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01/2016 - Das bessere Ich
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Ungelesen , 10:19
Das bessere Ich

Warum formulieren wir eigentlich Ziele, wenn wir sie so selten einhalten? Und was wird aus Neujahrsvorsätzen in Zeiten von Jogging-Apps und Fitness-Trackern?

| Von Saskia Blatakes


Die Klassiker haben Konkurrenz bekommen. Endlich mit dem Rauchen aufhören, abnehmen, fitter werden, diese Vorhaben gehören seit Langem zu den klassischen Neujahrsvorsätzen. Doch in Zeiten von Work-Life-Balance und einer neuen Wertigkeit der Freizeit gibt es ein neues Diktat: Sei entspannt! „Heuer nehme ich mir nur eins vor: Ich will ausgeglichener sein“, sagt auch Laura C., Juristin und Mutter von zwei kleinen Kindern. „Meine Kinder, mein Job und mein Mann – irgendwie wollen alle ständig meine Aufmerksamkeit. Da kann man schon mal unrund werden.“ Wie sie zu neuer Gelassenheit gelangen will, hat sie sich noch nicht so genau überlegt. Zumindest prangt der Spruch „Keep calm and carry on“ (Ruhe bewahren und weitermachen) an ihrem Kühlschrank, und für einen Yoga-Kurs will sie sich auch endlich anmelden.
Helfen soll ihr auch eine Meditations-App, die sie sich kürzlich auf ihr Smartphone geladen hat. Sie soll sie daran erinnern, einmal täglich tief durchzuatmen und mit „positiven Affirmationen einen tiefen inneren Frieden zu finden“ – soweit der Werbetext. Ob die Software ihr helfen wird, ihren Plan umzusetzen? „Ehrlich gesagt stresst mich schon allein der Gedanke, nicht mehr so gestresst sein zu wollen“, lacht sie.

Unzufriedenheit und Neuanfang

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Enthusiastisch werden Vorsätze formuliert: weniger essen, mehr Sport treiben und dazu noch ganz entspannt und ausgeglichen sein. Aber was bringt es, Ziele zu formulieren, wenn die Erfolgsaussichten so gering sind? Vielleicht motiviert uns allein die irrationale Vorstellung eines Neuanfangs. Mit sich selbst unzufrieden zu sein und sich neu erfinden zu wollen, gehört zur Natur des Menschen.
Neujahrsvorsätze bedeuten vor allem, dass wir unser Leben zumindest einmal im Jahr ein wenig von außen betrachten und überlegen, ob wir so weitermachen wollen wie bisher. Was stört, was fehlt? Zu besseren Menschen macht uns das vielleicht nicht, aber wir brauchen Vorsätze, um uns persönlich weiterzuentwickeln.
Aber wieso gelingt uns das so selten? „Dass wir Vorsätze oft nicht einhalten, liegt daran, dass wir uns zu wenig überlegen, womit wir das Einhalten sichern können, wie wir mit ‚Störungen‘ umgehen“, sagt Christiane Spiel, Professorin für Angewandte Psychologie an der Uni Wien im Gespräch mit der Furche. „Wenn wir als Ziel haben, auf eine umfangreiche Prüfung eine gute Note zu bekommen, müssen wir uns den Stoff einteilen, einen Zeitplan machen, überlegen, welche Ressourcen wir brauchen, welche Lernstrategien am besten passen, wie wir mit Motivationsdefiziten umgehen und so weiter. Das alles macht man bei Vorsätzen oft zu wenig, mit den bekannten Effekten.“
Doch während früher die guten Absichten spätestens im Februar in Vergessenheit gerieten und die To-do-Listen an der Pinnwand verstaubten, erinnern uns heute Apps täglich an unser Versagen.
Das schlechte Gewissen ist nicht mehr nur ein komisch-nagendes Gefühl in der Bauchgegend, sondern es vibriert in der Hosentasche. „Geh joggen“, fordert das Handy, und es fragt: „Was hast du heute gegessen? Wie viele Kalorien hast du konsumiert? Teile es mit der Community!“
Quantified Self heißt die aus den USA stammende Bewegung, die auch in Europa immer mehr Anhänger findet, vor allem bei jüngeren Männern. Dabei geht es den Selbstvermessern längst nicht mehr nur um Fitness. Sie kämpfen nicht gegen den Bierbauch oder die schlechte Kondition, sondern vor allem gegen Kontrollverlust und ein diffuses Gefühl von Chaos.

