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02/2016 - Gespräch der Gegner
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Ungelesen , 08:46
Gespräch der Gegner

Was Friedrich Heer mit dem „Gespräch der Feinde“ und dem „Leben in Konflikten“ schon anno 1949 vordachte, ist auch heute bleibend aktuell.

| Von Otto Friedrich

E s war ein epochaler Gedankengang, den der Kulturphilosoph Friedrich Heer (1916–83) mit seinem Konzept des „Gesprächs der Feinde“, vergleichbar in seiner intellektuellen Bedeutung vielleicht mit der Streitschrift des gleichaltrigen Stéphane Hessel (1917–2013) „Entrüstet euch!“, mit der der Philosoph und einstige Résistance-Kämpfer 2010, also 60 Jahre nach Friedrich Heer, Furore machte.
Denn der damalige FURCHE-Redakteur Heer hatte das „Gespräch der Feinde“ schon 1949 als Buch veröffentlicht. Sein Gedankengang dabei war einerseits noch von der Erfahrung der inneren Emigration des katholischen Intellektuellen im NS-Regime geprägt – das katholische Milieu überwinterte denkend, aber schweigend in diesem geistigen Feindesland. Andererseits propagierte Heer bereits in den ersten Jahren des Kalten Krieges die Notwendigkeit des Gesprächs mit den „neuen“ Feinden in Gestalt der Kommunisten und „realen“ Sozialisten.

Friedrich Heers roter Denkfaden

Es waren nicht viele, die das anno 1949 hören wollten – weder in der Rückschau auf die eben überwundene NS-Diktatur noch in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, der sich in jenen Jahren so brutal kirchen- und christenfeindlich gebärdete: Für die Betroffenen schien der Terror des einen Regimes da nur durch den des anderen ersetzt.
Die Sprache jener Tage ist heute zwar nicht mehr leicht zugänglich, wie ein Blick in jenen Auszug aus dem „Gespräch der Feinde“ zeigt, der in der FURCHE vom 10. Dezember 1949 nachzulesen ist. Beeindruckend bleibt dennoch, dass Heer in dem zitierten Beitrag ein Plädoyer für die Feindesliebe hält und gleichzeitig die Erkenntnis ausfaltet, dass für eine – auch gesellschaftliche – Lebens- und Existenzbewältigung die Auseinandersetzung mit dem „Feind“ nötig ist: „Wir müssen uns die Erkenntnis erzwingen, erkämpfen, dass wir den Gegner, den Feind brauchen, weil er oft unser zweites Ich verkörpert, immer einen nicht nur furchtbaren, sondern auch fruchtbaren Gegenpol zu uns darstellt, im Hin- und Herschwingen, zu dem erst unser eigenes Wesen seine volle Ausfaltung und Spannkraft erfahren kann, ein Spiegelbild unseres eigenen Selbst.“
Das „Gespräch der Feinde“ blieb Friedrich Heers roter Denkfaden. Die oben zitierte Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit dem Feind existenznotwendig wäre, hat Heer dann zu seiner Maxime erweitert, dass Frieden nichts anderes sei als „Leben in Konflikten“. Bereits 1952 datiert Heers erste Formulierung dieses Prinzips, ein Jahr später faltete er es im Nachfolgeband „Begegnung mit dem Feind“ weiter aus.

