ro ro

Themen-Optionen Ansicht

02/2016 - Gesprächskultur in stürmischer Zeit
  #1  
Ungelesen , 09:02
Gesprächskultur in stürmischer Zeit

Ob „Bürgermeister-Treffen“ oder „Social Dinner“, ob „Wiener Salon für Wandel“ oder „Wiener Salon für Zukunft“: Immer mehr Initiativen bemühen sich, geschützte Räume für strukturierten und wertschätzenden Austausch zu schaffen.

| Von Markus Merz


Es war am 4. September 2015. Die Ratlosigkeit angesichts der hohen Flüchtlingszahlen hatte einen ersten Höhepunkt erreicht, als man im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach zum Bürgermeister-Vernetzungstreffen lud. Rund 100 Gemeindechefinnen und -chefs versammelten sich im Turnsaal der Hauptschule, um sich in moderierten Kleingruppen über „Wege aus der Asylquartierkrise“ auszutauschen – unter ihnen der soeben gekürte Flüchtlingskoordinator Christian Konrad, den man diesmal plötzlich nicht Ton angeben, sondern zuhören sah. Das Ergebnis der Gespräche war ein 60-seitiges Handbuch, das bis heute allen Interessierten zur Verfügung steht (vgl. www.alpbach.org). Und schon demnächst gehen die Vernetzungstreffen in die nächste Runde.
In stürmischen Zeiten Raum schaffen für wertvolle Begegnungen und Gespräche, aus denen im besten Fall etwas Neues entsteht: Dieses Ziel verfolgen in Österreich bereits einige Initiativen. Der Verein „space and place“ etwa lädt regelmäßig zum „Social Dinner“ in magdas Hotel ein, wo Wiener Bürgerinnen und Bürger mit Asylwerbern ins Gespräch kommen (vgl. spaceandplace.at).
Organisator Eugene Quinn sieht seine Rolle darin, dezidiert kulturelle Räume zu öffnen. Auch mit Menschen grundverschiedener politischer Ausrichtung hat er dies eingeübt – und bald gemerkt, wie vorgegebene Fragen und die Etikette „Kaffeehaus“ auch bei polarisierenden Themen zu einem besseren Zuhören beitragen können.

Salon als Gesamtkunstwerk

Andere Formate greifen schon in ihrem Namen auf jenes altehrwürdige Format zurück, das Ende des 19. Jahrhunderts in den pulsierenden Metropolen Europas nicht nur einen geschützten Raum für tiefsinnige Gespräche über Politik, Kunst und Literatur bieten sollte, sondern von den häufig weiblichen Gastgebern nicht selten zum Gesamtkunstwerk stilisiert wurde: den „Salon“.
Österreichs erster Salon, der die Kunst des Gastgebens („Art of Hosting“) zelebrierte, entstand in Bregenz; es folgten weitere in Graz und Innsbruck, im Waldviertel und in der Bundeshauptstadt. Der „Wiener Salon für Wandel“ sucht etwa einmal im Monat in der „VinziRast-mittendrin“ im neunten Gemeindebezirk nach Ideen für eine nachhaltigere, faire und gesunde Welt (vgl. wienersalon.com). „Bei den meisten Diskussionen gibt es immer Streit um das bessere Argument, wobei jeder auf seiner Meinung beharrt. Als Gruppe oder auch Gesellschaft bringt uns das aber nicht weiter“, weiß der Organisationsentwickler Holger Heller. Im „Wiener Salon für Wandel“ gehe es hingegen darum, einander wirklich gut und ohne Vorurteile zuzuhören. Diese Grundsätze und eine gute Prozessbegleitung sind auch und gerade bei kontroversiellen Themen – etwa Bürgerforen zur Aufnahme von Flüchtlingen – wichtig, betont Heller. „Wenn man die Leute einfach nur aufeinander loslässt, wird das nicht funktionieren.“
Weniger kontroversiell, aber nicht minder kreativ geht es im „Wiener Salon für Zukunft“ zu (vgl. wienersalon.eu). Das Motto lautet: „Inspirierende Menschen treffen sich im halbprivaten Raum und tauschen ihre Gedanken vertrauensvoll aus. Aus Ideen werden Projekte. Aus Fremden werden Freunde.“ Ein Besuch in der schicken „Labstelle“ im ersten Wiener Bezirk zeigt, wie das gelingen soll. Etwa 30 Männer und Frauen verschiedenen Alters sitzen in einem gro*ßen Kreis – für sich schon eine Botschaft, steht der Kreis doch als Grundform für Teilhabe und gegenseitiges Zuhören. Sogleich stellen sich die ehrenamtlichen Gastgeber vor: die Unternehmer Harald Preyer und Ursula della Schiava-Winkler, die Gründerin des Salonhosting-Netzwerks, Ursula Hillbrand, und der „Grafic Recorder“ Harald Karrer – ein Schnellzeichner, der die Gesprächs-Erträge durch Symbole, Kurzbotschaften und Zuordnungen flugs auf einem Flipchart sichern wird. Ihr ehrenamtliches Mitwirken im Salon verstehen sie alle als ein „Statement von Dankbarkeit“ gegen*über einer Gesellschaft, deren Grundlage sie nicht selbst geschaffen haben.
Anders als in „magdas Hotel“ wirkt dieser Austausch freilich durch und durch unternehmeraffin: Nicht der Umgang mit Flüchtlingen, sondern das Thema „unternehmerisches Denken fördern“ steht heute im Mittelpunkt. Sechs Personen haben die Gelegenheit, ihr Anliegen vorzutragen und den eigenen Beitrag für eine lebenswerte Gesellschaft im Diskurs zu erarbeiten. Ein Teilnehmer will wissen, wie die Geschäfte neben dem Online-Handel weiter bestehen können. Eine andere fragt, wie die Ernährung der Stadt Wien durch „urban gardening“ und stadtnahe Fischzucht ergänzt werden kann. Und einer begeht schließlich eine Themenverfehlung und fragt, wie sich das christliche Abendland „im Zeitalter der Völkerwanderung“ christlich halten lässt.
Von der Struktur her orientieren sich die Gespräche am „World Café“, einer interaktiven Methode, in der in lockerer Weise Menschen beisammen sitzen und zugleich beweglich bleiben. Hier, im Salon-Format, bleibt der „Gastgeber“ freilich an einem Tisch und bringt seine eigene Frage ein. Drei Runden lang bleibt er an diesem Thema und kommt mit immer neuen Leuten ins Gespräch. Zum Abschluss des Abends benennt er die Früchte der gemeinsamen Suche und berichtet dem großen Kreis davon.

Schule der Aufmerksamkeit

Die Geisteshaltung, die dem Salon zugrunde liegt, wird der Schule der Aufmerksamkeit nach Claus Otto Scharmer zugeordnet. In seiner in den vergangenen Jahren formulierten und verbreiteten Gesellschaftstheorie „Theorie U“ geht der in den USA lehrende Sozialökonom der Frage nach, wie Neues in die Welt gebracht werden kann. Er versteht es als Führungsaufgabe wacher Zeitgenossen, die Aufmerksamkeit so auszurichten, dass sich positive Energie einstellt, dass sich eine neue Dynamik entwickelt und ein Flow entsteht. Für Scharmer heißt dies, von den Zukunftsmöglichkeiten her denken, fühlen und handeln und mit Gleichgesinnten in einen schöpferischen Dialog eintreten.
Diese Kraft der Veränderung lässt sich auch im kleinen Kreis der Wiener Visionäre und Akteure entdecken. Offenbar hegt keiner die Befürchtung, die eigenen guten Ideen könnten missbraucht werden.
„Wiener Salon – quo vadis?“ fragt schließlich an einem Tisch der Gastgeber und Mitorganisator Harald Preyer, der seinen Fokus vom eigenen Betrieb auf das Unternehmen Gesellschaft gerichtet hat. Mit welchem Versprechen lassen sich Menschen einladen, auf dem Wege des Salons an gesellschaftlichen Veränderungsprozessen teilzuhaben? Da mag einem so manches einfallen: Vielleicht, indem ein solcher Abend niederschwelliger gestaltet wird und auch andere Bevölkerungsgruppen oder ideologische Kontrahenten anspricht? Oder indem der Salon ein wenig frecher ist – so wie in den Anfängen der Salons, die auch Stein des Anstoßes sein konnten und damit der eigenen Zeit immer ein Stückchen voraus waren.
Am Ende sitzen wieder alle im Kreis. Dankbarkeit wird spürbar: Für die gewonnenen Ideen, für vertraut gewordene Menschen. Jeder kann sich als Handelnder spüren und als Teil eines Prozesses, um Neues in die Welt zu bringen. Könnte nicht in einer Zeit, in der die Gesellschaft aus den Fugen zu geraten scheint, ein solches Gesprächs-Format genutzt werden, um auch mit Migrantinnen und Neubürgern, mit besorgten Menschen und mit Zuversichtlichen, mit seinesgleichen und mit „den anderen“ ins Gespräch zu kommen?
Harald Preyer kann dem durchaus etwas abgewinnen: „Allein durch eine wertschätzende Haltung, allein durch Verlangsamung und Zuhören kann in einer aufgeheizten Stimmung die Kontroverse fruchtbar geführt werden“, ist er überzeugt. Man sollte ihn beim Wort nehmen – auch über Bürgermeistervernetzungstreffen hinaus.


| Der Autor ist evangelischer Pfarrer und Supervisor in Wien |

(Mitarbeit: Doris Helmberger)

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  01:28:53 07.20.2005