Die Vermessung des Selbst

Selbstoptimierer wollen das Beste aus sich herausholen, die beste Version des eigenen Ichs schaffen. Eine extremere Variante sind Selbstvermesser, wie die US-Amerikaner Timothy Ferriss oder Ray Kurzweil. „Die Datenbank ist ihr Beichtstuhl, der Dienst an der Technik ihr tägliches Gebet“, schreibt die Schriftstellerin und Überwachungskritikerin Juli Zeh. Die Vermessung der Gesundheit beginnt frühmorgens. Der Fitness-Tracker, ein Plastikarmband mit smartem Innenleben, hat das Schlafverhalten aufgezeichnet. Wann der Selbstoptimierer zu Bett gegangen ist, wie ruhig oder unruhig er geschlafen hat – all das hat das Armband brav gespeichert. Der Selbst-Statistiker steht auf, steigt auf die Waage, misst sein Lungenvolumen, den Grad der Mundfeuchtigkeit und scannt unter Umständen gar die Pigmentierung der Haut. Nach dem – natürlich genauestens dokumentierten – Frühstück folgt der tägliche Intelligenztest. Alle Mahlzeiten und die sportliche Performance werden ohnehin gespeichert, online gestellt und – ganz wichtig – mit Anderen verglichen. „Sie sind keine Untertanen in einer Science-Fiction-Gesundheitsdiktatur, sondern Bürger demokratischer Staaten, die ihre Freiheit dazu nutzen, das eigene Leben in eine Statistik zu verwandeln“, schreibt Zeh.
Derart totalitär geben sich wohl wenige der absoluten Körper-Kontrolle hin. Aber der Trend ist klar ersichtlich. Smartwatches und Gesundheits- und Fitness-Tracker lagen heuer unter vielen Weihnachtsbäumen, der Umsatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.
Dazu kommt die Möglichkeit, einfach aus dem eigenen Handy einen permanenten Leistungssteigerungsapparat zu machen. Weniger Geld ausgeben, abnehmen, das Rauchen aufgeben – für jedes Vorhaben gibt es die passende App. Und damit man sie nicht einfach ignoriert, appelliert eine Vorsätze-App in regelmäßigen Abständen automatisch an unser schlechtes Gewissen.

Vorsätze das ganze Jahr über

Auch Harald F. sieht das durchaus positiv. Der Naturwissenschaftler verzichtet schon seit Jahren auf Neujahrsvorsätze. „Das brauch ich nicht. Einmal im Monat schau ich mir meine Laufstatistik an und setze mir neue Ziele, so kann ich mich ständig verbessern. Ich benutze eine Jogging-App, die mir genau sagt, wie viele Kilometer ich gelaufen bin und welches Höhenprofil ich dabei geschafft habe.“ Beim Joggen trägt er eine Pulsuhr und Kopfhörer, über die ihm ein „digitaler Trainer“ ansagt, wann er schneller oder langsamer laufen soll und wie hoch seine Herzfrequenz ist. Seine persönlichen Ergebnisse teilt er dann online, um sich zu vergleichen. „Das motiviert mich total“, sagt er.
Auch im Alltag gönnt er sich scheinbar keine Pause. In seinem Handy hat er einen Schrittzähler aktiviert, der durch Erschütterungen misst, wie viele Kilometer er zu Fuß geht. „So sehe ich auch an den Tagen, an denen ich nicht Joggen gehe, wie viel Bewegung ich habe.“ Im Job sitzt er bis zu zehn Stunden täglich, und in den letzten Jahren hat er immer wieder mit Rückenschmerzen zu kämpfen gehabt. Grund genug, sich selbst derart zu überwachen? „Ich war eigentlich immer schon sportlich, aber die Apps haben das sicherlich verstärkt, weil ich meine Erfolge jetzt schwarz auf weiß sehe.“
Auch sein Speiseplan wird in einer App verewigt. Er nimmt wenig Fett und Zucker zu sich und setzt auf proteinreiche Nahrung, um seinen Muskelaufbau zu unterstützen. „Ich trag immer alles ein und schwindle dabei auch nicht, sonst bringt das alles nichts.“
Woher kommt die Lust an der Körper-Kontrolle? Der Schriftsteller Ilija Trojanow schreibt in seinem Manifest „Der überflüssige Mensch“: „Wenn der Selbstoptimierer von inneren Werten spricht, meint er seine Blutwerte. In einer Welt, in der Arbeit zunehmend durch Automatisierung bestimmt wird, versucht sich der Mensch der funktionalen Zuverlässigkeit einer Maschine anzunähern. Er bildet sich ein, er könnte perfekt werden oder den Tod überlisten.“

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