Auch auf der Probebühne der großen Welt

Noch kurz vor seinem Tod im September 1983 – damals war im Westen die Friedensbewegung aktiv – artikulierte Heer dieses Konfliktbewusstsein, auch in Abgrenzung zur Friedensbewegung. 1982 meinte er etwa in einem Gesprächsband der Radiojournalistin Dolores Bauer, er „glaube, dass 99,9 Prozent aller Teilnehmer an Friedensmärschen nicht wissen, was Frieden ist“. Im gleichen Jahr brachte es Heer in einem anderen Aufsatz so auf den Punkt: „Nur konfliktreiche, konfliktstarke, also ihrer eigenen Konflikte bewusste Menschen sind fähig zur Freude, es mit ganz anderen immer wieder neu aufzunehmen, und fähig, die Berührungsängste zu überwinden, um möglichst hautnah an einen Gegner, den sogenannten Feind, heranzurücken […] Dies Motiv durchtönt mein ganzes Lebenswerk, mit vielen Schmerzen.“
Diese schon vor Jahrzehnten formulierten Einsichten klingen beklemmend aktuell, wenn die lokale, kontinentale und globale Lage in den Blick kommt. Es ist evident, dass auf all diesen Ebenen Feinde einander gegenüberstehen, Polarisierungen bis hin zu bis zum Zerreißen gespannten Gesellschaften vorfindbar sind, denen ein Gespräch der Feinde wohl anstünde. Auch der Gedanke, dass Konflikten nicht auszuweichen ist, sondern dass Friede erst möglich wird, wenn die Menschen ein Leben in Konflikten bewältigen, scheint gerade mitten im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts so brisant wie notwendig. Das Gespräch der Religionen, die Auseinandersetzungen innerhalb des Islams, der Dialog zwischen Muslimen und dem Westen, der interkulturelle Dialog sind nur Beispiele für derartige Notwendigkeiten.
Und selbst wenn sich die Lage hierzulande bloß als Probebühne der großen Welt erwiese, so schreit die grassierende Polarisierung auch hierzulande nach dem Gespräch der Gegner: Die Verwerfungen rund um die Flüchtlingskrise haben längst noch keine Entsprechung im Diskurs gefunden – im Gegenteil: Verhärtungen von Positionen sind allemal mehr bemerkbar als Versuche des Dialogs. Nur das Pendel schlägt einmal in Richtung der „Willkommenskulturellen“ und dann wieder – etwa nach den Kölner Neujahrsereignissen – in die Gegenrichtung aus. Dass aber jede Seite den Versuch macht, sich in die Seele der anderen zu versetzen, davon hört man wenig. Es müsste dennoch geschehen, will man den drohenden oder längst manifesten Verhärtungen der Gesellschaft entgegenwirken.

Erst einmal die Fragen formulieren

Es gelte, schreibt Chefredakteur Wolfram Ellenberger in der eben erschienenen Februar / März-Ausgabe des Philosophie Magazins, „eigene Ängste und Hoffnungen, Sorgen und Ziele für alle besprechbar zu machen: offen, ehrlich und mit offenen Ohr auch für das, was wir vielleicht lieber nicht hören oder nicht einmal verstehen wollen.“ Ellenberger schreibt, es sei die Zeit für ein „klärendes Gespräch über das Land und die Welt, in denen wir leben wollen“. Man hört in derartigen Zeilen das mitschwingen, was schon bei Friedrich Heers „Gespräch der Feinde“ oder „Leben in Konflikten“ angeklungen ist. Ellenberger kommt zur Conclusio: „Ein Anfang dazu wäre gemacht, wenn wir den Mut hätten, uns für den Moment eine grundlegende Perplexität einzugestehen; und deshalb erst einmal Fragen zu formulieren.“
Im zitierten Philosophie Magazin suchen 27 Philosoph(inn)en, ihre je eigene Antwort
auf die Frage „Was tun?“ angesichts der Flüchtlinge zu formulieren. Ein lesenswertes Unterfangen – und eine der noch viel zu raren Anläufe, die diskursive Starre zu überwinden. Und die herrscht nicht nur in den Gelehrtenstuben, sondern auch bei den Flüchtlingsbetreuern wie den Stammtischen landauf, landab. Starre meint hier, dass die jeweils eigene Überzeugung dem Gegenwind der anderen, auch unversöhnlich daherkommenden Position ausgesetzt wird.
Nochmals Friedrich Heer 1982: „Menschen fordern immer wieder von anderen – weil sie selbst keinen Frieden geben können –, dass immer der andere damit beginnen solle. Es ginge doch darum, dass immer mehr Menschen herangebildet werden, die imstande sind, ihren Innenraum so weit aufzumachen, dass nicht nur die eigenen, sondern die jeweils anderen Konflikte aufgenommen und verarbeitet werden können.“ Ja, das alles wurde schon vor 33 Jahren gesagt. Heute ist dem nichts hinzuzufügen.

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