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05/2016 - Die Politik der Bodennähe (Martin Tauss)
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Ungelesen , 10:15
Die Politik der Bodennähe

Gewaltfreiheit ist ein Ausdruck unseres zivilisatorischen Niveaus: Gerade in unruhigen Zeiten erscheint das Vermächtnis von Marshall Rosenberg aktueller denn je.

| Von Martin Tauss

Es ist verwunderlich, wie schnell ein existenzielles Thema in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses getreten ist: die Gewalt. Die auslösenden Entwicklungen sind bekannt: Die Terroranschläge auf europäischem Boden, die anhaltende Flüchtlingskrise und die sexuellen Übergriffe in Köln, verbunden mit einer ohnmächtig wirkenden Politik, haben das gesellschaftliche Klima in Europa zutiefst verändert. Heute ist es soweit, dass sich ein keineswegs kleiner Teil der österreichischen Bevölkerung mit Waffen eindeckt; das Geschäft mit Pistolen, Flinten und Pfeffersprays floriert. Auch Bürgerwehren haben sich gebildet, und es gibt sogar verängstigte Zeitgenossen, die sich für einen Bürgerkrieg zu wappnen versuchen.
Dass der Mensch „zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf“, hat Sigmund Freud in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ (1929) luzide diagnostiziert. Dieses Unbehagen bezieht sich nicht auf einen drohenden „Untergang des Abendlandes“, sondern generell auf die dünne Decke der Zivilisation: Denn unter all den „hohen“ kulturellen Errungenschaften brodelt ein Abgrund aus „niederen“ Impulsen, an sexuellen, aggressiven und destruktiven Trieben. Und ganz zuunterst lauert die Niedertracht.

Impulse von unten

Dass diese Impulse heute kräftig nach oben strömen, liegt auch an der neuen Kultur der Internet-Kommunikation: Es reichen ein paar Reizwörter, und schon sprießen die Hasspostings aus dem Boden. Die Online-Medien ermöglichen kurze Reiz-Reaktionszeiten, wobei die kontrollierend-reflexive Instanz des (Über)-Ichs oft abgeschaltet bleibt.
In diesen unruhigen Zeiten ist Marshall Rosenberg ein hochaktueller Denker. Der Todestag des US-Psychologen jährt sich nun am 7. Februar zum ersten Mal. Rosenbergs Lebenswerk war die Methode der „Gewaltfreien Kommunikation“, die er nicht nur in Alltagskonflikten, sondern auch bei politischen Unruhen und in kriegsartigen Situationen erprobte, etwa in Palästina, Israel oder im ehemaligen Jugoslawien. Rosenberg setzte auf die Kunst des Dialogs und die Einbeziehung der Gefühle. Er zeigte, dass Gewalt bereits im Denken und in der Sprache, in den subtilsten Formen beginnt. Und er orientierte sich an Galionsfiguren wie Martin Luther King oder Mahatma Ghandi. Letzterer hatte schließlich bewiesen, dass Gewaltfreiheit nicht unbedingt schwach und erfolglos bleiben muss.

Ambitionen nach oben

Während Rosenbergs Vermächtnis also in die höchsten Gefilde der Zivilisation verweist, geht es in der österreichischen Politik ein bisschen bodennäher zu. Zwei Episoden aus dem Kampf um das höchste Amt im Staat mögen dies verdeutlichen: Da ist etwa der Start von Norbert Hofer, der bei seinem ersten Auftritt als FPÖ-Präsidentschaftskandidat in der Zeit im Bild 2 verriet, was in diesem Amt wirklich zählt: „Es ist für mich immer viel wichtiger, was tut jemand und nicht, was sagt jemand. Und ich würde auch Politiker nicht daran beurteilen, was sie sagen, sondern was sie tun.“ Das ist eine schlechte Ausrede für eine Verbalattacke seines Parteichefs Strache, der Bundeskanzler Faymann beim FPÖ-Neujahrstreffen als „Staatsfeind“ verunglimpft hat – wäre aber auch eine fatale Fehleinschätzung bezüglich der Macht der Sprache im Rahmen der Präsidentschaft. ÖVP-Kandidat Andreas Khol wiederum zeigte, dass er bereit ist, den hohen Idealen des Christentums Gewalt anzutun und diese für seinen Wahlkampf umzudeuten, als er davon sprach, dass die „Nächstenliebe“ nicht nur eine „Fernstenliebe“ sein kann: „Wir müssen zuerst auf unsere Leut’ schauen.“
Bleibt die Frage, warum man es im Zweifelsfall oft allzu billig gibt. Für die Wähler jedenfalls erscheint es nötig, nicht nur die Position der Politiker zu verorten (zwischen links und rechts), sondern auch deren Blickrichtung: nach oben oder nach unten.

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