ro ro

Themen-Optionen Ansicht

12/2016 - „Das Evangelium ist keine Wellness-Religion“
  #1  
Alt 23.03.2016, 08:33
„Das Evangelium ist keine Wellness-Religion“

„Es geht um das Reich Gottes und nicht um die Kirche“: Wilhelm Krautwaschl, Bischof von Graz-Seckau, markiert im FURCHE-Gespräch den Weg, den die Kirche gehen sollte.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich

Seit 14. Juni letzten Jahres steht Wilhelm Krautwaschl der Diözese Graz-Seckau vor. Die Steiermark gilt seit vielen Jahren als katholisches Kerngebiet, die Herausforderungen für die Kirche sind südlich des Semmerings aber kaum geringer als anderswo in Österreich. Dass mit dem in der Diözese tätigen Wilhelm Krautwaschl ein Wunschkandidat der Steirer als Bischof zum Zug kam, ließ viele aufatmen. Nun stellt sich der „junge“ Hirte den Mühen der Ebene. Im ersten großen Interview für die FURCHE spricht Krautwaschl an, wohin sich seine (Orts-)Kirche bewegen sollte.

DIE FURCHE: Jesus hat einmal gesagt, das Reich Gottes ist nicht irgendwo, sondern schon „mitten unter euch“. Wenn das so ist: Wo sehen Sie das Reich Gottes heute?
Wilhelm Krautwaschl: Vor einigen Tagen war ich bei einem Konzert der Gruppe Gen Rosso, ein Projekt mit 220 Schülerinnen und Schülern eines Gymnasiums hier in Graz, ein Musical, das nach drei Tagen Lernen aufgeführt worden ist. In dieses Gymnasium gehen Schüler und Schülerinnen aus etwa 15 Nationen, die drei Tage miteinander gearbeitet haben. Was die Jugendlichen dort erlebten, war, dass man sich aufeinander einlässt. Das heißt, dort wurde wirklich Begegnung ermöglicht. In einem solchen Miteinander blitzt ein wenig von dem auf, was auch Reich Gottes ist, von dem Jesus gemeint hat, dass es tatsächlich heute schon verwirklicht ist. In manchen genuin kirchlichen Erfahrungen blitzt Ähnliches auf.
DIE FURCHE: Es geht also um eine Beziehung der Menschen untereinander?
Krautwaschl: Ob der Begriff „Reich“ im Zeitalter von Demokratien gescheit ist, weiß ich nicht. Aber es ist klar: Das ist eine Gemeinschaft von Menschen – ob das jetzt die innige Beziehung im Gebet zu Gott ist oder um den Nächsten geht; das Gebot der Gottesliebe und das der Nächstenliebe stehen ja auf derselben Ebene. Auch da geht es um Beziehung. Es ist für mich dann schon eine Herausforderung, wenn ich E-Mails beantworte, wo auch sehr kritische Fragen kommen: Wie zeige ich dem oder der jetzt, dass es um Beziehung geht? Denn ich kann nicht mit denselben Waffen zurückschießen, mit denen sie auf mich oder „die Kirche“ schießen. Das würde nicht dem entsprechen, was Jesus gewollt hat.
DIE FURCHE: Mit welchen Waffen wird da auf Sie geschossen?
Krautwaschl: Ich erhalte Mails wie: Die Bischöfe Österreichs sind in Flüchtlingsfragen der linken Presse verfallen. Oder: Sie vertreten nicht mehr die Wahrheit der Kirche bei Homosexualität usw. Heute in der Früh hat mir jemand gemailt: Was gedenken Sie in der Kirche gegen die Islamisierung zu tun?
DIE FURCHE: Was Sie da beschreiben, zeigt: Was Sie tun und sagen ist auch politisch.
Krautwaschl: Natürlich. Wenn ich das, was Jesus von Gottes- und Nächstenliebe sagt, ernst nehme, muss ich fragen: Was heißt das für die, die gestrandet sind? Was heißt das für jene, die da sind und um Hilfe bitten? Da kann ich nicht zuerst einen Mitgliedsausweis verlangen, ob jemand katholisch ist. Als Bischof habe ich dann in Erinnerung zu rufen: Es geht um Menschen! Und das ist höchst politisch.
