf organisches Wachsen. Gelernt hat auch Ermutigungscoach Julia Fabich: „Ich musste auf mich selbst schauen, bevor ich anderen helfen konnte“, erhielt sie ihre Lektion ausgerechnet in dem Moment, als sie ihrer Intuition folgte und das eigene Unternehmen „Mut tut gut“ gründete. Die Gesundheit spielte ihr einen Streich und zwang sie zur Pause. „Als ich aus dem Arztzimmer kam, wollte ich am liebsten in Tränen ausbrechen“, erzählt die Wienerin offen, „stattdessen habe ich mich entschieden, aus vollem Herzen zu lachen. Ich wusste, daraus wird eine gute Geschichte. Irgendwann einmal, nur nicht jetzt.“ Wie sich beim „Fear & Failure Meetup“ herausstellte, hatte sie recht. „Wenn sich jemand öffnet und über Angst sowie Scheitern erzählt, dann schafft das eine starke Verbindung mit dem Publikum“, weiß Morales von seinen bisherigen Konferenzen, „die Teilnehmer werden zu Freunden, und es fühlt sich so an, als ob wir einander schon seit Langem kennen würden.“ Ein Phänomen, das auch im Impact Hub nicht ausbleibt.

Perfekte Fassaden bröckeln

Genauso wenig wie die Überraschung darüber, wie sehr sich die Auf und Abs des Lebens doch ähneln. Es hätte wohl jeder der Zuhörer genauso auf dem Podium stehen können. Denn auch wenn es oft in unserer aufgeplusterten Welt der Selbstdarstellung und inszenierten Erfolge für Facebook und Co. nicht so aussieht: Das Gefühl der Angst und des Scheiterns macht vor keinem Halt. Noch nicht einmal vor demjenigen mit der perfektesten Fassade.
Dabei sind es nicht immer nur die Geschäftspläne, die den Bach hinuntergehen. Was für die einen der vielversprechende Business-Plan, ist für die anderen die jahrelange Arbeitslosigkeit, die am Selbstwert kratzt wie kaum etwas. Oder das ungeplante Kind just dann, wenn die Karriere vollen Einsatz fordert. Oder die Krankheit, die die Erfolgswelle radikal zum Stillstand bringt. „Fearless“ berichten die Sprecher über ihre Angst vor dem Versagen, ihre Schicksalsschläge und ihr Scheitern.
Wenn Veranstaltungen wie „Fear & Failure Meetups“ oder „FuckUp-Nights“ eine einzige Botschaft haben, dann klar zu machen, dass es so etwas wie ein erfolgreiches Scheitern nicht gibt. Es gibt ja noch nicht einmal das Scheitern selbst. Denn wie beim Erfolg liegt die Definition auch hier immer im Auge des Betrachters, oder vielmehr des Erlebenden. Oft entstehen genau aus diesen Momenten, die wir im Jetzt als Misserfolg empfinden, im Nachhinein die besten Geschichten – und was macht uns Menschen mehr aus als unsere Geschichten? Vorausgesetzt wir haben keine Angst davor, sie zu teilen. Deshalb: „Be ready to fail a lot !“

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  20:08:28 07.18.2005