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01/2016 - Angst essen Seele auf (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 10:35
Angst essen Seele auf

Nach einem Jahreswechsel, an dem terroristische Bedrohung europaweit greifbar war, stellt sich die umfassende Auseinandersetzung mit Angst als Herausforderung dar.

| Von Otto Friedrich


Die „Bedrohungslage“, wie es auf Neudeutsch heißt, war zwar „abstrakt“, aber doch so konkret, dass Maßnahmen ergriffen werden mussten. Auf derartigen Nenner lassen sich verschiedene Vorfälle in europäischen Städten bringen, wie sie rund um den Jahreswechsel berichtet werden. Im Vergleich zu den Bahnhofsevakuierungen in München wirkte da die kurzzeitige Sperre am Wiener Stephansplatz wegen eines abgestellten Fahrrades wie ein österreichisches „Episoderl“ angesichts der Szenarien anderswo.
Es soll den polizeilichen Vorsorgemaßnahmen hier keineswegs am Zeug geflickt werden, aber gleichzeitig muss man konstatieren, dass es den terroristischen Bedrohern gelungen ist, zumindest für diesen geschichtlichen Augenblick Europas Gesellschaften in Angst zu versetzen. Das ist im Übrigen kein Alleinstellungsmerkmal des islamistischen Terrors, Vergleichbares war auch in den Jahren des RAF-Terrors in Deutschland oder der Anschläge der Roten Brigaden in Italien oder nichtreligiös motivierter palästinensischer Terrorgruppen in den 1970-ern und 1980-ern der Fall. Die Frage nach angemessener Reaktion und notwendigem Schutz von Gesellschaften stellte sich damals in ähnlicher Weise wie heute.

Eine Frage intellektueller Demut

Die Verbreitung von Angst zählt zu den Strategien des Terrors, und diese Angst bedrängt die Gesellschaften auch, wenn es kaum direkt um Anschlagsgefahr – wie etwa beim Umgang mit Flüchtlingen – geht. Fragen der Angst in der Gesellschaft und der Umgang damit stellen eine der großen Herausforderungen des eben begonnenen Jahres dar. Und es stimmt nicht, was man zuletzt auch in mehreren Leitartikeln lesen konnte, dass es sich bei der Befassung mit dem Angst-Thema bloß um intellektuellen Hochmut handelt. Im Gegenteil gebietet es die intellektuelle Demut, sich auf die Angst-Frage(n) in allen möglichen Facetten einzulassen. Dazu gehört auch, dass es gerade das Diffuse an den „abstrakten“ Bedrohungsszenarien ist, welches Ängste befördert.
Keine Frage, es stellt eine Aufgabe der gesellschaftlichen Institutionen wie des Staates dar, die (Existenz-)Ängste seiner Bürgerinnen und Bürger zu minimieren. Dabei bleibt klar, dass es absolute Sicherheit, ein völlig angstfreies Leben nicht gibt. Und dass sich das Diffuse der Bedrohung gar schnell in ein Beherrschungsszenario ummodeln lässt.

Eine der großen Aufgaben der Zukunftsbewältigung

Die Bedrohung der Sicherheit und die Bedrohung der Freiheit sind in diesem Sinn antagonistische Phänomene. Mehr Sicherheit geht im Allgemeinen mit weniger Freiheit einher. Auch von daher ist das Ringen um rechte Balance zwischen beiden ein immerwährendes Gebot der Stunde.
Wie mit Angst Politik gemacht wird, sieht man nicht nur in den Parolen der Populisten jedweder Provenienz. Man erinnert sich, dass etwa die US-Administration unter George W. Bush mit Angst (und zwar dem behaupteten Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen) den Irakkrieg 2003 begonnen hat – mit dem Ergebnis, dass die Region und die Welt alles andere als sicherer geworden sind. Die Vakua, die im Gefolge dieses Krieges entstanden sind, gehören zu den Ursachen der Entstehung gegenwärtiger Angst-Versetzer wie etwa der IS-Terroristen.
Die hier angedeuteten gesellschaftlichen Versatzstücke und noch viele mehr zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der Angst eine der großen Aufgaben zur Zukunftsbewältigung darstellt. Geschieht dies nicht, dann steht das vor Augen, was Rainer Werner Fassbinder vor 30 Jahren in seinem Filmtitel „Angst essen Seele auf“ prägnant auf den Punkt gebracht hat. Man muss nicht lange darüber sinnieren, wie es diesbezüglich um Europas Seele zurzeit bestellt ist. Man darf sich dennoch nicht damit abfinden.

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