Ich hatte gestern Besuch von einer Gruppe Jugendlicher. Ich bin mit ihnen in die Kapelle gegangen und habe gesagt: In dieser Unübersichtlichkeit, wo kein Mensch, wenn er ehrlich ist, weiß, wie es weitergehen wird, ist in der Kapelle für mich jener Ort, wo ich weiß, hier gibt es Ruhe und Orientierung. Und weiter: Ich beneide euch nicht, euch in dem Gewusel, dem ihr ausgesetzt seid, zurechtzufinden. Ich kann nur antworten: Ich könnte das nicht leisten, wenn ich nicht die Gewissheit habe, dass zehn Meter weiter der Tabernakel ist mit der Wirklichkeit, die seine Gegenwart deutlich macht. Und das ist politisch – in einer anderen Art und Weise, als wir es normalerweise verstehen. Aber das gibt mir auch die Möglichkeit, den nächsten Schritt bewusster zu gehen. Viele sagen ja, ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus, ich ziehe mich zurück und baue um mich herum einen Kokon und will eigentlich nichts mehr mit der Welt zu tun haben, weil alles so kompliziert ist. Ich habe diese Verankerung in Gott, und aus dieser Verankerung kann ich sagen: Um das geht es! Daher möchte ich alles dazu tun, dass diese Beziehung verkündet wird.
DIE FURCHE: Was Sie beschreiben, ist der Grund, auf dem Sie stehen. Aber Sie müssen beispielsweise in der Flüchtlingsfrage Position beziehen und sagen, wo Sie stehen.
Krautwaschl: Da werde ich nicht müde, einzuladen, zu differenzieren. Und nicht nach einfachen Antworten zu suchen. Es gibt die Antwort nicht. Ich muss etwa fragen: Wo ist die Weltgemeinschaft gefragt, wo die EU, wo Österreich – und wo sind wir unmittelbar gefragt, unser Christsein zu leben?
DIE FURCHE: Das trifft natürlich direkt auch auf die Kirche zu. Sie sollen sich in Ihrer Diözese, in der lokalen Kirche damit auseinanderzusetzen, der Papst wird nicht müde zu sagen, kümmert euch um die Flüchtlinge. Diese Spannung trifft auch Kirche ...
Krautwaschl: … und diese Spannung wird uns nicht erspart bleiben. Denn das Evangelium ist keine Wellness-Religion. Es drängt uns, die Komfortzone zu verlassen. Aber leben wir das auch? Wir haben es uns sehr gut eingerichtet. Ich werde da nicht müde, zu sagen: Leute, es geht um die Sendung. Dafür seid ihr da – nicht für euch selber. Das sollte uns bewusster werden – das sagt ja auch der Papst. Da sind wir schon auch innerkirchlich herausgefordert, nicht auf einfache Lösungen zu setzen. Das heißt für mich, sich einzulassen auf das Mühsame, auf die Suche nach dem, was Gott von uns will. Das tut uns vielleicht weh — etwa wahrzunehmen, dass die 1960er Jahre der katholischen Kirche in Österreich vorbei sind.
DIE FURCHE: Sie haben vor Weihnachten in einem Interview gesagt, dass Sie Asylobergrenzen für keine gute Lösung halten. Wenn ich Sie richtig verstehe, wäre das so eine einfache Lösung auf ein komplexes Problem. Jetzt ist diese Obergrenze – zumindest theoretisch eingeführt. Was sagen Sie jetzt dazu?
Krautwaschl: Trotzdem erreichen uns Meldungen von Flüchtlingen, die versuchen in die „Festung Europa“ zu kommen. Die Unmittelbarkeit hat sich verschoben in den Süden, das Problem allerdings nicht. Grenzen, die so neu definiert werden, haben etwas Gefährliches an sich, denn Festungen fallen zumeist. Wir müssen am Frieden arbeiten, der nicht zuletzt zu Hause beginnt. Papst Franziskus spricht von „Brücken statt Zäunen“. Ich weiß auch keine einfache Lösung, aber ich muss darauf aufmerksam machen. Ich sehe auch, dass in der Flüchtlingssituation manches eruptiv an die Oberfläche kommt, was sowieso zu lösen ist. Was heißt Generationenvertrag in Österreich, wenn immer weniger Leute im Arbeitsprozess die anderen erhalten müssen? Was heißt die höhere Lebenserwartung mit Pflege und so weiter. Da gibt es genug Fragen, die zu lösen sind.
DIE FURCHE: Was man der Kirche nicht vorwerfen kann, ist, dass sie nicht gewarnt hätte – seit Jahren endet jede Bischofskonferenz mit dem Aufruf: Man muss in den Ländern des Südens etwas tun. Wir wissen, der Staat investiert immer weniger. Die Kirche war nicht leise. Aber es hat bis heute keinen Effekt.
Krautwaschl: Man sollte einmal hinschauen, wie viele Menschen sich da engagieren – die eigentlich der Politik keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr zubilligen. Das könnte sich als Gegenerfahrung darstellen. Ob die vielleicht Kirche wieder neu erleben, weil sich Kirche so klar positioniert? Ich glaube, da tut sich schon etwas.
DIE FURCHE: Aus Wiener Pfarren ist zu hören, dass sich bei den Flüchtlingen viele engagieren, die nie etwas mit der Kirche am Hut gehabt haben, und wenn man sie fragt: Warum tut ihr das, wir haben euch ja noch nie in der Kirche gesehen? Dann antworten sie: Wir sind Christen wie ihr, wir fangen halt nichts an mit den Formen, die ihr habt.
