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12/2016 - Ostern in wirren Tagen (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 23.03.2016, 09:05
Ostern in wirren Tagen
Mitten in die Karwoche platzen erneut verheerende Terroranschläge. Wie da von Ostern sprechen? Doch gerade in entsicherten Zeiten tut Selbstvergewisserung not.

| Von Rudolf Mitlöhner


Kann, darf man in Tagen wie diesen über Ostern sprechen, Betrachtungen zum höchsten Fest der Christenheit anstellen? Man muss es umso mehr! Die Osterbotschaft hat ja zu keiner Zeit ein aufbereitetes Feld gefunden, in das sie platziert hätte werden können wie etwa eine Werbebotschaft in einen entsprechend harmonischen Kontext. Sie ist vielmehr immer in die Wirrnisse der jeweiligen Zeit hinein verkündet worden. Als Gegenerzählung, die durch zwei Jahrtausende hindurch unzähligen Menschen Hoffnung gegeben, ihnen leben geholfen hat; die Länder und Kulturen geprägt hat; und die insbesondere auch Europa stark gemacht hat.
Es gab nur wenige Zeitfenster in der europäischen Geschichte, die den Menschen ein Leben in Frieden, Freiheit, Wohlstand, Sicherheit ermöglichten. Das jüngste dieser Zeitfenster stand während der letzten drei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts offen. Weit wie nie zuvor, waren doch die genannten Rahmenbedingungen – nehmt alles nur in allem – in einem bis dahin unbekannten und unvorstellbaren Ausmaß gegeben: Der Friede schien dauerhaft, Freiheit und Wohlstand nahmen zu, alles zusammen verlieh ein Gefühl umfassender Sicherheit. Eine im historischen Maßstab einzigartig privilegierte Epoche – eine Sekunde freilich nur in der Geschichte der Menschheit, auch bloß ein Augenblick in der unserer Zivilisation.

Sinkender Grundwasserspiegel des Glaubens


Die zeichnet sich – allen Brüchen und Verheerungen zum Trotz – durch eine Fülle an geistigen und kulturellen Blütezeiten aus, welche allerdings nicht unbedingt mit den Friedens- und Wohlstandsphasen zusammenfallen. Diese Blütezeiten aber sind – neben griechischen und römischen Wurzeln – ganz entscheidend von der Osterbotschaft, oder allgemeiner gesagt: der jüdisch-christlichen Tradition geprägt, selbst noch in kritischer Auseinandersetzung oder auch Ab- bzw. Auflehnung.
Das gilt heute nicht mehr in der Weise. Das europäische Christentum wirkt seltsam müde, kraftlos, ausgelaugt. Dabei gibt es zweifellos eine Wechselwirkung zwischen Kulturchristentum und persönlicher Glaubensüberzeugung: Mit dem Sinken des Grundwasserspiegels des Glaubens kommt dem Christentum auch seine Funktion als Substrat und Ferment der Gesellschaft abhanden – wodurch vice versa religiöse Lebensentwürfe an Plausibilität verlieren. Das kann auch eine Chance sein – im Sinne jener Entweltlichung, von der Benedikt XVI. gesprochen hat: Sie wirft uns auf das Eigentliche zurück, auf die grundlegenden Fragen.

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“


In wirren, buchstäblich entsicherten Zeiten tut Selbstvergewisserung not. Wofür steht dieses Europa? Was sind die – auch nach diesen Terroranschlägen wieder von allen – beschworenen „europäischen Werte“? Ist es mehr als ein Lebensgefühl, eine (oft „unerträgliche“) „Leichtigkeit des Seins“? Haben wir den zu uns Kommenden (unabhängig von der Frage wer und wieviele und aus welchen Gründen kommen sollen bzw. können) Wesentliches zu bieten, auch im nichtmateriellen, geistig-kulturellen Sinn? Das wäre, nebenbei bemerkt, wahre Willkommenskultur und somit Voraussetzung für echte Integration.
Die christlichen Kirchen und jeder einzelne in ihnen müssen, wollen sie zu diesem Prozess der europäischen Selbstvergewisserung etwas Substanzielles beitragen, den religiösen Kern ihrer eigenen Tradition immer wieder freilegen. Im Zentrum steht dabei die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15). Sie findet ihre Antwort im Bekenntnis des Petrus – „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16) – und, gewissermaßen unter verschärften Bedingungen, in jenem des Hauptmanns beim Kreuz: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39). Das ist die Zumutung des christlichen Glaubens, ohne die es kein Ostern gibt.

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