Krautwaschl: Auch ich kenne Ähnliches. Und ich sage: Haben wir wirklich das Monopol darauf, die Guten zu sein? Wir sind so von unserer überkommenen Kirchlichkeit geprägt, dass uns sofort der Satz herausrutscht: Aber am Sonntag kommen sie nicht in die Kirche! Wir haben noch zu lernen. Wir sind noch nicht angekommen: Es geht um das Reich Gottes und nicht um die Kirche. Ich habe die Kirche als Raum der Freiheit kennengelernt, wo ich mich entfalten kann, wo ich auch für das Leben anderer etwas beitragen kann. Deswegen werfe ich mich da hinein, stelle mein Leben zur Verfügung.
DIE FURCHE: Sie plädieren also für eine Öffnung für Menschen, die bislang nicht einer traditionellen Kirchlichkeit verhaftet waren. Muss sich aber nicht auch die Kirche in ihren Strukturen bis zum Amt hin verändern? Zuletzt wurde bei der Familiensynode die Entfernung der Kirche und ihrer Lehren von der Lebenswelt der Menschen deutlich. Es sind also andere Zugänge notwendig, als in einer kleruszentrierten Kirche bislang denkbar waren. Nicht nur in der Flüchtlingsfrage, sondern auch in den innerkirchlichen Problemen driften die Kräfte auseinander.
Krautwaschl: Bei uns ist über Jahrhunderte hinweg Christsein relativ abgesichert gelebt worden. Wir sind auch von den Gesetzen und vom Geld her relativ abgesichert. Aber der Papst fragt: Leben wir das Evangelium? Und ja, da sind manche unserer Strukturen fraglich. Und das rüttelt auf, irritiert. 2013 wurde bei uns etwa die Frage diskutiert, ob nicht die Aufgaben der Dechanten andere geworden sind. Ich habe diese Frage neu aufgegriffen. Und in der Stadt Graz sind im Herbst die Dekanate aufgelöst worden, weil sie ganz anders organisiert werden müssen. Und eine ähnliche Sache wäre in der ganzen Steiermark denkbar – auch wenn ich natürlich nicht weiß, was da herauskommt.
DIE FURCHE: Derartige Prozesse gibt es überall in der europäischen Kirche – mit großen Widerständen. Und ein Vorwurf kommt immer wieder: Die Strukturreformen würden deswegen angegangen, weil das traditionelle Bodenpersonal weniger wird, weil es immer weniger bis gar keine Priester mehr gibt. Muss sich also nicht auch die Ausgestaltung des Priesteramts grundsätzlich ändern?
Krautwaschl: Die Reformen sind wohl aus diesem Grund ausgelöst worden, wie Sie sagen. Aber könnte es nicht sein, dass wir schon zu taub sind, die Anweisungen Gottes zu hören, sodass er sich nicht mehr anders zu helfen weiß? Oft heißt es dann, wenn man den Zölibat lockert, würde vieles besser. Eigentlich geht es aber darum, zu entdecken, wo uns Gott hinsendet, und nicht in Fragen der Innenarchitektur der Kirche stecken zu bleiben. Jetzt trifft er uns auch in dieser Verfasstheit des priesterlichen Dienstes. Ob wir Geld haben oder nicht, ob wir Priester haben oder nicht: Es geht darum, das zu verkünden, was Jesus aufgetragen hat.
DIE FURCHE: Aber abgesehen von der Aufgabe gewohnter Strukturen geht es schon auch um Zentrales – etwa die Möglichkeit, Eucharistie zu feiern. Man kann alles Mögliche organisatorisch neu aufstellen – aber man braucht den Priester, um Eucharistie zu feiern. Aber das ist doch eine Spannung?
Krautwaschl: Und die mache ich auf.
DIE FURCHE: Das heißt?
Krautwaschl: Die Zeit, in der in unserer Diözese aufgrund der gegebenen Situation innerhalb von 50 Jahren am meisten Pfarren gegründet wurden, war zwischen 1950 und 2000. Mit der Zurückführung in Pfarrverbände führt man also die alten Strukturen wieder ein. Eine weitere Frage, die sich mir stellt: Was ist der wirkliche Dienst des Priesters oder haben sich die Gemeinden nach der spirituellen Pfeife des Pfarrers zu richten? Es gibt innerhalb des kirchlichen Rahmens viele Möglichkeiten, kreativ zu sein. Das beantwortet Ihre Frage nicht, lädt aber zum Tun ein.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2016, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung